Vietnam Ein Reiseziel zum Verlieben

Im Mekongdelta findet auch der Markt auf dem Fluss statt

Vor einem Jahr fragte ich den zweifachen Pulitzerpreisträger Horst Faas, ob er sich an eine Liebesgeschichte in Vietnam erinnern könne. "Nur an eine", sagte der 73-Jährige, nachdem er einige Minuten nachgedacht hatte. "Die einzige schöne Liebesgeschichte, die ich kenne, ist die des Life-Fotografen Dick Swanson.

In Vietnam lebte er mit einer Frau zusammen, die Fallschirmjägerin bei der südvietnamesischen Armee war. Alle nannten sie nur Germaine. Als sie im Hotel "Continental" in Saigon heirateten, hatte er sich sogar ein ao dai angezogen. Swanson arbeitet danach für Life in Hongkong und Saigon. Danach brachte er nicht nur seine Frau aus dem Land, sondern ihre ganze Familie - alle 30 oder 40 Menschen." Ist es so schwierig, in Vietnam eine dauerhafte Liebesgeschichte zu finden? Eine Romanze zu erleben?

Vietnam lässt sich in vier oder fünf Tagen bereisen - das genügt, um sich in das Land zu verlieben. Saigon ist ein guter Anfang. Internationale Hotels, saubere Betten; nur wenige Bettler, die auch noch Englisch sprechen; dazwischen katholische Kirchen und bunte, hübsche Pagoden, die historische Würde vermitteln, selbst wenn sie erst vor einigen Jahren renoviert wurden. Anschließend vielleicht ein Abstecher ins Mekong-Delta. Dann das Zentralland: Hoi An ist besonders beliebt, weil es dort angeblich so westlich zugeht und jeder zweite Einheimische Blumen verkauft, was die Stadt sympathisch macht. Weil Frauen und Männer, die Blumen verkaufen, gute Menschen sind. Zum Schluss Hanoi. Regierungssitz. Trotz der internationalen Besucher sind die Hanoier karg und argwöhnisch wie ehedem, wenn sie einen Ausländer treffen. Im Norden lässt sich noch ein Tag anhängen: für die Galerien, die in der Künstlermetropole Hanoi die bessere Ware haben als jene in der Kommerzmetropole Saigon; oder für einen Ausflug in die Ha-Long-Bucht, um mit einem Boot in den Nebel zu rudern, der auf dem Wasser liegt und die Berge verhüllt.

In diesen wenigen Tagen kann man alles sehen, riechen, fühlen, erleben, was Vietnam zu einem der vielfältigsten Reiseziele Asiens macht: den Duft der grünen Papayas; die stillen, jetzt sehr diplomatischen Amerikaner; bescheidene, langsam die Straßen entlang schlurfende Alte mit grauweißem Bart; drei verschiedene Klimazonen; friedliche, sattgrüne Natur; getrocknete Tintenfische, die wie Fledermäuse in den Auslagen der Garküchen hängen; und immer wieder natürlich Ho Chi Minh, den einbalsamierten Superstar, der als einzige der großen kommunistischen Ikonen des vergangenen Jahrhunderts nennenswerte Quoten erzielt: als Statue auf den Straßen, freundlicher Grüßgott-Onkel an der Rezeption oder in lokalen Büros, als unermüdlicher Pädagoge in Schulen,Waisenhäusern, Ministerien.

Für jene Tage ist dieses Land eine perfekte Geliebte. Sie wird jeden Ankömmling anlächeln, bezirzen, erstaunen, verwirren, ihre schönsten Gewänder zeigen und selbst in den löchrigsten Kleidern verlockend anständig wirken. Es gibt Menschen, die länger geblieben sind, weil sie sich Hals über Kopf in dieses Land verliebten. Wenn sie als Geschäftsleute kamen, haben sie alles dafür getan, um hier Geld zu verdienen; wenn es Vietnamesen sind, die einst als Boat People ihre Heimat verlassen haben, so wollen sie immer nur zurückkehren. Die allerwenigsten dieser Menschen aber verraten ihr Geheimnis: Nie hat es jemanden in Vietnam gegeben, der für längere Zeit dort gelebt hat und nicht mindestens einmal, wenn nicht gar sein ganzes Leben an der Liebe zu diesem Land verzweifelt wäre.

In Vietnam weißt du nie, ob deine Seele angekommen ist. Es ist schwer, hier einen Menschen zu treffen, der weint. So enden Liebschaften stumm, weil das Leben ein langer Fluss ist, den auch Worte nicht aufhalten können. Es gibt Geschäftsleute, die nach 20 Jahren einen leeren Bürotisch vorfinden, weil ihr bester Assistent ohne jede Erklärung zur Konkurrenz übergelaufen ist. Es gibt Mitarbeiter, die am Vorabend ihre Mutter bei einer Schießerei verloren haben und am nächsten Morgen ins Büro eilen, um Akten abzuarbeiten. Das Wort Depression kennen Vietnamesen nicht. Wenn ein Ausländer erzählt, dass er im Verkehr um sein Leben fürchtet, lachen Vietnamesen, als hätten sie einen guten Witz gehört. Menschen kommen, Menschen gehen. Menschen sterben. Das macht die Liebe zu Vietnam so schwierig: Nichts ist für die Ewigkeit. Es gilt die Kunst, den Augenblick unendlich zu machen.

Heute erwartet in Vietnam ein euphorisiertes Volk die Fortsetzung des Sommermärchens von 2006: Damals rief die Kommunistische Partei ihre neue Regierung aus. Quynh Anh, ihre Mutter, ihre Großeltern und Millionen von Vietnamesen sahen im Fernsehen drei Männer; und obwohl diese ebenso salbungsvolle, verquirlte Sätze von sich gaben wie alle Funktionäre zuvor, ahnten sie: Ein politisches Erdbeben hat stattgefunden. Diese drei Männer waren der neue Premierminister Nguyen Tan Dung, der neue Staatspräsident Nguyen Minh Triet (der einst nicht ins Hotel "Rex" durfte und als Antikorruptions-Experte gilt) und Bildungsminister Professor Dr. Nguyen Thien Nhan. Drei Vietnamesen in Schlüsselpositionen aus dem sich westlich wie kapitalistisch gebärdenden Süden des Landes. Lasst uns nicht zurückblicken, sagen die Einheimischen, am liebsten auch nicht zu weit nach vorn. Nicht die zurückliegende Enttäuschung zählt, sondern die Hoffnung des Augenblicks. Jetzt kann ja nichts mehr schiefgehen.

Die Globalisierung katapultiert den bisherigen Spendenempfänger Vietnam an die Spitze der Industrieländer, und das mit einer jährlichen Wachstumsrate der Wirtschaft von acht Prozent, womit das Land in Ostasien Zweiter nach China ist. Solche Erfolge gab es bereits nachdem 1986, doi moi, die vietnamesische Variante von Glasnost, ausgerufen wurde und ausländische Investoren begeisterte.Viele von ihnen gaben ein Jahrzehnt später enttäuscht auf. "Vietnam ist kein Sprint", trösteten sich die Geschäftsleute, die blieben, "sondern ein Marathon." In diesem Land herrscht ein eigener Rhythmus: zwei Schritte vor, einer zurück.

Jene, die durchgehalten haben, scheinen Recht zu behalten: Vietnam ist mit der Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation WTO 2007 in der Welt der Global Player angekommen.Alles wird gut, sagen die Jungen, die sich schon so lange nach den Amerikanern sehnen: "Lasst sie kommen!" Von den einst 14.000 staatlichen Unternehmen wurden 10.000 aufgelöst oder privatisiert, selbst dem Staat traditionell vorbehaltene Branchen wie die Telekommunikation rufen Investoren auf den Plan - und zwar mehr als bisher auf Umwegen über Joint Ventures oder verzwickte sogenannte Business Cooperations, sondern so offiziell, dass schon bald kein Unternehmer mehr fürchten muss, dass ein örtlicher Polizist sein Firmenschild abschrauben wird.

Die Ungeduldigen beklagen zwar, dass die Korruption schlimmer denn je sei. Die Großeltern klagen, dass sich Verlagshäuser immer mehr aus dem Griff der Ideologie befreien und nun vulgär geschriebene Bestseller über die sexuelle Revolution drucken. Sie befürchten, dass ihnen die Ausländer doch noch eines Tages alles wegnehmen werden. Die Eltern klagen, dass ihre Töchter rauchen und die Abiturienten Schimpfwörter wie fuck you benutzen. Was für ein später Triumph der Amerikaner. Stünde Quynh Anh heute vor meiner Tür, würde sie sicher sagen: Liebe ist eine schwierige Angelegenheit, nicht wahr?

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Loan Brossmer