Portugal Algarve - Wandern auf der Via Algarviana

1. Tag: Alcoutim nach Balurcos, 24 Kilometer

Da liegt er, der Grenzfluss, durchschneidet wie ein breites, glitzerndes Band die sanfte Hügellandschaft. Hier am Guadiana, der Portugal von Spanien trennt, beginnt die Via Algarviana, ein 300 Kilometer langer Weitwanderweg durchs stille Hinterland der Algarve: von Alcoutim im Osten bis zum Cabo de São Vicente im äußersten Südwesten Europas. Mit João, unserem Guide, haben wir drei Etappen ausgewählt. In den nächsten drei Tagen will er uns die ganze Vielfalt der Landschaft zeigen: die blumenstrotzenden Hügel und Auen bei Alcoutim, die uralte Kulturlandschaft mit Zitronen- und Orangenhainen zwischen Salir und Alte, die Eukalyptuswälder und die terrassierten Felder in der Serra de Monchique. Es ist noch früher Morgen als wir starten, wir kommen eben vom Frühstück mit Kürbismarmelade, Ziegenkäse und frisch gepresstem Saft von den Orangen, die hier überall an den Ästen hängen. Im "Villa Velha", Alcoutims schönstem Gasthof, hatten wir auch am Vorabend gegessen, es gab Braten vom porco preto, dem schwarzen Schwein, das überwiegend mit Eicheln gefüttert wird und dessen Fleisch im Mund vor Zartheit zerfällt.

Das Kopfsteinpflaster von Alcoutims Gässchen wechselt zum weich federnden Pfad, östlich von uns wogt der Fluss, weiße Jachten blähen ihre Segel im Wind. Wir kommen an einem Platz vorbei, an dem etwa drei Meter hohe Menhire aufgerichtet sind. Ein Mini-Stonehenge, steinerne Zeugen einer Kultur aus der Steinzeit, die es hier vor gut 5000 Jahren gab. Ritualplatz? Landmarke? Grenzsteine? Man weiß es nicht. Bald finden die Beine ihren Rhythmus, werden die Schritte zum Takt einer Melodie, die einen von ganz weit weg anweht. Gedanken verpuffen, Probleme werden zu Luftgeistern, die mit den Lämmern über die Weiden tollen. Hervorragend leer ist der Kopf, man fühlt sich fröhlich eins mit der Natur. 

Algarviana
Arthur F. Selbach
Wandern auf dem Via Algarviana
Zistrosensträucher feuern weiß-gelb-schwarze Farbsalven in die Landschaft so wie ein Maler-Berserker Kleckse auf die Leinwand haut. Wilder Thymian und Rosmarin parfümieren die Umgebung mit herber Würze, die von der Süße der Orangenblüten betörend überlagert wird. Bienen summen, ein Bach plätschert. Das Gras ist über und über getüpfelt mit Blumen – rosa, pink, knallgelb. Es ist Frühling in der Algarve. Die Natur zieht alle Register und orgelt das Hohelied von der Jugend. Doch von Jugend ist keine Spur hier im Hinterland. Die Jungen sind schon lange gegangen. In die Stadt, an die Küste, in Büros und Hotels, hier war das Auskommen einfach zu mager. Nur die Alten sind noch da. In manch einem Dorf in der Algarve lebt fast niemand mehr. In Barbelote wohnte lange noch ein Bruderpaar. Seit einer der Brüder hochbetagt starb, lebt der andere allein inmitten leerer Gehöfte.

Algarviana
Arthur F. Selbach
Historisches Haus entlang des Weges
Wir rasten im Dörfchen Afonso Vicente, hier leben noch 20 ältere Herrschaften. Um zwei Uhr nachmittags öffnet das Dorfcafé, das gleichzeitig Gemeindezentrum ist, die Bewohner führen es in Eigenregie. Noch ist die Tür verschlossen, ein paar Frauen warten schon auf der Terrasse. Endlich fährt ein Mann auf einem grünen Traktor vor, wird freudig begrüßt, schließt die Tür auf, heizt die Kaffeemaschine an, stellt den Fernseher auf maximale Lautstärke. Das ganze Dorf kommt hier zusammen, bei TV-Shows, Kaffee und einem Gläschen Rotwein werden die Nachmittage verplaudert. Mit einer alten Schreibmaschine wird die Buchhaltung erledigt, an der Wand hängen Zettel mit den Zeiten, an denen ein Pfarrer zur Messe ins Dorf kommt, oder ein Arzt, um nach den Kranken zu sehen. Wir gehen weiter durch die sanft gewellte Landschaft, pflücken Blumen, zerreiben Rosmarin zwischen den Fingern, lassen uns tragen von der fast unwirklichen Einsamkeit. Im Dorf Balurcos treffen wir auf schwarze Schweine, die durch die schattigen Gässchen laufen. Wir sind am Ziel unserer ersten Tour und warten auf den Fahrer, den João uns organisiert hat. Müde, aber glücklich, dass noch zwei ganze Tage vor uns liegen. 

2. Tag: Von Salir nach Alte, 16 Kilometer 

Algarviana
Arthur F. Selbach
Wegweiser des Weitwanderwegs
Wir sind wieder auf dem Weg. Todmüde haben wir am Vorabend in Furnazinhas, einem hübschen Dörfchen ohne Handyempfang, ohne Laden und ohne Geldautomaten auf einer Terrasse zu Abend gegessen: Ein Geschwisterpaar führt die "Casa do Lavrador", eine entzückende Pension, in der es – nach Anmeldung – auch Abendbrot gibt. Wir aßen Mandeln von den Bäumen der Wirtsleute, tranken hausgemachte Limonade von den eigenen Zitronen. Tauchten Brotscheiben in dunkelgrünes Olivenöl und auch den Frischkäse aus der Milch der Ziegen, die auf den Kräuterwiesen weiden. Sei es, weil uns das Wandern den Appetit verstärkt – oder sei es, weil es wirklich einen Unterschied macht, wenn alles selbst geerntet und hausgemacht und von einer solchen Sonne durchglüht worden ist – jedenfalls war dieses Essen ein Fest.

Ziegen am Ortsausgang von Afonso Vicente
Arthur F. Selbach
Ziegen am Ortsausgang von Afonso Vicente
Salir heißt das Dorf, von dem aus unsere Tour heute startet. Wir gehen auf einem Pfad, der sich wie aus einem Märchen in die Wirklichkeit hineingewunden hat: Die überhängenden, mit dichtem Blattwerk bestückten Zweige der Bäume bilden ein Dach, der Weg wird zu einem grünen  Arkadengang, eingefasst von alten Steinmauern, auf denen sich Salamander sonnen. Vor uns breiten sich Felder aus –Orangenplantagen, Olivenhaine, Mandelbäume so weit das Auge reicht. Eine uralte Kulturlandschaft, bei den Feldern finden sich alte Wasserschöpfräder, mit deren Hilfe die Felder heute noch bewässert werden. Die Araber brachten diese Technik in die Algarve, als sie ab 711 die Iberische Halbinsel eroberten. Hinter einem Gatter stehen Schafe auf einer Wiese, ein Hirtenhund hält sanft ein junges Lamm zwischen seinen mächtigen Pranken, seine Schnauze ruht auf dem Rücken des Jungtiers, seine Augen funkeln wachsam.

Wir machen Halt in Benafim, wo alte Männer mit Schiebermütze und einem Wasserglas voll Rotwein am Tresen des kleinen Cafés das Zeitgeschehen besprechen. In Benafim überlappt die Vergangenheit die Gegenwart, es gibt ein öffentliches Waschhaus, das auch heute noch in den frühen  Morgenstunden genutzt wird. Rund um den Kirchplatz sind blau-weiß gekachelte Bänke angeordnet, wir lassen uns darauf nieder und essen vom Baum gefallene Orangen. Es sind Pomeranzen, wilde Bitterorangen, mit einem herrlichen herben Grapefruitgeschmack. Immer lieblicher wird die Landschaft, es geht auf und ab, fast meditativ, gleichmäßig schreiten die Füße voran. Und auf einmal hören wir ein Rauschen – wir sind bei den Quellen von Alte angelangt, dem Ziel dieser Etappe. Alte ist ein Kleinod von einem Dorf – weiß gewürfelt und sonnengetränkt – und berühmt für seine beiden Quellen. Sie machen aus dem Ort eine grüne Oase. Es gluckert und plätschert, ein kühles Lüftchen weht aus dem Bachbett, in dem man auch schwimmen kann. Wir lassen uns nieder, strecken die pulsierenden Beine aus, spüren die Abendsonne auf der Haut und stoßen mit einem Sagres, gutem portugiesischen Bier, auf die Schönheit der Algarve an.

Tag 3: Von Monchique bis Marmelete

Arthur F. Selbach
In Alte starten wir früh mit dem Auto Richtung Monchique, wir wollen nicht in die Mittagshitze kommen, wenn der Aufstieg zum Fóia, dem mit gut 900 Metern höchsten Gipfel der Algarve, am steilsten ist. Wir fahren durch Korkeichenund Pinienwälder an den Thermalquellen von Monchique vorbei – elegante neomaurische Zuckerbäckervillen und Sanatorien aus der Zeit um 1900, in der das Kuren in Monchique der letzte Schrei war. In dem hübschen Städtchen, das sich anmutig den Berghang nach oben zieht, laufen wir los, bergan, vorbei an gekachelten Häusern und dschungelartig bewachsenen Hinterhöfen, über Treppchen und Stufen. Und halten an einem verfallenen Kloster. Unwirklich wirkt dieser Ort, Gipfelgefühl: Von den Hügelkuppen der Serra de Monchique sieht man bei gutem Wetter bis aufs Meer. Links unten sind die typischen Terrassen erkennbar, auf denen Bauern Orangen, Mandeln und Feigen anbauen wie ein vergessenes Elfenschloss: Moos sitzt in den Fugen, im Kirchenschiff wachsen Gras, Blüten und Farne. Schafe laufen durch den verfallenen Kreuzgang, eine Bauernfamilie hat sich in der Ruine angesiedelt. Lange schon bestehen Pläne, das 1632 gegründete Franziskanerkloster in ein Luxushotel umzuwandeln, doch bislang ist nichts passiert. Deswegen verfällt das Kloster weiter, in stiller Eleganz.

Arthur F. Selbach
Den Fóia hinaufzuwandern bringt nur bedingt Spaß, der Blick von seinem Gipfel jedoch macht glücklich. Bei gutem Wetter wie heute sieht man über die weite Ebene bis zum Meer. Abwärts führt ein schöner Pfad durch Eukalyptuswälder. Die Felder sind wie stufige Ringe um die Hügel gezogen und erinnern an Reisterrassen auf Bali. Als wir Marmelete erreichen, ein freundliches Örtchen, ist es erst drei Uhr am Nachmittag. Wir wollen Medronho kosten, genannt mata bicho, Wurmtöter. Aus den kugelrunden, genoppten Früchten des Erdbeerbaums Medronheiro wird in kleinen Privatdestillen dieser Schnaps hergestellt, der berühmt und berüchtigt ist. Zu einer der besten Brennereien fahren wir nun. Paulo empfängt uns in seiner Hofeinfahrt. Er lebt in einem duftenden Zitronenhain, Katzen sonnen sich im Nachmittagslicht, zwischen Steinen wachsen weiße Callas. Er zeigt uns seine Destillerie, die wie ein mittelalterliches Alchimistenstübchen wirkt. Es hängt ein berückender Sommerendsfäulnisgeruch im Raum, ein köstlicher Duft, so roch es früher im Herbst im Apfelkeller.

Dann öffnet Paulo sein Allerheiligstes. Flasche an Flasche steht hier, gefüllt mit kostbarem Destillat. Wir nippen an Likör und Schnaps, an acht Jahre gereiftem, zart angedunkeltem Erdbeerbaumgeist und am Medronho der aktuellen Ernte. Mit Schärfe rinnt er die Kehle herab, entzündet im Magen ein Feuer, während die Nase noch der Erinnerung an das Aroma nachhängt: lieblich, würzig und erdig. Als hätte Paulo einen ganzen, gesegneten Landstrich destilliert.

Reisetipps für die Wanderung auf dem Weitwanderweg Via Algarviana:

Der 300 Kilometer lange Weitwanderweg verbindet Alcoutim im Osten der Algarve mit dem Cabo de São Vicente im äußersten Südwesten Portugals. Die 2009 eröffnete Strecke ist in 14 Tagesetappen unterteilt. Eine gute Vorbereitung und Ausrüstung ist unabdingbar. Der Weg wird von der Naturschutzorganisation Almargem in Loulé betreut, die die Strecke online auch gut dokumentiert hat. 
Info: Almargem, Tel. 289 412959, www.viaalgarviana.org

GUIDES

ProActiveTur: João Silvestre Ministro kennt jeden Winkel im Hinterland der Algarve und bietet auf Wunsch maßgeschneiderte Tourenpakete an, inklusive Gepäcktransport und Organisation von Kost und Logis. 
Adresse: Tel. 966 132552, www.proactivetur.pt

Wer ohne Begleitung wandern möchte, sollte sich unbedingt den Outdoor-Führer von Christine Heitzmann besorgen. Mit Karten, Höhenprofilen und detaillierten Beschreibungen führt sie darin durch die einzelnen Etappen. 
Info: Portugal: Via Algarviana, Conrad Stein 2012, 176 S. 12,90 €

Hotels und Restaurants am Via Algarviana

Villa Velha: Gemütliches, familiengeführtes Restaurant im netten alten Ortskern von Alcoutim. Egal ob Schweinebraten, Kichererbsenkasserole oder Muscheln – alles schmeckt köstlich! 
Adresse: Alcoutim, Rua da Misericórdia 12, Tel. 925957226

Hotel Colina dos Mouros: Dieses Hotel in Silves ist eher unspektakulär, der Blick auf die Altstadt und die Burg aber umwerfend. Sie müssen hier nicht übernachten, sollten aber zum Sonnenuntergang mit einem kühlen Getränk auf der Terrasse sitzen.
Adresse: Silves, Pocinho Santo, www.colinahotels.com

Casa do Lavrador: Eine der schönsten Herbergen auf der Via Algarviana: freundliche Inhaber, geschmackvolle Zimmer in zwei alten Häusern und – nach Anmeldung – großartiges Essen.
Adresse: Furnazinhas, Tel. 281 495748; casadolavrador@sapo.pt

Schlagworte:
Quelle: