Speyer Der Dom zu Speyer

Flammen fressen am Gebälk, kohleschwarze Rauchwolken quellen in den Himmel. In der Gluthitze schmelzen die Bleiplatten auf dem Dach. Zähflüssig tropft das Metall in die Tiefe. Hilflos stehen die Menschen wie angewurzelt neben ihren Wassereimern auf dem Domplatz und schauen hinauf ins Inferno. Es ist die Nacht zum 2. Juni 1689.

Die französischen Soldaten haben die Order ihres Königs Ludwig XIV. gnadenlos vollstreckt: Die Stadt Speyer ist vernichtet, der damals 600 Jahre alte Salier-Dom eine Ruine. Als die Feuer erloschen sind, beginnen die Truppen, die Seitenschiffwände der Kathedrale niederzurammen, und spicken das romanische Bauwerk mit Sprengladungen. Erst im letzten Augenblick kann der bischöfliche Statthalter die totale Zerstörung verhindern.

Mehr als ein halbes Jahrhundert klaffte danach von der fünften östlichen Fensterachse des Langhauses bis zum Querhaus im Westen eine gewaltige Lücke. Dann mussten auch noch die baufällig gewordenen Westtürme abgetragen werden, musste die Glockenkuppel verschwinden. Ein Torso war von der einst neben Cluny größten Kirche des Abendlandes geblieben. Konrad II. hatte sie um 1030 als seine Kaiserkirche gegründet, als steinerne Demonstration von Hoheit und Macht. Nicht er, nicht sein Sohn Heinrich III. erlebten die Vollendung. Erst 1061 wurde der Dom unter dem zehnjährigen Heinrich IV. geweiht - und bereits 20 Jahre später in Teilen wieder abgerissen: Heinrich wünschte sich seine Kirche größer, schöner, staunenswerter.

Das Mittelschiff bekam an Stelle der flachen Holzdecke ein Kreuzgratgewölbe. Um es tragen zu können, musste jeder zweite Pfeiler mächtig verstärkt werden. Die südliche und die nördliche Querhausmauer wurden zu prächtigen Fassaden. Neu waren die Apsis und die Zwerggalerie, die den Bau wie eine Krone schmückt. Heinrich IV. starb 1106, sein Sohn Heinrich V. knapp 20 Jahre später. Das salische Kaiserhaus war erloschen. Aber an ihren Gräbern im Dom fanden sich fast sieben Jahrhunderte lang sieben Mal täglich zwölf, später nur noch sechs Stuhlbrüder ein und beteten für das Seelenheil der Herrscher. Sie verrichteten ihren frommen Dienst auch dann noch, als der Dom von den Franzosen zerstört worden war.

Der dynamische Fürstbischof August von Limburg-Styrum war es Mitte des 18. Jahrhunderts schließlich leid, eine Ruine als Gotteshaus zu besitzen. Baumeister Franz Ignaz Neumann ließ für Exzellenz bis 1777 das Langhaus wieder aufbauen und ersann ein bescheidenes westliches Querhaus. Auf die Stümpfe der abgerissenen Türme setzte er Rundbauten wie Minarette, an Stelle der Kuppel eine elliptische Glockenstube. Bald darauf, 1794, schichteten französische Revolutionstruppen das Dommobiliar zum Scheiterhaufen auf und umtanzten die Flammen mit der Marseillaise auf den Lippen. Unter Napoleon sollte Neumanns Westwerk zu einem Triumphbogen umgestaltet werden und der übrige Dom für einen Viehmarkt verschwinden.

Als die Pfalz nach Napoleons Ende zu Bayern kam, trat König Ludwig I. auf den Plan: "Ich habe mich entschlossen, den Dom malen zu lassen. Im Jahr 1845 wird angefangen." Johann Schraudolph verwandelte den Bau in eine Galerie monumentaler Heiligenverehrung. Und, so Ludwig, "wenn des Kaiserdoms Inneres beziert seyn wird", müsse "auch dessen Vorderseite hergestellt werden". Neumanns Westbau wurde abgerissen. Der badische Baudirektor Heinrich Hübsch errichtete die heutige Domfassade: eine Lage roter, eine Lage gelber Sandstein, wie Kalter Hund.

Die beiden Weltkriege überstand der Dom weitgehend unversehrt. Doch allenthalben müssen seine inzwischen tausendjährigen Mauern gesichert und saniert werden. Von Schraudolphs bunten Bilderreihen ist nur noch ein kleiner Teil zu sehen. Die Dächer der Seitenschiffe wurden tiefergelegt, so dass die Fenster des Mittelschiffs frei wurden. Auch die beiden Querhausgiebel wurden wiederaufgebaut. Ein Gerüst steht immer irgendwo an dem Bau, den seit 1981 das Prädikat Welterbe schmückt. Ein Werk für die Ewigkeit.

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