Spanien Wandern auf dem Jakobsweg

Die meisten Jakobswegpilger gehen den sogenannten Camino Francés, den französischen Weg, der in Saint-Jean-Pie-de-Port an der französischen Grenze beginnt. Er ist der bekannteste Teil des Jakobsweg, gesäumt von günstigen Herbergen, Kirchen, Souvenirgeschäften - während der Sommermonate aber leider völlig überlaufen.
Eine schöne Alternative zum Camino Francés ist der Camino de la Costa, der Küstenweg. Er führt von Hendaye im Baskenland die Nordküste entlang, biegt bei Ribadeo unter dem Namen "Nordweg" Richtung Süden ab und trifft kurz vor Santiago auf den Camino Francés. Auch der Küstenweg ist gut gekennzeichnet und ohne Führer gehbar, nur die Herbergen liegen in weiteren Abständen zueinander. Dafür kommt auf dem Weg tatsächlich ein entspanntes Wander- oder Pilgergefühl auf. Denn hier ist man oft alleine - mit sich, dem Weg und einer wunderschönen Landschaft. Wir fliegen also nach Santander und machen uns auf die Suche nach dem "Camino", wie er fast schon liebevoll von jedem Jakobswegwanderer genannt wird, und der hier mitten durch die Stadt läuft.

Wo beginnt nun eigentlich der Weg?

Die Reise auf dem Jakobsweg beginnt mit der Suche nach den Wegweisern: Wer findet die erste Muschel oder den ersten gelben Pfeil, die über Hunderte Kilometer den Weg zur Kathedrale in Santiago markieren? Mit dem ersten gefundenen Zeichen beginnt dann die "Schnitzeljagd" - und auch die Suche nach einem Platz in der Herberge, die jeden echten Jakobswegpilger bis zum Schluss begleitet.

Die Herberge in Santander hat zu, was außerhalb der Hochsaison vorkommen kann. Ein mitleidiger Pfarrer öffnet uns aber zum Glück das Gemeindehaus einer Kirche im Stadtzentrum, wo wir auf dem Fußboden schlafen dürfen. Es ist eine der vielen netten Gesten auf dem Jakobsweg, der in diesem Teil noch nicht völlig von Touristen überlaufen ist.

 

Ein gelber Pfeil auf einer alten Steinmauer weist den Weg zu Fuß Pilger den Camino de Santiago in Galicien, Spanien.
Getty Images/ Juergen Richter
Hier dient ein gelber Pfeil auf einer alten Steinmauer als Wegweiser.

Die ersten Schritte auf dem Camino führen am Meer entlang, doch während der nächsten Etappen wirkt der Küstenweg eher großzügig betitelt. Von Küste oder gar Meer ist wenig zu sehen, und wir genießen die wenigen Augenblicke, in denen etwas Blau zwischen den grünen Hügeln hindurchschimmert. Doch vier Tage Fußmarsch (auf dem Jakobsweg werden die Etappen in Tagen statt in Kilometern gezählt), zeigt sich das kantabrische Meer in seiner blau-grünen Farbenpracht. So werden wir den gelben Pfeilen, die den Weg nach Santiago weisen, gelegentlich untreu, machen kleine Umweg an die Küste und wagen uns dann irgendwann hinein in die Fluten. Eine wunderbare Erfrischung, wenn die Sonne heiß vom Himmel brennt. Nur mit feuchten Füßen sollte man nicht mehr lange laufen. Blasengefahr - aber das wissen geübte Wanderer längst.

 

Durch romantische, mittelalterliche Städte, vorbei an Hofhunden, zutraulichen Katzen und älteren Herren, die uns freundlich anlächeln, schlängelt sich der Weg durch das nördliche Kantabrien und führt uns auch einmal über eine Eisenbahnbrücke, deren Betreten für Fußgänger eigentlich verboten ist. Am Ende eines jeden Tages wissen wir, dass wir in einer der vielen Herbergen, die entlang des Caminos von Jakobswegvereinen unterhalten werden und nur ein paar Euro kosten, ein Dach über dem Kopf haben werden. Nicht aber wo. Die Unterkunft ist somit jedes Mal eine Überraschung. Kurz hinter Santander erwartet uns zum Beispiel eine Fischerhütte, neben der ein kleiner Bach fließt. Wenige Tage später übernachten wir im Anbau eines Zisterzienserklosters und lauschen abends den Gesängen der Komplet, zu der Pilger und Wanderer eingeladen sind.

 

Unterkunft in Camino de Santiago.
Getty Images, Joel Addams
Eine Unterkunft in Camino de Santiago.

Eines Nachts, irgendwo zwischen Llanes mit seinen bunt bemalten „Erinnerungswürfeln“ an der Hafenmole und Piñeres, einem kleinen Dorf in Asturien, überrascht uns der Regen. Die angekündigte Herberge finden wir nicht, in den Fischerdörfern gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit. Samstagabend ist der Nahverkehr schlecht, und wir sind nass. Da führt uns der Weg an einem leerstehenden Kloster vorbei. Die kleine gotische Kirche nebenan muss verschlossen sein, wie es die meisten Kirchen auch auf dem Jakobsweg sind - glauben wir zumindest. Doch als ich gegen die Tür drücke, gibt sie nach und öffnet sich zu einem leeren Kirchenschiff, dessen Decke von wuchtigen Säulen getragen wird. Die drei Apsiden am anderen Ende des Kirchenschiffs sind ebenfalls leer, etwas verstaubt, aber sonst sauber.

 

Es wird langsam dunkel und so beschließen wir, in diesem Gemäuer die Nacht zu verbringen. Als sich morgens die Sonne durch die schmalen Fenster schiebt und die alten Säulen zum Leuchten bringt und draußen die Vögel zwitschern, wissen wir, dass dieser Zufluchtsort die richtige Entscheidung war - auch wenn wild campen in Spanien verboten ist und spontane Übernachtungen in leerstehenden Häusern nicht zu empfehlen sind. Diese Nacht war die Ausnahme auf dem Küstenweg, es war die einzige, in der wir keine Herberge fanden. Sonst ist der Weg mit Unterkünften gut ausgestattet, die zum Glück nicht so überlaufen sind wie auf dem Camino Francés. Dort rollen manche Wanderer in den Schlafsälen schon vor Sonnenaufgang im Taschenlampenlicht ihre Schlafsäcke zusammen, um am frühen Nachmittag noch einen Platz in der nächsten Herberge zu ergattern.

Immer wieder haben wir auf unserem Weg sogar einige Herbergen für uns alleine oder teilen sie mit nur wenigen anderen Wanderern. Abends trifft man sich dann und tauscht die Erlebnisse des Tages aus: beim Drei-Gänge-Menü mit einem französischen Paar auf Hochzeitsreise zum Beispiel, bei einem Glas Wein mit einem niederländischen Radfahrer, der den Weg für einen Reiseanbieter erkundet oder einfach während des Sonnenuntergangs. Es ist eine schöne Atmosphäre - wo sonst lernt man so viele Leute in so kurzer Zeit kennen? So viele Menschen jeden Alters und jeder Nation? Der Jakobsweg zieht nicht nur sportliche Wanderer und religiöse Pilger an. Schüler nach dem Abitur, Studenten in den Semesterferien, Urlauber, Berufsaussteiger, Rentner, Menschen auf Sinnsuche und Menschen auf der Suche nach einer besonderen Erfahrung trifft man auf dem Weg. Wer offen für neue Begegnungen ist, geht mit reichen Erfahrungen und neuen Kontakten nach Hause.

Wer die Einsamkeit sucht, ist gut aufgehoben auf dem Küstenweg

Auf dem Weg selbst begegnet man, anders als auf dem Camino Francés, selten anderen Wanderern, die ein Schwätzchen halten und den neuesten "Jakobsweg-Tratsch" austauschen wollen. Während das tiefblaue Meer langsam auf der rechten Seite entlangzieht und die Sonne über den schroffen kantabrischen Bergen zur Linken funkelt, versinkt man leicht in den gleichmäßigen Schritt der eigenen Füße, in das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume am Wegesrand. Es ist der Moment, in dem sich die eigenen Gedanken selbstständig machen, sich lösen von den Problemen des Alltags und neue Wege finden. Diese Momente machen die Reise auf dem Camino de la Costa zu einem Entspannungsurlaub der etwas anderen Art. Nach 20 oder 30 Kilometern zu Fuß bekommen wir bei einem deftigen Abendessen jedes Mal das gute Gefühl, etwas geschafft und erlebt zu haben. Und können mit freien Gedanken zu Bett gehen.

Und am nächsten Morgen geht es weiter - immer einem festen Ziel entgegen

Bis am Ende vieler Kilometer, Begegnungen und Gespräche die Kathedrale im Zentrum Santiagos vor uns aufragt. Als Ziel einer langen Wanderung beeindruckt sie auch Menschen, die nicht aus religiösen Motiven unterwegs sind. Hier treffen sich der Camino Francés, der Küstenweg und die Via de la Plata, der Weg, der von Sevilla im Süden zur Kathedrale von Santiago führt. Diese Kirche, in deren Inneren der Heilige Jakob, der Schutzpatron Spaniens, begraben liegen soll, ist der Magnet, der alle Jakobswegpilger anzieht. Wenigstens für einen Moment. Wir lösen uns wieder, denn wir sind noch nicht am Ziel. Während viele Pilger ehrfurchtsvoll die Säule zu Füßen des Apostels im Eingangsbereich der Kathedrale berühren, ziehen andere weitere 100 Kilometer nach Westen. Bis zum „Ende der Welt“, wo der Weg endgültig an den schroffen Klippen des Kaps von Finisterre endet.

Zu seinen Füßen liegt das verschlafene Fischerstädtchen Fisterra mit der letzten Herberge. Und auf der Höhe des Kaps, wo ein Leuchtturm heute Hotelgäste beherbergt, verbrennen Jakobswegwanderer traditionell ihre Stiefel. Oder wahlweise etwas, dessen Last sie sich von der Seele nehmen wollen. Die letzte Zigarettenpackung, alte Tagebücher, Fotos einer verflossenen Liebe. Und dann versammeln sich alle, die an diesem Tag angekommen sind, auf den Felsen des Kaps und warten auf das Farbspektakel der Sonne, die im Westen im atlantischen Ozean versinkt.

INFO:

Der Küstenweg lässt sich gut auf eigene Faust wandern, in Abständen von einigen Kilometern ist normalerweise eine günstige Pilgerherberge zu finden. Um dort übernachten zu dürfen, braucht man einen Pilgerpass, den es bei den deutschen Jakobsweggesellschaften auch online zu bestellen gibt. Je nach Verein wird für die Ausstellung des Pilgerpasses allerdings ein Schreiben der örtlichen Kirchengemeinde verlangt, die bestätigt, dass der Antragsteller wirklich auf Pilgerreise gehen will. Häufig kann man den Pilgerpass aber auch in Spanien in einer der Herbergen bekommen.

Die beste Reisezeit ist im Frühjahr oder Herbst. Im Sommer sind auf den Jakobswegen Spaniens mehr Wanderer unterwegs, im Winter ist es schlicht zu kalt.

Autor:
Anja Reumschüssel