Skandinavien Jobs in Norwegen

Freitagabend. Thomas Schindler verließ seinen Schreibtisch in einem Architektenbüro an diesem Tag etwas früher, Ehefrau Sylvia bereitete sich nachmittags auf ihre zukünftige Betreuungsarbeit mit Erstklässlern vor, Pirmin, 15, kam von seinem Praktikum nach Hause, und Julian, 11 war gerade zurück vom Fußballplatz. Fehlt nur noch die 16-jährige Nadine, die einen Ferienjob als Serviererin in einem Café hat. Eine nette deutsche Familie beim Abendbrot. Erzählt wird, was der Tag so brachte, von Kollegen, Freunden, Nachbarn. Doch irgendwas scheint in dieser Momentaufnahme nicht zu stimmen.

Richtig: Alle Nahrungsmittel auf dem gedeckten Tisch sind norwegisch. Schindlers Büro heißt auch nicht gmp oder Hadi Teherani, sondern Asplan Viak. Pirmins Schiffsbauerpraktikum findet nicht bei Blohm & Voss an der Elbe statt, sondern auf der Bootswerft Skilsø direkt am Skagerrak, Julian lässt die Bundesliga kalt, weil auf seinem Kicker-Trikot Austre Moland Arendal steht, Nadine serviert keine Schwarz- wälderkirschtorten, sondern jordbærbløtkake. Wir befinden uns in einem norwegischen Einfamilienhaus aus Holz, und genau hier möchte die schwäbische Familie Schindler vom Bodensee auch bleiben. In Arendal.

In Berlin. In seiner "Personalarena" an der Sredzkistraße, Prenzlauer Berg, sitzt Bjørn Engeset am Telefon. Ein Norweger, der in Deutschland arbeitet. "In Norwegen", witzelt der gepflegte, sympathische Enddreißiger, "wäre ich genau so arbeitslos wie unsere Arbeitsämter dort." Engeset vermittelt deutsche Arbeitskräfte nach Norwegen. An Handwerkern aus fast allen Branchen, Ingenieuren, Medizinern und Pflegepersonal kann man zwischen Skagerrak und Barentssee offenbar nicht genug bekommen. Warum so gern Deutsche genommen werden? Engeset zitiert eine Studie norwegischer Arbeitgeber. "Vier Punkte sind wesentlich: höhere Kompetenz, kulturelle Nähe und schnelles Lernen der verwandten Sprache, Bereitschaft, lange zu bleiben." Letzteres meistens auf Nimmerwiedersehen.

In Bremen. Eine norwegische Fahne hängt aus einem Fenster der Bundesagentur für Arbeit. 130 Interessenten folgten der Einladung der Zentralen Auslandsvermittlung und des Vermittlungsbüros "Arbeitskontor". Chance Norwegen. Aus Oslo kamen drei Repräsentanten von Møller bil. Das ist einer der größten Autohändler für den VW-Konzern mit 40 Niederlassungen und Werkstätten. "Ja, natürlich am besten auf Nimmerwiedersehen", ruft Service-Marketingchef Ralf Horn, der schon vor 30 Jahren ausgewandert ist und jetzt virtuos zwischen Berliner Schnauze und norwegischem Akzent wechselt, locker in die Runde. "Nur mal so für ein, zwei Jahre? Zeitarbeit? Suchen wir nicht, kennen wir nicht. Übrigens haben wir schon in diesem Augenblick in euch investiert!" Und dann preist Horn das nordische Jobwunder: Bereitstellung einer Unterkunft für den Anfang, Hilfe bei Behördengängen und späterer Wohnungssuche, Einstiegslohn von 17,50 Euro aufwärts, Bonus, hohe Überstundenzuschläge, beitragsfreie Krankenversicherung, geförderter Sprachunterricht, berufliche Weiterbildung und gute Aufstiegsmöglichkeiten, entspannte Arbeitsatmosphäre, in der durch alle Hierachien hindurch geduzt wird, ganz zu schweigen vom hohen Freizeitwert Norwegens.

Ältere Arbeitnehmer? Wohl eher ein deutsches Problem. "Es gibt sehr viel bessere Chancen für Ältere in Norwegen", befindet auch Gunn Rogge, wie Bjørn Engeset tätig in Berlin, die an diesem Tag in Bremen ihr "Arbeitskontor" vertritt. Sie widerlegt gleich die häufige Vermutung, Bewerber für Norwegen seien in der Mehrheit Arbeitslose und/oder aus Ostdeutschland. "Es gibt allerdings einige, die von dort stammen und in den Westen gingen, aber dort nicht wirklich angekommen sind. Ich habe auch Menschen vermittelt, die Norwegen im Urlaub kennen lernten und das Land mögen. Und viele wollen einfach etwas Neues wagen." Frau Rogge zögert nicht, allzu schnell entschlossene Aspiranten auf den Boden zu holen: "Haben Sie sich gefragt, ob Sie auslandstauglich sind? Kriegen Sie das mit Ihrer Familie unter einen Hut? Trägt sie die Entscheidung wirklich mit? Sieht Ihre Freundin auch eine Perspektive für sich? Haben Sie pflegebedürftige Eltern? Wäre es vielleicht besser, erst das Ende der Ausbildung Ihrer Kinder abzuwarten? Keine Frage, die ersten beiden Monate sind hart. Und wer nicht Norwegisch lernen will, wählt unweigerlich die Einsamkeit. Wenn Sie sich nach allen diesen Überlegungen dann aber doch nicht trauen, ist es völlig in Ordnung."

Karsten, 20, Kfz-Mechaniker aus dem Münsterland, will sich trauen. Er hat Arbeit, könnte aber sofort gehen. Hörte, dass die Löhne hoch sind, aber auch die Lebenshaltungskosten. Ein Bier sechs Euro? Na dann eben eins weniger. Langer, dunkler Winter? Wird durchs Skilaufen ausgeglichen. Oslo oder die Küste Südnorwegens, wo die meisten hinwollen - muss nicht sein. Karsten hat Zeugnisse und Zertifikate dabei und nachmittags ein Vorstellungsgespräch bei den Møller-Leuten. Waltraut aus Hessen, vorher Sachsen, hat eine Stellung als Altenpflegerin. Ihr Mann ist Fliesenleger und im Moment, gerade mal wieder, beschäftigt. Aber diese Unsicherheit hier, sie haben die Nase voll vom chaotischen deutschen Kranken- und Rentenkassensystem. In Norwegen wären sie mit ihren Berufen genau richtig.

Dem Industriekaufmann Guido aus Stuttgart ist wohl weniger rasch zu helfen. Im Frühjahr reiste er kurzentschlossen nach Oslo, leider zur falschen Zeit, und stand an Feiertagen vor verschlossenen Arbeitsamtstüren. Hier in Bremen ist ihm nun alles zu umständlich und zu bürokratisch. Mit diesem Eindruck bleibt er aber allein und verlässt die Veranstaltung bald. Auch Bjørn Engeset in Berlin hat schon mal einen komplizierten Fall. So den Baugehilfen und Hobbykoch, der glaubte, auch als Ungelernter in einem großen Osloer Hotel Koch werden zu können. Ebenso diplomatisch wie geduldig brachte er ihn davon ab. Engeset hält noch einige Zeit Kontakt zu seinen Klienten und deren norwegischen Arbeitgebern. Seine Erfahrung: 80 Prozent der Auswanderer bereuen ihre Entscheidung für Norwegen nicht. Gerade telefonierte er mit dem Elektriker Alex Hüniger. Der war erst vor wenigen Wochen bei ihm in der Sredzkistraße, und nun besitzt er schon eine Eigentumswohnung in Askvoll an der Westküste Norwegens.

Auch Familie Schindler, die sich in den Ferien für Norwegen begeisterte und jetzt ein Dreivierteljahr in Arendal lebt, kam schnell zu ihrem Haus in wunderschöner Natur. Der Familienvater, der sich in Eigeninitiative nach gründlicher Recherche per Internet bewarb, schätzt die entspannte Kollegialität. Leistung und professionelles Arbeiten wird gefordert, das Leben aber dabei nicht vergessen.

Alle haben nach Kräften versucht, uns die Eingewöhnung leicht zu machen", erzählt Sylvia Schindler. "Geradezu rührend lief das in der Schule ab. Das Unterrichtssystem ist phantastisch, und wir sind sicher, dass unsere Kinder hier bessere Zukunftschancen haben. Natürlich hatten wir sie in unseren Entscheidungsprozess eingebunden." Gewiss hat die Familie viel zurückgelassen, aber ihr Leben gewann auch neuen Schwung. Die Integration ist gelungen. Irgendwann doch wieder in Deutschland leben? - Kein Thema mehr für die Schindlers. Die Leute von Møller bil sind sehr zufrieden aus Bremen nach Oslo zurückgekehrt. 24 Einzelgespräche verwandelten sie in zehn Einstellungen. Die erfolgreichen Bewerber werden sehr bald kommen, Karsten ist dabei. Glückliche Reise! Noch Fragen?

Arbeitsvermittlung nach Norwegen: www.personalarena.com und www.arbeitskontor.no

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Autor:
Tibor M. Ridegh