Ulm
Fischer- und Gerberviertel

Von Michael Schophaus

Bis vor kurzem war das Fischerviertel und Gerberviertel in Ulm eine Mini-Monarchie. Jetzt ist der König tot. Aber das Quartier ist weiterhin lebendig - und ein museales Ensemble zugleich.

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Tobias Gerber

Der König von Ulm hieß Rudolf Dentler. Er lebte mitten im Fischerviertel, und nichts und niemand hätte ihn von dort weggebracht, aus seinem kleinen Laden in der Gerbergasse 3. Nur der Tod schaffte es, als Dentler am 2. September 2006 starb, kurz nach seiner letzten große Rede am Schwörmontag. Da hing er wie immer an diesem Feiertag auf seinem Thron fünf Meter hoch an seiner Hauswand und sprach zu seinem Volk herab, etwa so: Liebe Adepten, rief er, alles Erschaffen muss die Wirklichkeit selbst sein! Und seine Untertanen prosteten ihm bierselig zu.

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So gab er sich gern, Seine Majestät Rex der Letzte, und manche behaupteten sogar, dass er ganz schön einen an der Krone hatte, die ihm stets schief auf seinem Haupt saß. An der Krone, nicht in der Krone, obwohl oft ein guter Tropfen bei ihm stand, wenn er zu sanfter Klaviermusik an seinen Ringen, Ketten oder Büsten feilte. Dabei sagte er oft schräge Dinge, doch jeden, der an seinem königlichen Verstand zweifelte oder ihm gar künstlerischen Schwachsinn unterstellte, lachte er mit heiterem Schöngeist in die Flucht.

Er war Goldschmied oder Schmuckkünstler, wie er sich nannte, und hatte sogar schon für den Papst ein Siegel angefertigt. Nur weiß der Heilige Vater bis heute nichts davon, und vermutlich wird er es auch niemals erfahren. "Ringe haben Macht", sagte Rudolf Dentler, "sie überdauern den Augenblick und helfen uns, den Weg des Denkens zu finden. Sie geben gutartige Spannungen, ich erkenne es frisch, weil das Wahrige durch uns hindurch muss, herkommend angefasst. Mit ihm steigt unsere Seele höher." Das musste doch mal gesagt werden! Dann plumpste er gewöhnlich wieder auf seinen Thron in der Werkstatt, rückte die güldene Krone gerade und knipste die drei Lampen über seinem Werktisch an, um sich einer so gewöhnlichen Notdurft wie dem Geldverdienen zu widmen.

Weit über das Fischerviertel hinaus ging der Ruf von Rudolf Dentler. Häufig waren das Fernsehen und die Presseschreiber da, wie er seine Hofberichterstatter bezeichnete, die ständig zu ihm kamen, seit ihn ein paar Studenten aus einer Bierlaune heraus vor 30 Jahren unter Denkmalschutz gestellt hatten. "Warum können nur alte Häuser so was bekommen?", soll die Schlagende Verbindung trunken gegrölt haben. Unser König muss uns erhalten bleiben! Also war es! Und kein Beamter wagte, das Schild mit der Inschrift am Eingang seiner Schmiede abzunehmen. Schließlich eilte Rudolfs Ruhm ihm bereits voraus, bevor er sich im Fischerviertel niederließ. Seiner englischen Kollegin Elisabeth hatte er 1961 in London persönlich einige schöne Juwelen empfohlen, seine (mit Verlaub) kreativen Klunker glänzten bei Ausstellungen in Paris, Moskau und Tokio, und im Museum der berühmten Ballettakademie von Sankt Petersburg steht eine Skulptur von ihm.

Denn der König konnte auch tanzen! Mit über 60 Jahren stieg er auf die Bühne des Ulmer Stadttheaters und machte bei "Peer Gynt", "King Arthur" und "Dornröschen" noch ziemlich große Sprünge. Für ihn hieß das: "Ich will Höheres erschauen. Mein Geist, meine Seele und mein Körper sind Geschwister", ließ er mit Würde vernehmen, "sie wollen Flügel und den Himmel spüren", und manchmal reichte er stummen Zweiflern eine Schrift, die ihm ein Untertan in blumiger Verehrung über die königliche Ertüchtigung schrieb und die ausgeklappt fast dreiviertel Meter lang ist: "Nicht jedem schöpferischen Menschen ist es gegeben", steht da, "so genügsam zu sein wie der Schwabe Schiller, der sich bekanntlich am Geruch fauler Äpfel inspirierte."

Und etliche Zentimeter weiter heißt es über den Rex: "Damit sich jedoch in seinen Bronzegüssen keine süßliche Preziosität einnisten kann, befreit er seine Tänzer von den konventionellen Repräsentationsformen sexueller Identität und lässt sie ihre Elevationen, Batterien, Pirouetten und Pointes in einem androgynen Raum vorführen. Aus diesem Grund auch der Verzicht auf anmutige Physiognomien." Ist ja eigentlich klar! "Dieser Mensch ist mir wohlgesonnen", sagte der König leise, als wir ihn acht Wochen vor seinem Tod besuchten. "Bestimmt kann er bald das Höhere erschauen."

Spaß gehört zum Fischerviertel dazu

Seine Hoheit erschaute es am Schwörmontag. Dann ist halb Ulm auf den Beinen, weil man am vorletzten Montag im Juli des feierlichen Eids der Bürgerschaft von 1397 gedenkt, in dem der Bürgermeister schwören musste, "Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein, in den gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen, ohne allen Vorbehalt". Für viele ein erstes, starkes Stück Demokratie. Dann stieg der König trotz dieser volksnahen Gesinnung mit einer Leiter auf seinen schwarzen Thron, der das ganze Jahr über im zweiten Stockwerk an der Hauswand seiner Goldschmiede prangte. Mit seiner aufgerollten Rede in der Hand und reichlich wacklig kraxelte er hoch, mit 81 Jahren war das schließlich nicht mehr so leicht. Und schaute auf sein jubelndes Volk: auf den Kinderchor, auf die Blaskapelle, auf die Honoratioren, auf die dankbaren Menschen, die sich bis zur Neuen Straße versammelt hatten, um seiner Rede zu lauschen.

Manchmal hatte er Angst davor, dass er die Rede von vor zwei Jahren hält, wenn dort unten alle seiner holden Worte harrten. "Bin ja nicht mehr der Jüngste", sagte er dann. Und treuen Ulmern einen Preis zu verleihen und ihnen einen Ehrenring mit goldenem Kreuz zu reichen, war ihm eine aufrichtige Freude. Die Eloge hielt er vorher streng geheim, auch seine Presseschreiber durften nichts wissen, die schon gar nicht, wenn er die handgeschriebenen Seiten in seiner Jutetasche versteckte.

Natürlich bestimmte der König höchstselbst, wem seine Gunst zuteil wurde, sie knieten im Geiste ergeben vor ihm nieder, bevor er sein Lob mit rudolfinischer Verzauberung über die sehr verehrte Gemüsefrau, den Rollstuhlfahrer oder den Gottesmann verteilte. Er sprach dann laut von "dem Wahrigen, den aufsteigenden Seelen und gutartigen Spannungen", die er bei ihnen frisch erkannte. Nach der Rede johlten sie, klatschten dem Erhabenen zu und räumten die Kippen von der Kultstätte weg. Einmal wollten sie ihn da oben hängen lassen. Nur so zum Spaß.

Denn Spaß gehört zum Fischerviertel, in dem der König lebte. Es ist so schräg, wie er selbst war, und was soll man sich eigentlich noch darüber wundern, dass es dort "das schiefste Hotel der Welt" gibt. Es hat Wasserwaagen an den Betten, damit man sie sich vorm Schlafengehen nicht erst geradetrinken muss. Nach einem Besuch in einer der vielen Kneipen, die hier "Wilder Mann", "Zunfthaus" oder einfach Bierwirtschaft heißen. Früher jedenfalls drohte das Hotel in die Blau zu stürzen, so heißt der kleine Fluss auf seinem Weg zur nahen Donau, und es soll schon Gäste gegeben haben, die schwankend rauskamen, obwohl sie keinen Tropfen angerührt hatten. Aber alles ist schief, die Gassen wölben sich mit ihren gepflasterten Buckeln, und die Fachwerkhäuser aus dem 15. Jahrhundert krümmen sich unter der Last ihrer Geschichte. Sie drängen sich in putzigem Stolz zusammen, seit den Tagen, als hier noch Müller mahlten, Fischer ihre Netze flickten und Gerber ihre Ziegenhäute wuschen.

Da hurten und soffen sie im Schatten des Münsters und sponnen Seemannsgarn in der Stadt, während das Vieh vor den Ställen das Wasser aus dem Fluss schlürfte und die Färber ihre Tücher kochten. Die Blau war Leben, ihr Leben, sie zogen dort frische Forellen heraus und hielten nicht weit von der Stelle ihren Hintern darüber. Sie lachten, sie stritten, sie tranken, sie liebten, sie machten auch so manch krummes Geschäft mit Fischen, Seifen und teurem Gewand.

Doch nur wer es wirklich geschafft hatte, trug spitze Schuhe, die so spitz waren, dass man kaum mehr darin laufen konnte. Wer nicht laufen kann, hieß es, braucht auch nicht zu arbeiten. Das ging so lange, bis 1850 die erste Eisenbahn kam und die Schiffe verdrängte und auch den Gerbern langsam die Felle wegschwammen. Die Menschen, die heute hier leben, sind Besitzer von Galerien, Maklerbüros, Werbeagenturen oder Bioästhetik-Friseurläden; und das beste Geschwätz aus dem Fischerviertel kennen hier alle Wirte, die es den Touristen am liebsten mit Kässpätzle und Kellerbier auftischen.

Also, da ist zuerst einmal, das müssen Sie doch wissen: Die Vaterunsergasse, in der sie unsere Toten bei der Pest reingeschleppt haben, um sie betend durch ein Loch an der Stadtmauer in die Donau zu schmeißen. Oder die Familie Kässbohrer in der Fischergasse, die früher Schiffe baute, bevor ihre Omnibusse durch die Welt fuhren. Oder dass uns Napoleon aus Angst vor Heckenschützen sämtliche Fensterläden wegreißen ließ. Ein teurer Spaß! Oder der Metzgerturm, da lang, kann man gar nicht verfehlen, in dem man die Fleischermeister einsperrte, weil ihre Würste immer kleiner, aber teurer wurden. Der Turm ist natürlich auch schief, weil sich die Metzger aus Angst vor dem Henker in eine Ecke drängten und dadurch den Turm zum Wanken brachten, so war es, und jetzt gut's Nächtle!

Der König kannte diese Geschichten, selbstredend, die Ulmer waren den Dingen ja oft voraus und im Münster wurde die Erde schon als Kugel abgebildet, als viele noch fürchteten, sie würden nach jeder Sünde von der Scheibe fallen. Nein, Rex der Letzte trug keine spitzen Schuhe - nur am Schwörmontag fielen sie ein bisschen länger aus, ansonsten waren sie ihm zu unbequem und hätten ihn nur beim Denken gestört.

Er dachte beim Schmieden täglich weiter, er dachte und dachte aus Gründen seiner geistigen Erbauung, während ein Kunde an einem der letzten frühen Sommerabende des Königs Goldschmiede betrat und nach den längst überfälligen Ohrringen für seine Tochter fragte. Er wollte sie ihr morgen zum Geburtstag schenken. "O ich nehme sie wahr", sprach der König, "ich erkenne sie frisch, sie werden bald Flügel haben, Flügel aus puuuuurem Gold."

Der Vater des Mädchens aber sah traurig aus und sagte: "Na, dann eben Weihnachten", und bekam beim Rausgehen zum Trost das Faltblatt über Rudolf Dentler geschenkt. Es endet mit folgenden Sätzen: "Wenn der 'König' von Ulm die Saiten seines schöpferischen Ingeniums zum Klingen bringt, dann fügen sich Arme, Beine und Rumpfteile von Tänzern, im Schmelztiegel der Abstraktion geläutert, zu mythischen Figuren, zu fiktiven 'Ordnungsbildern', aufgerichtet aus den Fragmenten einer disparaten Wirklichkeit: die Kunst als Lebensbewältigung, Refugium und Rettung."

Ja, ja, so war er, und jetzt ist der König tot. Es lebe das Fischerviertel!

Artikel erschienen: Oktober 2009