Valetta Das Teatro Manoel

Als Her Majesty am 15. November 1967 das Teatro Manoel besuchte, war sie sehr amüsiert. Die englische Königin durfte sogar in der Loge sitzen, die sonst nur dem Präsidenten von Malta zusteht, mit kitschigem Lorbeer über dem Haupt und einem Dach aus 22 Karat. Dort war sie von den Darbietungen der Spielkunst so angetan, dass sie 25 Jahre später wiederkam. Ihre goldene Feder, mit der sie sich schriftlich bedankte, liegt jetzt als Katalognummer 144 unter Glas im Museum des Theaters und muss die heftigsten Blitze aus Fernost ertragen.

Nicht weit davon staubt eine alte Schminkdose vor sich hin, hängen die Kostüme aus Cosi Fan Tutte, Lohengrin, La Bohème an der Wand, und in einer lauten Ecke kann man eine Windmaschine zum Heulen bringen. Ob die Queen höchstselbst Hand an die Kurbel legte, weiß die Führerin nicht, die Dame macht ja schon Wind genug, ruft sie kichernd und alle Touristen lachen. Nur Japan knipst ungerührt weiter.

Das Teatro Manoel soll Spaß machen, so war das schon vor 200 Jahren, und so wird es hoffentlich noch lange sein. Sagen die Menschen in Valletta, die sich längst daran gewöhnt haben, dass viele Besucher achtlos an dem unscheinbaren Haus in der Old Theatre Street vorbeilaufen, weil sie dort allenfalls einen Kramladen vermuten, aber sicher kein Gold an der Decke, keine Kronleuchter aus Kristall, keinen Prunksaal mit 623 Sitzen und vier Rängen aus handbemaltem Holz.

Mehr außen pfui geht nicht und nicht mehr innen hui. Hier bleiben Dreck und Hitze vor der Tür, heißt es auf stolzen Inschriften in Latein, hier ergibst du dich der Reinheit der Kunst, lässt dir die Sorgen aus dem Alltag treiben, lässt dich mit Wörtern füttern und Musik verführen. Steht da. Oder so ähnlich. Dafür ließ es Großmeister Manoel de Vilhena in nur zehn Monaten errichten und spendete es 1731 "zur ehrenvollen Ergötzung des Volkes", weil dem solventen Feingeist aufgefallen war, dass kaum einer was zu lachen hatte. Die Zeiten waren hart, Armut kroch durch die Gassen, überall spielten sich draußen Tragödien ab, da wollte er großzügig sein und den Maltesern ein paar schöne Stunden schenken.

Das erste Stück war "Merope" von Scipione Maffei und wurde am 9. Januar 1732 aufgeführt. Seitdem wird auf der kleinen Bühne geliebt, gestorben, gehasst, gesungen und getanzt, was das hohe Schauspiel hergibt. Auf dem Spielplan stand immer auch das wahre Leben: Im Zweiten Weltkrieg versteckte man sich im "Manoel" vor den Bomben der Deutschen, später diente es als Tanzsaal und Kino, und manchmal durften Obdachlose in den Nächten ihre Betten aufschlagen.

Heute geht man mittags vom Markt mit vollen Körben ins große Foyer, in das weich das Licht der Sonne bricht, um ein Schwätzchen zu halten, den neuesten Klatsch zu erfahren oder sich einfach nur eine Karte für sechs Pfund zu kaufen. Sicher trifft man dabei auch auf Direktor Tony Cassar Darien, der seine 16 Angestellten mit netter Besessenheit führt und von der nächsten Vorstellung schwärmt. Da müsst ihr rein, unbedingt!

Als Darien das Theater 1993 übernahm, war es fast pleite, er arbeitete so lange, dass er morgens im Büro wach wurde. "Das hier ist mein Leben", sagt er.

Es regt ihn auch längst nicht mehr auf, dass in jedem Reiseführer etwas anderes steht, ältestes Theater Europas, ältestes des Commonwealth, drittältestes der Welt, sollen sie das doch alles schreiben, sagt er, er hat ganz andere Probleme und nutzt die Superlative nur, wenn sie gut fürs Geschäft sind. In sein Teatro Manoel kommen in jedem Jahr 160.000 Menschen, die meisten aber nur auf Besichtigungstour, und nicht um Opern zu lauschen und sich Shakespeare reinzuziehen. Es wird ja auch durchweg in schnellem, harten Englisch gespielt, da würden Berlin oder Paris vermutlich sowieso nicht viel verstehen.

Doch alle sollen sich wohl fühlen, sagt der Herr Direktor, so wie Manoel es wollte. Die Saison geht von Oktober bis Mai, und wenn die 14 Schauspieltruppen aus Malta nicht reichen, bezahlt ihm der Staat Flug und Hotel, um sich ein paar Künstler vom Festland zu holen. Er mischt Musik und Mimik, so gut es geht, nur für die großen Sprünge des Balletts ist die Bühne mit sechseinhalb Metern Breite viel zu klein.

"Ich will jedem ein Erlebnis bieten", sagt Tony Cassar Darien und freut sich wie ein kleines Kind, wenn sich das Volk wieder an einem Stück ergötzt. Wie gerade erst im Frühjahr, bei der Premiere von "Kvetch", da wusste er nicht, ob so was ankommt in diesem altehrwürdigem Gemäuer. Damals war er ganz früh da, als man gerade die Handtücher vom Mischpult nahm, die Kabel zusammenrollte und die Pappen vom roten Teppich zog, die ihn vor den staubigen Schuhen der Touristen während der Führungen schützt. Er lief aufgeregt durch Reihe G, die er stets für die Zeitungsleute reserviert, und als es dunkel wurde, guckte er in die Gesichter, so weit es die Scheinwerfer zuließen.

Er sah sie lachen, schon nach den ersten Szenen, und sogar die härtesten Kritiker, so sehr sie auch ernst bleiben wollten, mussten schmunzeln. Da, da, jetzt wieder, als man ein riesiges Bett auf die Bretter zieht, in dem sich ein geiferndes Ehepaar mit very british Humor streitet, bevor es mit einem herausgestöhnten Oooooorgasmus eine Nummer über zehn Minuten schiebt. In der Pause stehen dann viele in der engen Gasse vor dem Theater, diskutieren über die Rolle des Geschlechtsverkehrs in der Gesellschaft und trinken im Café Corleone gegenüber noch ein Glas Wein, bevor die Glocke durch die Häuserschlucht schrillt, damit der Wahnsinn da drinnen weitergehen kann.

Diesmal springt einer auf den Tisch, brüllt "Fucking!", zieht die Hose herunter, während die nuschelnde Nebenrolle mit dem maltesischen Akzent gelangweilt auf dem Stuhl sitzt, aber dafür den meisten Beifall bekommt. Als der Vorhang fällt, wird gejohlt, gejubelt, gepfiffen, doch nicht einmal gebuht, wie der Herr Direktor zufrieden feststellt. Was für ein dankbares Volk! Fast 30 Sekunden klatschte es, was sehr lange ist auf Malta, bevor es sich wieder in die Nacht stürzte, um ein letztes Glas im Stehen zu nehmen.

Das Teatro Manoel ist sehr alt und lebendiger als jemals zuvor. Falls die Königin jedoch ein drittes Mal kommen sollte, müsste man sicher noch mal das Programm überdenken.

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Autor:
Michael Schophaus