Sizilien Geschichte der Mafia - Reisen zu den Wurzeln

Der Aeroporto Internazionale Falcone-Borsellino

Bereits bei der Landung auf dem Flughafen von Palermo macht der Fremde Bekanntschaft mit einem Stück bedeutender Mafia-Geschichte: "Willkommen auf dem Aeroporto Internazionale Falcone-Borsellino!" Im Palermo der achtziger Jahre stemmen sich die beiden Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino mutig gegen das Organisierte Verbrechen. Ihren Ermittlungen ist es zu verdanken, dass Hunderte "Ehrenmänner" hinter Gittern landen. Unter anderem bringt Falcone den berüchtigten Mafia-Killer Tommaso Buscetta dazu, eine umfassende Aussage über die Struktur der Cosa Nostra zu machen.

Am 23. Mai 1992 wird Giovanni Falcone zusammen mit seiner Ehefrau und drei Leibwächtern auf der Autobahn westlich von Palermo nahe Capaci bei einem Anschlag mit 500 Kilogramm Plastiksprengstoff getötet. Paolo Borsellino stirbt nur zwei Monate später ebenfalls durch ein Bombenattentat vor dem Haus seiner Mutter. Der Flughafen Palermo wird nach dem Tod der beiden Richter zu ihren Ehren umbenannt. Am Eingang erinnert eine Bronzeplakette an Mafiajäger: "Giovanni Falcone - Paolo Borsellino - Die Anderen - Der Stolz des neuen Sizilien", steht dort geschrieben.

Die Zitronengärten von Palermo

Der schöne Schein trügt. In den idyllischen Zitrusplantagen rund um Palermo liegt die Wurzel allen Mafia-Übels. Anfang des 19. Jahrhunderts kommt die Region dank des Handels mit den Früchten zu unglaublichem Reichtum. Der Anbau der Pflanzen ist aufwendig, sie müssen wohl behütet werden, bereits eine kurze Unterbrechung der Bewässerung kann die ganze Ernte gefährden - und damit ist die Grundlage für die erste Geschäftsidee der Mafia geschaffen.

In anonymen Briefen wird den Grundbesitzern die Einstellung ganz bestimmter "Wachmänner" und Plantagenverwalter nahegelegt, die nicht nur für Sicherheit sorgen, sondern zudem einen großen Teil der Einnahmen für sich beanspruchen. Wer sich den Empfehlungen und Maßnahmen widersetzt, wird bedroht, verprügelt oder gleich für immer auf Seite geschafft. Schon damals zeichnen sich die Hüter des Gesetzes durch kollektives Wegschauen aus. Die Existenz eines kriminellen Geheimbundes wird schlichtweg geleugnet.

Die Bruderschaft von Favara

Im Jahre 1883 kommt es in der nahe Agrigent gelegenen Schwefelbergbaustadt Favara über Wochen zu zahlreichen merkwürdigen Zwischenfällen: Maskierte Männer überfallen Tauffeiern, man findet Leichen mit abgeschnittenen rechten Ohren, stillgelegte Minenschächte dienen als Massengräber. Die Bevölkerung ist zutiefst verängstigt, die Behörden tappen im Dunkeln - bis ein Bahnarbeiter auspackt. Der Mann erzählt der Polizei von einer Geheimgesellschaft, der selbsternannten Bruderschaft La Fratellanza, die ihn wüst bedroht und zum Beitritt aufgefordert hat. Daraufhin verhaften die Behörden binnen weniger Monate mehr als 200 Personen in Favara und Umgebung. Die Ermittlungen ergeben, dass die Bande sehr ähnliche Strukturen, Rituale und Regeln wie die Mafia im mehr als hundert Kilometer entfernten Palermo aufweist. Die Erklärung ist einfach: Die Bosse der Bruderschaft haben zusammen mit ihren Kollegen aus der großen Stadt in den gleichen Gefängnissen eingesessen. Dort ist der Grundstein für das wahrscheinlich erste Franchise in der Geschichte der Organisierten Kriminalität gelegt worden. Filialen im Rest von Sizilien werden folgen.

Mit dem Zug von Termini Imerese nach Palermo

1893 wagt die Mafia etwas Unglaubliches. Nachdem sie bis dato ausschließlich einfache Bürger aus dem Weg geräumt hat, lässt die Cosa Nostra den ehemaligen Bürgermeister von Palermo, Emanuele Notarbartolo, hinrichten. Der angesehene Politiker und vormalige Präsident der Bank von Sizilien hat sich öffentlich gegen die Geschäftsmethoden der Mafia ausgesprochen. Und weil er um die Entschlossenheit seiner Feinde weiß, verschanzt sich Notarbartolo auf seinem Landgut in Mendolilla: feuerfeste Dachziegel, modernste Schlösser aus England und reichlich Waffen im Haus. Doch die Mafia ist geduldig. Ihre Killer warten im Zug von Mendolilla nach Palermo auf Notarbartolo. Kurz vor dem Bahntunnel zwischen Termini und Trabia bringen sie ihn in seinem Abteil auf brutale Weise um. Die Leiche schmeißen die Mörder aus dem Zug. Elf Jahre später erfolgt das Urteil gegen die Hintermänner. Sie werden freigesprochen - aus Mangel an Beweisen.

Am Sockel der Garibaldi-Statue

Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Mafia erstmals in den USA aktiv. Erfolgreich importieren die sizilianischen Einwanderer das Modell Cosa Nostra in die Großstädte Nordamerikas. Der Polizist Joe Petrosino, ebenfalls sizilianischer Abstammung, räumt zu dieser Zeit in der New Yorker Unterwelt auf und klopft den Paten gehörig auf die Finger. 1909 reist der Cop unter falschem Namen nach Palermo, um verdeckte Ermittlungen auf Sizilien anzustellen. Obwohl seine "geheime Mission" in der New Yorker Presse lang und breit angekündigt wird, fühlt Petrosino sich sicher. In der Heimat garantiert ihm seine Dienstmarke Unantastbarkeit. Deswegen lässt der Gast aus New York seinen Revolver im Hotel zurück - ein schwerwiegender Fehler. Mitten auf der Piazza Marina von Palermo hat sich schon das Empfangskomitee postiert: Zwei Killer schießen Petrosino am Sockel der Garibaldi-Statue einfach nieder.

Die Bauern von Corleone

Don Corleone ist schuld. Oder eher Mario Puzo, der die Figur des Über-Mafioso aus Corleone für seinen Bestseller "Der Pate" erfunden hat. Seitdem ist das übersichtliche Örtchen für viele die geografische Heimat der sizilianischen Mafia. Ein Bild, das nicht ganz der Wahrheit entspricht. Erst in den achtziger Jahren gelangen die Bosse aus Corleone mit großer Brutalität an die Spitze der Cosa Nostra. Bis dahin geht es in der 1200-Seelen-Gemeinde genauso kriminell zu wie anderswo auf der Insel.

Tatsächlich entwickelt sich Corleone um 1900 zu einem Zentrum der Bauernbewegung. Bernandino Verro, einer ihrer Anführer, kämpft vehement für die Rechte der einfachen Landbevölkerung. Das erregt den Zorn der Großgrundbesitzer, und so kommt Verro der Einladung einer geheimen Bruderschaft nach, die ihm Schutz vor dem wohlhabenden Mob verspricht. Mit anderen Worten: Verro tritt der Mafia bei. Erst nach einiger Zeit wird ihm klar, dass er Mitglied einer kriminellen Vereinigung ist. Der Corleoneser will seinen Fehler wiedergutmachen und stellt sich der ehrenwerten Gesellschaft entgegen. Die Mafia revanchiert sich: 1910 versucht man, Verro mit einer Schrotflinte zu töten. Fünf Jahre später strecken mehrere Todesschützen Verro auf der Via Tribuna nieder. Die 1925 in Corleone zu Ehren des Toten aufgestellte Büste wird gestohlen. 1992 wird ein Verro-Denkmal an der Via Tribuna zerstört. Die Mafia ist nachtragend.

Der Angriff der Faschisten auf Gangi

1926 beginnt Benito Mussolini seinen Kampf gegen die Mafia. "Ich werde das Geschwür des Verbrechens auf Sizilien ausbrennen - wenn es sein muss, mit einem glühenden Eisen", droht der "Duce". Am Neujahrstag umstellen seine Milizen und die Polizei den Ort Gangi. Das 60 Kilometer südlich der Küstenstadt Cefalù gelegene Bergdorf gilt als Hochburg der Cosa Nostra. Als die Truppen in Gangi einmarschieren, verstecken sich die Mafiosi in geheimen Tunneln und Räumen. Mussolinis Männer ziehen tagelang marodierend durch Gangi, plündern, nehmen Kinder als Geiseln und sollen die Frauen der Mafiosi vergewaltigt haben. Sie nehmen nicht weniger als 430 Personen fest. Am 10. Januar verkündet Mussolinis Präfekt in Palermo, Cesare Mori, stolz die "Befreiung" von Gangi. Wenige Tage später wird die Belagerung aufgehoben. Es ist das Fanal für eine wenig erfolgreiche Zeit der Cosa Nostra. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fasst sie wieder richtig Fuß auf Sizilien.

Die Legende von Villalba

Am 20. Juli 1943 rollen drei Panzer der Alliierten in den kleinen Ort Villalba. An Bord eines der stählernen Kolosse fährt der berüchtigte New Yorker Mobster Charles "Lucky" Luciano mit. Eine gelbe Fahne mit großem "L" schmückt seinen Panzer. Der gebürtige Sizilianer Luciano wird bereits von Don Calò erwartet. Der 65-Jährige ist die lokale Mafiagröße. Gemeinsam fahren sie samt Panzern aus dem Dorf und unterstützen erfolgreich die Invasion der Alliierten auf Sizilien. Sechs Tage später wird Don Calò von einem US-Jeep wieder nach Villalba chauffiert und lässt sich feiern.

Die Mafia liebt diese Geschichte, die tatsächlich ein Märchen ist. Lucky Luciano befand sich jedenfalls nie in diesem Panzer, und Don Calò war mehr Teil eines örtlichen Begrüßungskomitees als ziviler Invasionshelfer. Die Rolle der Mafia in dieser Zeit ist ohnehin eine andere. Sie nutzt das durch die Niederlage der Faschisten entstandene Machtvakuum und besetzt jede Menge öffentlicher Ämter mit ihren Leuten. Nach Jahren im Untergrund steht das Organisierte Verbrechen auf Sizilien wieder in voller Blüte.

Das Massaker in Ciaculli

Es gibt Leute, die Salvatore Giuliano gern als letzten großen Banditen Siziliens beschreiben. Eine Art Robin Hood, der von den Reichen nimmt und den Armen reichlich gibt. Im wirklichen Leben hat Giuliano mehr als 400 Menschen ermordet und eng mit der Mafia zusammengearbeitet. Das Massaker von Ciaculli ist der traurige Höhepunkt seiner Karriere. Im Mai 1947 versammelt sich die Dorfbevölkerung an der Portella della Ginestra, um ein großes Freudenfest zu feiern. Gegen 10.15 Uhr fallen Schüsse. Zehn Minuten lang lässt Giuliano mit Maschinengewehren in die Menge feuern. Elf Menschen sterben, 33 werden verletzt, darunter viele Kinder. 800 Patronenhülsen findet die Polizei schließlich am Tatort. Das Blutbad versetzt ganz Sizilien in einen Schockzustand. Drei Jahre darauf wird Guiliano unter mysteriösen Umständen von Carabinieri erschossen. Vermutungen, das Massaker in Ciaculli sei ein Auftrag der Mafia gewesen, können nicht verifiziert werden. An der Portella della Ginestra erinnert heute ein Denkmal an die Gräueltat.

Ein Besuch im Grand Hotel Et Des Palmes

Im Grand Hotel Et Des Palmes in Palermo ist im Oktober 1957 eine illustre Gesellschaft vier Tage lang zu Gast. Der US-Pate Joe Bonanno, Spitzname Joe Bananas, hat zum großen "Heroin-Gipfel" geladen. Zusammen mit seinen sizilianischen Kollegen bespricht er die Modalitäten für den europaweiten Drogenhandel. Unter anderen sitzen Lucky Luciano, der inzwischen in Palermo wohnt, sowie die sizilianischen Mafiosi Salvatore Greco, Tommaso Buscetta, Angelo La Barbera sowie Giuseppe Genco Russo mit am Verhandlungstisch. Letzterer hat zwar bei der "Heroin-Konferenz" nicht viel zu melden, dafür aber den schönsten Spitznamen: Gina Lollobrigida. Das Treffen der Mafiosi geht in die Geschichte ein. Nicht wegen des Beginns eines florierenden Heroin-Handels, sondern weil die Cosa Nostra eine neue Struktur erhält. Künftig wacht eine zentrale Kommission über alle Aktivitäten der sizilianischen Mafia. Die Organisierte Kriminalität organisiert sich wieder einmal erfolgreich neu.

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Autor:
Denis Krah