Südamerika Charles Darwin in Ecuador

Obwohl der Chimborazo unbezwungen bleibt, ist kein Mensch je zuvor in größere Höhe aufgestiegen. 5600 Meter. Eine Spitzenleistung, die der Forscher jahrzehntelang herunterspielt. Die Geschichte der Ersteigung biete "wenig dramatisches Interesse", schreibt er, aber so sei es nun einmal: Unerreichte Dinge zögen die Menge immer in ihren Bann. Der Chimborazo sei seit seiner Rückkehr nach Europa der "ermüdende Gegenstand aller Fragen" gewesen. Dies Understatement macht ihn für seine Bewunderer nur zu einem noch größeren Helden.

In Cambridge sitzt 1831 ein 22-jähriger Engländer und verschlingt Humboldts Reiseberichte mit Leidenschaft. Mit Ach und Krach hat er das Studium der Theologie absolviert, das zuvor begonnene Medizinstudium brach er ab, weil er es "unerträglich langweilig" fand. Als Pfarrer auf dem Land, so hofft Charles Darwin, wird er seine Passion, das Sammeln von Insekten und Pflanzen, problemlos mit ein paar Sonntagspredigten vereinbaren können. Besonderer Ehrgeiz lässt sich ihm nicht nachsagen, zum Vergnügen hört er Vorlesungen in Zoologie und Botanik.

Schon als Kind gilt er als Träumer, hat keinerlei Talent für Sprachen oder Mathematik, hangelt sich mit Nachhilfelehrern durchs Studium und wiegt sich in der beruhigenden Gewissheit - dem vermögenden Vater sei Dank - niemals finanzielle Not leiden zu müssen. Hatte Humboldt seine Amerikareise aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten organisiert, in der Überzeugung, ein Mann müsse in seinem Leben "den Platz suchen, von dem aus er seiner Generation am besten dienen kann", so fällt Darwin der Platz auf dem Schiff HMS "Beagle" geradezu in den Schoß: John Stevens Henslow, Dozent in Cambridge und Universalgelehrter der Theologie, Zoologie, Botanik und Geologie kommt zu Ohren, dass für die Passage des Segelschiffs nach Feuerland ein junger Naturforscher gesucht wird, und er empfiehlt seinen Studenten Charles. Die Bedingungen: keine Kosten, keine Bezahlung, Logis in der Kapitänskajüte bei Kapitän Robert Fitz Roy. "Die Reise mit der ,Beagle' ist bei weitem das wichtigste Erlebnis in meinem Leben", schreibt Darwin später.

Von Dezember 1831 bis Oktober 1836 segelt er von England über Brasilien bis Feuerland und von dort über Tahiti zurück in die Heimat. "Fliegenfänger" nennt ihn die Besatzung, weil er von jedem Landgang Insekten, Pflanzen und Tiere mit an Bord schleppt. Darwin gilt als Frohnatur, während der fünfjährigen Reise sieht ihn keiner je schlechter Laune, obwohl Charles dafür durchaus Grund gehabt hätte. Denn die Seekrankheit zwingt ihn regelmäßig in die Knie. "Lieber Freund, ich muss ihr horizontal ausweichen", hört man Darwin in der Offiziersmesse oft sagen, bevor er sich der Länge nach auf den Kartentisch legt. Die Enge an Bord findet er "eigentümlich behaglich für alle Arten von Arbeit. Alles ist so dicht bei der Hand".

Seine Sammellust kommt Darwin auf See zugute. Hätte er die Evolutionstheorie nicht begründet, so hätte ihm allein die riesige Sammlung, die er mit nach England bringt, einiges Renommee als Forscher verschafft. Immer wieder nimmt er sich die Arbeit Humboldts zum Vorbild. "Früher bewunderte ich ihn" schreibt Darwin an seinen Freund und Lehrer Henslow, "jetzt bete ich ihn beinahe an". Die Galapagosinseln erreicht die "Beagle" am 15. September 1835, jenen Archipel von dem Darwin sich mehr verspricht, als von allen anderen Stationen der Reise. Der erste Eindruck ist enttäuschend: "Nichts könnte weniger einladend sein. Ein zerklüftetes Feld schwarzer Basaltlava, in stark gezackten Wellen hingeworfen und von tiefen Rissen durchzogen, ist überall von verkümmertem, sonnenverbranntem Buschwerk bewachsen, das kaum Zeichen von Leben aufweist. Wir meinten, selbst die Büsche röchen unangenehm."

Auf fünf der zehn Hauptinseln fängt, sammelt und untersucht er, was er kann. Allein 193 verschiedene Pflanzen trägt er an Bord, dazu Schildkröten, Echsen, Vögel, Fische, Insekten. Er trinkt den Blaseninhalt von Schildkröten - "ein wenig bitter" - reitet auf ihren Panzern, misst ihre Geschwindigkeit und seziert ihre Mägen. Er studiert die Eigenarten der Vögel, die so zahm sind, dass er sie mit dem Lauf des Gewehres vom Ast stoßen kann. Die "hässlich wirkende" Meerechse vergleicht er mit deren Artgenossen an Land, die auf ihn einen "ungeheuer dummen Eindruck" machen. Eine zieht er am Schwanz, während sie sich einen Bau gräbt und notiert danach: "Sie starrte mir ins Gesicht, so als wollte sie mich fragen: Wie kommst du dazu, mich am Schwanz zu ziehen?"

Darwin sammelt und reportiert, bisweilen unkontrolliert und auf schiere Masse bedacht, erst gegen Ende seines Aufenthalts fällt sein Blick auf das, worauf später die Evolutionstheorie fußen wird: Er beobachtet, dass sich die Finken auf den Inseln anhand der Größe ihrer Schnäbel in 13 Arten unterscheiden lassen. Der isolierte Archipel, "eine kleine Welt für sich", wie Darwin ihn nennt, bietet ihm ein ideales Beobachtungsfeld dafür, wie sich eine Spezies auffächert. Die Urfinken, so seine Erklärung, kamen vom Festland auf die Galapagos- Inseln, fanden dort keine Konkurrenten und konnten sich ihrem neuen Umfeld optimal anpassen: Ihre Schnäbel nahmen jeweils die Form an, mit der sich die vorhandenen Nahrungsressourcen ideal jagen lassen.

Der Grundstein für Darwins Idee der natürlichen Auslese ist gelegt: Es existiert ein Kampf ums Dasein, und diesen überlebt diejenige Art, die ihrem Lebensraum am besten angepasst ist und deshalb die meisten Nachkommen zeugt. Über 20 Jahre arbeitet Darwin an seiner Theorie, erst 1859 veröffentlicht er sein Traktat "Über die Entstehung der Arten". Anders als Humboldt, der darauf brennt, seine Erkenntnisse - je spektakulärer, desto besser - publik zu machen, ist Darwin ein Zauderer - und außerdem klug genug zu ahnen, welchen Tumult seine Theorie auslösen wird.

Mit 32 Jahren, im gleichen Alter, in dem Humboldt die Anden erforscht hat, zieht sich Darwin aufs Land zurück. Er wird Vater von zehn Kindern, veröffentlicht Bücher und hält sich an einen strikten Tagesplan, der das Brettspiel mit seiner Frau Emma genauso terminiert wie die drei täglichen Arbeitseinheiten von maximal 90 Minuten. 1837, Darwin macht gerade erste Notizen für "Über die Entstehung der Arten", trifft er bei einer Veranstaltung in London auf Humboldt. Der brillante Rhetoriker, mittlerweile 68 Jahre alt, unterhält die gesamte Gesellschaft. Charles Darwin findet ihn "gemütlich" und ein wenig redselig. In sein Tagebuch schreibt er später: "Ich war in Bezug auf diesen großen Mann etwas enttäuscht."

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Autor:
Kathrin Sander