Stuttgart Baden-Württembergs reizvolle Landeshauptstadt

Das Dümmste, was man bezüglich Stuttgarts eigentlich tun kann, ist etwas über die Stadt schreiben zu wollen. Also zu versuchen, sie in Worte fassen zu wollen. Denn sie lässt sich nur ungern anfassen oder einfassen. Dank solch verweigernder Haltung provoziert sie Missverständnisse, Irrtümer, Jammereien, Vorurteile und nicht selten auch Gehässigkeiten. So ist das immer, wenn jemand - ob nun Person oder Stadt - sich gegen das Angefasstwerden sträubt. Die Zurückgewiesenen ertragen die Schmach nicht, werden persönlich und unflätig.

Stuttgart ist eine widerspenstige Schöne, die man nicht so einfach ins Bett ziehen kann, auch dann nicht, wenn man bereits mit ihr verheiratet ist. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es ist nicht so, dass sie sich ziert, sie verhält sich weder kokett noch brennt ein geheimes leidenschaftliches Feuer in ihr. Nein, diese Stadt wahrt eine echte und wahrhaftige Distanz, die man schlichtweg als vornehm bezeichnen kann. Eine Distanz, die auch eine gewisse Nähe beinhaltet, aber eben eine Nähe im Rahmen sittlicher Strenge und eines würdevollen Umgangs. Um beim Beispiel zu bleiben: Man kann dieser Stadt nicht einfach die Kleider vom Leib reißen.

Manche mögen das als spießig, provinziell und langweilig interpretieren, aber im Vergleich zu dem postmodern nuttigen Auftreten vieler Großstädte - mit ihrer bombastischen Reizwäsche-Architektur - erscheint mir das sachliche, mitunter sperrige, aber nie unkluge, im besten Sinne des Wortes biedere (= "dem Bedürfnis entsprechende"), dieses klassisch-nüchterne Auftreten Stuttgarts sehr viel reizvoller. Es mag schon stimmen, dass die Stadt Stuttgart nicht sexy ist, braucht sie auch nicht zu sein. Sie braucht nicht auszusehen wie Marilyn Monroe oder Jayne Mansfield. Man weiß ja, wie so was endet (wobei es natürlich Leute geben mag, die alles tun würden, damit Stuttgart genau so stirbt wie Jayne Mansfield, nämlich bei einem Autounfall).

Aber es ist doch so: Eine Stadt muss die eigene Schönheit achten, darf sich nicht von Leuten vereinnahmen lassen, in deren Köpfen nichts außer Hollywood steckt, und sie sollte sich niemals vor dem Altern fürchten. Stuttgart ist weder 16 noch ein mit Silikon aufgepumptes Supermodel. Am ehesten eine Art Katharine Hepburn in den mittleren Jahren. Das Problem ist, dass nicht alle Leute, die in Stuttgart leben (oder leben müssen, denn sie tun so, als sei es eine Strafe), die in jeder Hinsicht untransparente Grazie dieser Stadt als attraktiv empfinden. Gerade ein Teil der Elite scheint darunter zu leiden, dass Stuttgart nicht Berlin oder Hamburg ist oder ein schwäbisches Singapur oder ein besseres, weil daimlerisiertes München.

Es wird seit einiger Zeit versucht, der Stadt ihre Identität zu rauben, ihr ein lächerliches Kleid überzustülpen. Mit einer unsinnigen, ins Groteske abgleitenden Olympia-Bewerbung hat es begonnen, dieses Sündigmachen an einem Ort und seinem Wesen. Aber das gehört natürlich dazu. Solche Eingriffe hat die Stadt immer wieder aushalten müssen, etwa den Abriss des Kaufhauses Schocken oder die durch die Innenstadt wild geschlagenen Automobilschneisen der Nachkriegszeit, unheilbare Wunden, ewig blutend, die man weder in der Erde verstecken noch beblümen, sondern schlichtweg zurücknehmen sollte. Aber "Heilung" ist kein Thema, damit muss Stuttgart leben. Freilich, diese Stadt ist größer als ihre Feinde. Eine Katharine Hepburn kann man nicht umbringen.

Um die tiefe Schönheit dieser in den Kessel gepflanzten, die Hänge gewandt hochsteigenden Stadt zu begreifen, muss man sich Zeit nehmen, darf nicht meinen, mit einem Innenstadtbesuch und einem Vorbeischauen im Mercedes-Benz-Museum sei das Thema erledigt. Umso mehr, als die Stadt den Vorteil besitzt, dank ihrer "vernünftigen Größe" die Möglichkeit zu bieten, alles Sehenswürdige auch ohne das Absolvieren von "Weltreisen" zu erreichen. Allein die locker hingesetzte, mediterran helle und luftige Weißenhofsiedlung und der neben dem GAZi-Stadion der Stuttgarter Kickers hoch aufschießende, schlanke Fernsehturm (der erste und immer noch schönste seiner Art), allein die so wuchtige, wie auch leichtfüßig geschwungene, gegen die Konrad-Adenauer-Straße gesetzte Staatsgalerie und der ewig moderne und ewig unnahbare Tagblatt-Turm rechtfertigen einen Besuch in Stuttgart, und zwar einen Besuch ohne Termin. Der Mensch, der wegen eines Termins in diese Stadt kommt und sich dann ein bisschen umsieht, ist schon falsch. Zumindest ist dies unhöflich, als besuche man das Atelier eines berühmten Künstlers, nur weil man im selben Haus einen dummen Vertrag zu unterschreiben hat.

Nein, die an Stuttgart interessierten Menschen sollten sich angewöhnen, ohne die Ausrede eines Geschäftstermins, ohne die Rechtfertigung eines Verwandtenbesuchs, ohne das Argument einer bloßen Durchfahrt oder eines Zwischenstopps nach Stuttgart zu reisen, um sich ihr mit jener Zurückhaltung und Höflichkeit zu nähern, welche diese Stadt fordert. Sie wird sich einem sicher öffnen, es braucht nur ein wenig Zeit. Die Stadt ist modern, die Leute sind lebendig, es herrscht "Kultur", wie man sagt, es herrscht Frieden. In den vergangenen Jahren ist die Jugend aufgewacht, die Szene aufgewacht, die Kunst aufgewacht, alle möglichen Leute sind aufgewacht (dass, wenn alle aufwachen, es auch Ärger gibt, gehört dazu). Der latente Selbsthass - das Lavieren zwischen dem Zeigen purer ökonomischer Muskeln und dem unwürdigen Affentheater des Hochdeutsch-Unvermögens - ist, zumindest bei den Bewohnern, einem neuen Selbstbild gewichen, indem man nämlich den subtilen Charme der eigenen Stadt erkannt hat, deren "philosophischen" Charakter.

Ja, ich glaube, man kann sagen, dass es sich um eine intellektuelle Stadt handelt. Hier wird gerne nachgedacht und gegrübelt, nur, dass man vielleicht eine Zeit lang ob all des Nachdenkens ein wenig inaktiv und verschroben wirkt. Das ist vorbei. Dem Denken folgt nun eine Bewegung. Ein innovativer Geist breitet sich aus und ist dort am interessantesten, wo er sich auf das Gegebene, das Gewachsene und die historischen Fußstapfen einlässt, die schönen wie die hässlichen, wo er reagiert, anstatt zu wüten.

Ich fände es übrigens überaus erfreulich - um jetzt doch in die Pfütze des Klischees zu treten -, wenn es stimmte, dass in Stuttgart auch die Punker auf die Einhaltung der Kehrwoche achten, mitunter penibler als mancher Großbürger. Was sollte daran schlecht sein? Wobei es natürlich letztendlich um die Kehrwoche in unseren Herzen geht. Mir selbst hat diese wunderbare Stadt geholfen, wenigstens ab und zu reinen Herzens zu sein. In leichter Abwandlung eines Spruchs, welcher einen Grabstein auf dem historischen Hoppenlaufriedhof schmückt, möchte ich in Bezug auf Stuttgart sagen: Ihre Biederkeit trotzt jedem Sturm. Es gibt eine Biederkeit, die sich heutzutage anbietet, eine Biederkeit, die den Stürmen der Dummheit trotzt. Eine Biederkeit als Avantgarde.

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Autor:
Heinrich Steinfest