Sizilien Werke des Malers Antonello da Messina

Durchtriebener Verräter? Skrupelloser Wucherer? Das "Porträt eines Mannes" von Antonello da Messina lässt wenig Spielraum für Sympathien. Kein Wunder - bei diesem Gesicht. Der Blick des Mannes ist herablassend. Einige widerspenstige Härchen stechen aus seinen Augenbrauen hervor. Der Mund deutet ein kühles und unsympathisches Lächeln an. Immer wieder fällt der Blick auf die obere Gesichtshälfte und die halbgeschlossenen Lider. Diese Augen haben den Betrachter fest im Visier.

"Ein Mann voller Arglist und dem Willen, Böses zu tun", heißt es in der Literatur. Heute würde niemand mehr auf diese Weise porträtiert.Der Renaissancemaler Antonello da Messina wagte es bereits 1476. Als Sohn eines Steinmetzes wurde Antonello d'Antonio um 1430 in Messina geboren - als Antonello da Messina ging er in die Kunstgeschichte ein. Er malte große Sakralbilder und gilt als Wegbereiter der Ölmalerei in Italien. Er schuf Porträts von einem physiognomischen Realismus mit solch großem Ausdruck wie kein anderer seiner Zeit. Dieser Sizilianer brauchte keine Attribute, um die "Maria der Verkündigung" darzustellen, kein Täubchen, das den Heiligen Geist symbolisiert. Ihm reichte allein das Gesicht, um Freude, Verwunderung und Furcht der Madonna auszudrücken - und das schon Jahrzehnte vor Leonardo da Vincis berühmter "Mona Lisa" (um 1503-1506).

Doch wohin liegt das Geheimnis des Blickes von Antonello? In seinem Ausdruck? In seiner besonderen Art die Welt zu sehen? Mehr als 500 Jahre nach ihrer Entstehung beeindrucken die Porträts ihre Betrachter.Wer einmal in den Bann dieser Gemälde gerät, kann sich davon nicht mehr befreien. Einmal gesehen, nie mehr vergessen. Mal sind die Züge der Abgebildeten prüfend, mal belustigt oder herablassend.

Doch neben der genauen Wiedergabe der Gesichtszüge sind auch die Kompositionen aus Licht und Linien bemerkenswert. So wirft das auf die Schultern herabfallende Band des heute kaum noch sichtbaren Barretts einen langen schmalen Schatten auf den roten Umhang des Fieslings. Ein kleines Detail, das fast im dunklen Hintergrund untergeht. Zum vorderen, unteren Bildrand wird diese Linie von einer gemalten Brüstung begrenzt. Diese scheinbar flüchtig gesetzten Senk- und Waagerechten lenken den Blick des Betrachters immer wieder auf die Stirn und die Augenbrauen. Auch Kleinigkeiten wie die süffisant genaue Wiedergabe der borstigen Augenbrauen bei dem "Bösen" entgehen ihm nicht.

Es gibt kein Manko, das der Künstler übersieht, und er allein entscheidet, wie es dargestellt wird: Ein Schönheitsfehler kann ebenso zum liebenswerten Merkmal eines sympathischen Zeitgenossen werden wie zum Charakteristikum einer Verbrechervisage. Diese Exaktheit ist jedoch keine Erfindung Antonellos. Das Abbilden des Wirklichen war ein Hauptanliegen der italienischen Porträtkunst des 15. Jahrhunderts. Vorbilder waren die Künstler nördlich der Alpen, vor allem in Flandern. Rogier van der Weyden (um 1400-1464), Jan van Eyck (um 1390-1441) und sein Schüler Barthélemy d'Eyck (tätig um 1435-1470) waren in Italien am Hofe en vogue.

Besonders Jan van Eyck wurde für seine naturalistischen Darstellungen und seine Ölmalerei in Rom, Florenz und auch Venedig verehrt und nachgeahmt. Sein Einfluss ist auch Antonellos Werken deutlich anzusehen. Dass der jedoch tatsächlich eine Reise nach Flandern unternahm, bleibt umstritten. Die Vermutung, dass er bei van Eyck studierte, lässt sich schon allein durch die Lebensdaten beider Künstler widerlegen.

Doch welche Meister Antonello nun nachhaltig prägten, und ob nicht auch die Kunst der Provence ihn beeinflusste, wird unter Kunsthistorikern noch debattiert. In Neapel hatte Antonello wahrscheinlich bereits 1450, im Alter von 20 Jahren, die Möglichkeit, die Werke van Eycks und seiner Schüler zu studieren. Antonello war damals bei dem Maler Niccolò Colantonio in der Lehre, der diese beliebten flämischen Künstler ebenfalls nachahmte.Vor allem die Ölmalerei versuchte Antonello zu entschlüsseln. Eine wirkliche Ausbildung in dieser Technik hat er aber nie erhalten, deshalb kombinierte der Sizilianer anfangs auch noch Tempera und Öl. Sein Bemühen, den Stil der Flamen zu kopieren, perfektionierte er im Laufe der Zeit aber derart, dass das berühmte Gemälde "Heiliger Hieronymus im Gehäus" lange Zeit fälschlicherweise van Eyck zugeschrieben wurde.

Dennoch war der Messinese nicht bloß ein Nachahmer. Er entwickelte ganz eigene Bildideen, die auch schon in Ansätzen in dem frühen "Porträt eines Mannes", das im Museo Mandralisca in Cefalù hängt, zu erkennen sind. Antonello reduzierte schon hier den Hintergrund auf eine dunkle Fläche. Er benutzte den Rand der Kapuze als harte Abgrenzung zum Gesicht, das hier bereits holzschnittartig und hell hervortritt. Die schwarze Jacke und der weiße Kragen zeigen sein Spiel mit den Kontrasten. Auch Antonellos Ironie wird sehr deutlich. Der spöttische Blick und das harte Lächeln waren offenbar nicht jedermanns Geschmack, da Mund und Augen Spuren einer Zerstörungsattacke aufweisen. Mit einem Messer wurden diese Partien so scharf eingeritzt, dass die Schäden auch noch nach drei Restaurierungen zu sehen sind.

War der Porträtierte etwa mit Antonellos Sichtweise nicht einverstanden? Das lässt sich heute ebensowenig klären wie die Frage, zu welchem Berufsstand die Porträtierten gehörten. Lange Zeit trug das Werk aus Cefalù den Untertitel "Porträt eines unbekannten Seemannes", sogar als "Pirat" wurde der Mann bezeichnet. Doch ein einfacher Seemann hätte sich so ein Porträt gar nicht leisten können. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem "Piraten" eher um einen Adligen. Vielleicht gehörte dieser zur Gemeinschaft der venezianischen Kaufleute in Messina, in der es zum guten Ton gehörte, ein standesgemäßes Gemälde der eigenen Person in Auftrag zu geben.

Wahrscheinlich empfahlen die Porträtierten Antonello in ihrer Heimatstadt an andere Bürger und Patrizier, denn von 1475 bis 1476 lebte Antonello in Venedig, wo er eine gut gehende Werkstatt unterhielt. Nur drei Jahre vor seinem Tod in Messina befand er sich hier auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Antonello erhielt in der Lagunenstadt zahlreiche Aufträge für Porträts und Heiligenbildnisse. Darunter auch für das Altarbild "Thronende Madonna mit Kind und die Heiligen Nikolaus, Lucia, Ursula und Dominikus" (entstanden 1475/76), das zu einem der berühmtesten Meisterwerke der Renaissancemalerei zählt .

Seine Meisterschaft in der Porträtkunst hingegen bewies Antonello mit seinem "Porträt eines Mannes" (Condottiere). Jedes Detail, das Grübchen am Kinn, die Falte am Hals, selbst das Pelzfutter des schwarzen Umhanges sind ganz besonders fein herausgearbeitet. Mit einem tröpfchenförmigen Pinselstrich setzte er akribisch jedes Barthaar. Die Lippen wirken hier so realistisch wie nie zuvor, das Licht scheint die Gesichtszüge fast galant zu umschmeicheln. Natürlich signierte der Meister auch. Meist fügte er am unteren Bildrand eine Brüstung ein, auf die er ein zerknittertes Zettelchen mit Datum und Name malte, so als wolle er klarstellen: Achtung, Kunst! Diese Zettelchen wurden zu seinem Markenzeichen. Genau wie die Darstellung der Person nur bis zur Brust, und ohne Hände.

Antonello da Messina war ein Meister der Exaktheit und Reduktion. Ein Maler voller Witz und Ironie - und genau deshalb wirken seine Porträts auch heute noch so modern. Seinem Blick und seinen Bildern kann sich niemand entziehen.

Autor:
Karola Kostede