Schweden Mein Zuhause heißt Stockholm

Wenn ich Glück habe, wählt der Pilot eine Einflugschneise über der Stockholmer Innenstadt. Ich lege die Hände wie ein Fernrohr um meine Augen und presse das Gesicht gegen das Flugzeugfenster, mein Herz schlägt mir ganz oben im Halse, ich atme sehr verhalten, damit die Scheibe nicht beschlägt. Ist das da nicht die E 4, die Schnellstraße nach Södertälje mit ihren Schlangen aus Spielzeugautos? Und jetzt ist eine weiße Waxholmfähre ganz klar zu erkennen, in der Badewanne von Saltsjön auf dem Weg zum Schärengürtel. Hier das königliche Schloss, die grünen Flächen von Djurgården und dort Järvafältets gigantische Betonvorstädte. Von der Luft her ist Stockholm so greifbar, so einfach und umgänglich, meine ganz eigene Stadt, mein Ort auf der Welt.

Stockholm liegt am Ende der Welt, wie ein Riegel zwischen Mälarsee und Ostsee, wie ein Herz, das vor Licht und Leben in der Polarnacht pocht. Wo immer ich auch gewesen bin, dieses Gefühl überwältigt mich, wenn ich nach Hause komme: Wie preisgegeben diese Stadt ist. Wie schön, und wie einsam und isoliert. Wie sehr sie von uns Menschen geformt worden ist, die seit einem Dreivierteljahrtausend innerhalb ihrer Mauern wohnen und leben, und wie deutlich sie ihrerseits uns geformt hat: wie wir denken, auftreten, was wir tun und was wir herstellen. Unser Design, unsere Musik, Kunst und Literatur - zwischen Stadt und menschlicher Schöpferkraft findet ein ständiges Geben und Nehmen statt.

Vor dem Fenster des Arlanda Express, des Zuges vom Flughafen zum Hauptbahnhof Centralen, rauscht die architektonische Monotonie der Vorstädte mit hässlichen Gewerbegebäuden vorbei. Betriebsunfälle, denken wir Schweden zufrieden und verschränken die Hände auf dem Bauch. Ich lasse die Hektik des Hauptbahnhofs hinter mir. Auf den ersten Blick kann Stockholm an andere alte Städte in Europa erinnern. Die Kopfsteinstraßen im mittelalterlichen Gamla Stan. Die Springbrunnen im lauschigen Park Kungsträdgården. Die vergoldeten Statuen und die prachtvollen Säulen vor dem Königlichen Theater.

Aber der Schein trügt. Hier gibt es etwas Hartes, das nicht zu stimmen scheint, etwas Schwermütiges und Ungreifbares, das Stockholm von seinen größeren Geschwistern auf dem Kontinent unterscheidet. Vielleicht ist es das Wasser. Es ist dunkler als irgendwo anders. Ich weiß nicht, warum. Es ist niemals blau. Es ist graphitgrau, hellgelb, olivgrün, aber niemals so klarblau wie in normalen Städten. Man ist überall in Stockholm von diesem Wasser umgeben. Es braust, blubbert, wogt und wirbelt in Strömmen, der kurzen Verbindung zwischen Mälarsee und Ostsee, wie eine Schar von Schulkindern in der großen Pause, um sich dann zu beruhigen und so gemächlich dahinzufließen, wenn es sich mit Saltsjön vereinigt, geradezu würdevoll. Oder es liegt am Klima.

Die Winter sind dunkel, kalt und feucht. In den kurzen Stunden mitten am Tag, wenn die Sonne sich über den Horizont schleppt, ragen die kahlen Zweige der Laubbäume wie verzerrte Stangen in einen allgegenwärtigen bleigrauen Himmel. Die Erdtöne der Hausfassaden verschwimmen mit dem Hintergrund. Die Konturen der Straßen gehen im formlosen Schneematsch verloren, und der wird aufgelöst von Salz und Straßenschmutz.

Die Sommertage sind unendlich lang, aber der warmen sind verschwindend wenige. Das schwedische Klima lädt selten zum Picknick. Stockholm wurde geformt von unseren außergewöhnlich harten Lebensbedingungen. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts steht die Stadt auf diesen Inseln hier, erstmals erwähnt wurde sie in zwei lateinischen Urkunden vom Sommer 1252. Damals war sie nur ein hölzernes Fort. Aber da man in den Gruben oben in Bergslagen Eisen und Kupfer gewann, wurde Stockholm zur Notwendigkeit. Die Menschen brauchten die Stadt als Exporthafen und Handelsort. Und die Politiker brauchten einen Hochsitz.

Heute erstreckt sich Stockholm über 14 Inseln, die durch 57 Brücken verbunden sind. Jedesmal, wenn die Stadt erweitert wurde, waren die Visionen größer als die Fähigkeiten, diese Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Die schwedische Bevölkerung, verteilt über einer kargen und ungastlichen Landschaft, deren Gesamtfläche größer ist als Deutschland, Belgien und die Niederlande zusammen, hatte keine großen Gaben, Paläste zu errichten oder Brücken zu bauen. Die Lösungen wurden von außen geholt, vor allem aus Deutschland. Im Laufe der Jahrhunderte waren die Deutschen das Volk, das uns vor allen anderen inspiriert hat.

Das Stockholmer Schloss wurde entworfen von Nicodemus Tessin d. J., geboren in Schweden von Eltern aus Stralsund. Er besuchte die deutsche Schule in Stockholm, Architektur studierte er später unten in Europa. (Ich selbst schreibe meine Romane in meinem Arbeitszimmer in der Straße Tyska Brinken, "Deutsche Anhöhe", und meine Fenster schauen auf Tyska kyrkan, die deutsche Kirche.) Die heutige steinerne Stadt, die in unseren Augen die klassische Innenstadt darstellt, wurde im 19. und 20. Jahrhundert nach dem Vorbild Berlins errichtet.

Deutschland, aber nicht ganz. Kontinentale Ambitionen, aber nicht ganz geglückt. Schweden war zu hart, zu klein, zu kalt. Stockholm wurde zu einer kargen und verschlossenen kleinen Schwester am Ende der Straße, und durch die Ambivalenz des Wollens ohne das richtige Können entstand eine ganz eigene Art von Metropole. In Stockholm sieht man nur sehr wenige wirklich prachtvolle Häuser. Der älteste Stadtkern, gelegen auf der Insel Stadsholmen und heute wenig überraschend "Gamla Stan", Altstadt, geheißen, zeigt noch immer einen großen Teil des mittelalterlichen Stadtplans mit gewundenen engen Gassen, langen, schmalen Häuserblocks, ausgetretenen Steintreppen und herausragenden Kirchen. Auch viele Straßennamen stammen aus dem Mittelalter: Köpmangatan (Kaufmannsstraße) und Skomakargatan (Schuhmacherstraße) aus dem 14., Slottsbacken (Schlossabhang), Järntorget (Eisenplatz), Kåkbrinken (Prangerhöhe) und noch andere aus dem 15. Jahrhundert.

Abschälen, wegnehmen und sauberkehren

Die Wohnungen sind klein, mit wenigen und immer vielsprossigen Fensterchen. Gassen und Häuser sind dunkel. Kein einziger Fußboden ist plan. Hier liegt mein eines Zuhause, mein Arbeitszuhause. Ich sitze unter den Dachbalken in Tyska Brinken und sehe, wie die Steinstadt sich um mich herum auf den Inseln ausbreitet. Durch die Jahrhunderte hindurch haben vor mir andere hier gesessen.

Vor 300 Jahren konnte so eine andere erleben, wie die Bebauung über die Ufer von Stadsholmen trat und durch das dunkle Wasser zu den einsamen Dörfern der Umgebung kroch. Vor 150 Jahren konnte so eine andere sehen, wie die Städteplaner ans Werk gingen und eine Metropole konstruierten. Und dann konnte sie etwas ganz Neues beobachten: wie das Sonnenlicht in großen Bogenfenstern reflektiert wurde. Die Glasmacher hatten die Kunst entwickelt, große Flächen aus dünnem Glas zu fabrizieren, Häute aus durchscheinenden Wellen, die Sonne und Tageslicht die Möglichkeit gaben, in den sparsam möblierten Stockholmer Salons zu tanzen.

Wenn ich durch die Straßen in Richtung City gehe, begegnen mir vor allem die Häuser mit den großen Fenstern, sie umringen mich und führen mich weiter. Sie haben Bauhausstil und Modernismus überlebt und sind jetzt auf dem Weg in ein sichereres Alter. Seit den dreißiger Jahren war es das Ziel von schwedischer Architektur und schwedischem Design, abzuschälen und wegzunehmen. In diesem politischen Eifer, alles schlicht und praktisch werden zu lassen, blieben auch die ohnehin schon verhältnismäßig schlichten Fassaden aus dem 19. Jahrhundert in der Stockholmer Innenstadt nicht verschont. Ihre spartanischen Verzierungen wurden abgeschliffen, Zierleisten übermalt. In den Häusern wurden die Kachelöfen herausgerissen (die waren doch unmodern), Prachtwohnungen wurden zu kleinen Einfamilienwohnungen zerstückelt (das war gerechter) und die Decken wurden gesenkt (im Hinblick auf die Heizkosten).

Heute existieren solche Übergriffe nur noch in der Erinnerung. Die Steinhäuser der Stadt werden mit dem Respekt behandelt, die alle Hundertjährigen verdienen. Wenn ich über die riesigen schwarzweißen Dreiecke auf dem Sergels Torg gehe, weiß ich, warum. In anderen europäischen Städten wurden im Zweiten Weltkrieg die Stadtkerne zerbombt, in Schweden - auf dessen Boden zuletzt 1809 Krieg geführt wurde - wollten wir diese Arbeit lieber selbst erledigen. Wir haben fast die gesamte Stockholmer Innenstadt abgerissen, um Platz für die Zukunft zu schaffen. Fort mit den protzigen Palästen des 17. Jahrhunderts auf dem Brunkebergstorg! Fort mit dem verschlammten Klaraviertel mit seinen engen Gassen, den lungenkranken Häusern. Her mit Licht und Luft, Glas und Beton, Parkhäusern und Bankpalästen und großen, offenen Versammlungsplätzen!

Das Ergebnis, das Stockholm von heute, ist ein Schmelztiegel aus früheren Generationen, aus ihren Ängsten und ihrem Zukunftsglauben, aus den Ambitionen der Politiker und der Art, wie die Menschen damit umgegangen sind. Es ist ganz und sauber und schön. Die Straßen sind gerade, gekehrt, geschäftig. Im Wasser tummeln sich die Fische. Die Luft ist ziemlich klar und rein. Ich gehe in die Biblioteksgata, meine Lieblingsstraße, wenn ich einkaufen will, und suche mir ein italienisches Kostüm und ein schwedisches Designerkleid aus Leinen aus, ehe ich grünen Tee trinke und ein Brot mit Krabben aus Smögen esse.

Ich kann wirklich nur hier Kleider kaufen. Ich messe 1,82 Meter und trage Größe 38. Alle Kleider überall sonst auf der Welt sehen an mir seltsam aus, aber hier sitzen sie perfekt. (Lang, bleich, fröstelnd, so sind wir, genau wie unsere Sommernächte.) Ich komme vorbei an Stadtmuseum und Mittelmeermuseum und dem Hallwylska Museum (Stockholm verfügt mit mehr als siebzig dieser Einrichtungen über eine der größten Museumsdichten der Welt), und ich freue mich darüber, dass wir gelernt haben, zu bewahren und nicht nur, zu verändern.

Dann setze ich mich in die U-Bahn, um zu meinem Haus im Vorort zu fahren. Das dauert nicht lange. Stockholm ist keine große Stadt. Nach nur zehn Minuten verlasse ich die Tunnel unter den Steinhäusern. Der Zug scheppert hinaus zwischen die Nadelbäume, und um mich herum steigen sie aus dem Erdboden auf, die Visionen der Politiker und ihr Versagen. Hier finden wir Vällingby, die ABC-Städte, die modernistische Utopie von Arbeit, Behausung und Centrum.

Hier sollten die Menschen in alle Ewigkeit leben und gedeihen, ohne jemals ihren Vorort verlassen zu müssen. Aller überflüssige Tinnef sollte verschwinden, hier sollte abgeschält und saubergekehrt werden. Es ist nicht ganz so gekommen, aber es wurde doch recht gut. Hier finden wir Tensta, Hjulsta, Rinkeby und Skärholmen, die Gegenden, die einen Teil des Millionenprogramms bilden, der großartigen politischen Ambition, Armut und Wohnungsnot mit Hilfe von weit von der Innenstadt gelegenen riesigen Hochhäusern auszurotten.

Auch das ist nicht ganz so gekommen, aber die Betonvorstädte leben. Sie haben ihre eigene Musik, ihre Kultur, ihren eigenen Duft und Farbton. Ich fahre gern hierher, mein Liebling unter ihnen heißt Bredäng. Aber heute bleibe ich vor meinem schönen Backsteinhaus aus dem Jahre 1958 stehen. Es liegt einen Steinwurf vom Mälarsee entfernt, in einer schmalen und unpraktischen Straße (einer der wenigen, die nicht von Politikern geplant worden sind, sondern geschaffen von Menschen, die vorankommen wollten). Und jetzt, endlich, bin ich zu Hause.

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Autor:
Liza Marklund