Sizilien Der Ätna: ein geologisches Phänomen

Das also war das Hotel "Le Betulle". Ein deformierter Giebel ragt aus dem Boden, eine grotesk verbogene Stahlbetonwand scheint jetzt noch unter der Wucht des Lavastroms zu ächzen. Der Rest ist Ödnis. Das schwarze Gestein knirscht unter den Füßen. Piano Provenzana, die Touristenstation am Nordosthang des Ätna: Früher konnte man hier essen, übernachten, im Winter Skifahren. Bis sich im Oktober 2002 der Berg auftat und aus einer Reihe von elf neu entstandenen Kratern Unmengen von Lava ausstieß. In kühner Kurve schwingt sich der Lavastrom den Hang hinunter, gleichgültig alles niederwalzend, eindrucksvoll noch in seiner Erstarrung. Doch nichts ist am Ätna endgültig, auch die Zerstörung nicht.

Der Parkplatz und die Zufahrtsstraße sind neu asphaltiert, für den Verkauf von Souvenirs und Ätnakitsch sind nagelneue Holzhütten aufgestellt worden - und Ignazio Russo, der Besitzer des 2002 gleichfalls zerstörten Gasthofs "La Provenzana", hat schon damit begonnen, direkt auf der Lava einen neuen zu bauen. Die Touristen kommen schon wieder. Der Berg nimmt, der Berg gibt. Einen "großen Bauer und Zerstörer" nannte der Schriftsteller Johann Gottfried Seume den Ätna, als er 1802 bei seinem legendären "Spaziergang nach Syrakus" den Vulkan bestieg, und schwärmte: "Es ist vielleicht in ganz Europa keine Gegend mit so vielfältigen Schönheiten, als die Umgebung dieses Berges."

Schon von Catania aus beherrscht der flache Kegel den Horizont; an seinen unteren Hängen bildet er eine Kulturlandschaft, in der sich im Frühjahr wahre Farb- und Duftorgien abspielen. Die Rote Spornblume, ein Baldriangewächs, garniert mit ihren rosafarbenen Kerzen die älteren Lavafelder; Königskerzen und Rainfarn ragen gelb leuchtend hüfthoch empor; am eindrucksvollsten aber ist der Ginster, der in sattgelben Wellen die Hänge hinabrollt, in dichten Sträuchern die engen Straßen bedrängt, so dass man wie in einem Tunnel fährt, die Luft erfüllt von betörendem Honigduft.

An die 300 endemische Pflanzenarten gibt es am Ätna, darunter die Birkenart betula aetnensis, die an manchen Stellen ganze Wälder bildet, oder das Veilchen Viola aetnensis, das zuweilen aus den schwarzen Aschefeldern strahlend violett herausleuchtet. Aber keine Frage: Was den Ätna zur Sensation macht, ist seine vulkanische Aktivität. Die Eruptionen. Die Lava. Seine Ausbrüche machen süchtig.Wer einen gesehen hat, will noch einen erleben. Die schiere Wucht der Naturgewalten: Wenn der Berg wummert und bollert, wenn es ohrenbetäubend kracht und die Aschewolke kilometerhoch zum Himmel steigt, wenn Lavabomben pfeifend durch die Luft fliegen oder ein dichter Regen aus Steinchen niederprasselt, wenn die Lavaströme vielan ihrer Oberfläche riesige glühende Brocken herumwirbeln oder eine Lavafontäne Dutzende Meter in die Luft steigt - dann halten selbst hartgesottene Zeitgenossen den Atem an.

Die Touristenstationen zeigen ständig solche Aufnahmen, auf DVD und Video kann man sie kaufen, wenn man schon nicht das Original sehen konnte. "Vulkanporno" nennen Wissenschaftler die Bilderorgien, und die Metapher ist so falsch nicht: Schließlich geht es stets nur um das eine, in ständig neuen Variationen, und irgendwie muss man doch immer wieder hinsehen. Und so zieht der Berg neben Wissenschaftlern und Fotografen, Vulkanfreaks und Sensationstouristen auch Verrückte aller Couleur an - Esoteriker, Zivilisationsmüde, Sinnsucher, denen die Urgewalten die Sinne vernebeln.

Jeder am Ätna kennt die Geschichten: von dem dicken Franzosen, der sich mit einem alten Stahlhelm in den Lavahagel stürzte; von der spanischen Touristin, die mitten in der Bocca Nuova, einem der vier Gipfelkrater, ihr Zelt aufschlug und spurlos verschwand; oder von dem Italiener, der tagelang am Gipfel ausharrte und hinterher berichtete, der Ätna sei eine Erdmutter, in deren Schoß er sich geborgen fühle. Ihrer aller Vater im Geiste ist der antike Arzt und Dichter Empedokles, der sich einst in den Gipfelkrater des Ätna stürzte, um mit der Natur eins zu werden, so jedenfalls wollen es die Legende und Hölderlin.

Der Ätna passt nicht ins Schema

Einer von denen, die den Ätna trotz aller Faszination ganz nüchtern zu verstehen versuchen, ist Boris Behncke, deutscher Vulkanologe am Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie in Catania. Vor dem Institut führt die Via Etnea, eine der Prachtstraßen Catanias, direkt auf den Berg zu, der mächtig am Horizont thront; drinnen sitzt Behncke am Computer und erklärt den Ätna. Der 45-Jährige ist seit seiner Kindheit von Vulkanen fasziniert, studierte beim deutschen Vulkanologie-Papst Hans-Ulrich Schmincke, machte seine Diplom- wie Doktorarbeit in den Ibleischen Bergen, einem Vulkangebiet südlich von Catania. Aber sein wahres Interesse galt all die Zeit dem gewaltigen Kegel weiter nördlich.

"Der Ätna ist nicht nur einer der aktivsten Vulkane der Welt", meint Behncke, "sondern auch einer der vielseitigsten. Er zeigt die verschiedensten Formen von Ausbrüchen, und er überrascht uns immer wieder." Der Ätna passt nicht ins Schema. Die meisten Vulkane (abgesehen von den häufig untermeerischen Vulkanen an den Riftzonen) gehören zu einem von zwei Typen. Entweder stehen sie über einer Subduktionszone, an der eine Erdplatte unter eine andere abtaucht und dabei aufgeschmolzen wird. Das sind die zerstörerischen Vulkane wie der Mount St. Helens in den USA oder der Pinatubo auf den Philippinen, deren gasreiches Magma mit ungeheurer Gewalt ausbricht und die gefürchteten Glutwolken ausstößt, die mit Höchstgeschwindigkeit den Hang hinabrasen und alles Leben auslöschen.

Anders dagegen die Intraplattenvulkane, die nicht an den Plattenrändern sitzen, sondern eben mitten auf den Platten, meist über einem sogenannten Hot Spot, an dem aus den Tiefen des Erdmantels Magma aufsteigt. Hier ist Hawaii das Paradebeispiel, wo die Lava dünnflüssig ausfließt, ohne großen Schaden anzurichten. Der Ätna gehört keinem dieser Typen an. Am ehesten sehen die Geologen ihn noch als Intraplattenvulkan, weil auch seine Lava überwiegend basaltisch, gasarm und dünnflüssig ist - andererseits ist die Plattentektonik des Mittelmeers derart kompliziert, ein Mosaik aus Ozeanresten, Kontinentalrändern und Mikroplatten, dass eigentlich niemand sich so recht zu sagen traut, was da genau wohin driftet oder abtaucht, wo eine Platte aufhört und die andere anfängt.

Zu den Überraschungen, die der Ätna bereithält, gehören auch die exzentrischen Ausbrüche, bei denen Lava zu Tage tritt, die nicht aus dem Hauptschlot stammt. So 2001, als der Vulkan an zwei Stellen zugleich ausbrach und jeweils unterschiedliche Lava förderte. Eine davon stammte aus einem deutlich "primitiveren" Magma, wie die Vulkanologen sagen: Sie enthielt mehr Gase und war explosiver als die andere und muss also einen anderen Aufstiegsweg gehabt haben als die Hauptmasse des Magmas - ein weiterer Hinweis darauf, wie kompliziert die Verhältnisse sind. Deutlich zeichnet sich dagegen mittlerweile ab, dass der Berg dabei ist, sich nach Osten auszudehnen. Eine Riftzone durchquert ihn zunächst südnördlich und biegt im Gipfelbereich nach Nordosten ab; alle großen Ausbrüche der letzten Jahre lagen auf dieser Linie.

Beim Ausbruch 2002/03, der von Oktober bis Januar dauerte, riss der Berg entlang der Riftzone förmlich auf: Lava sprudelte aus bis zu 16 neu entstandenen Kratern, während sich zugleich ein Teil des Osthangs schlagartig um zwei Meter nach Osten verlagerte. Der Berg ruft eben nicht nur, er kommt auch. Tod und Leben, Zerstörung und Aufbau liegen am Ätna eng beieinander. Ständig verändert der Berg sein Gesicht. Wo letztes Jahr ein See war, kann nun ein steiler Kegel sein; wo man beim letzten Besuch durch dichten Wald lief, starrt man nun vielleicht über eine schwarze Lava-Ödnis. Wir stapfen durch die "02/03-Lava", wie die Kenner lässig sagen, in Richtung Gipfel, in Begleitung von Guide Andrea Ercolani, einem sehnigen, wettergegerbten Schweizer mit italienischen Wurzeln, der vom Ätna so fasziniert ist, dass es ihn hierher verschlagen hat.

Ein Gang über die Verwüstungslandschaften am Ätna ist eine Meditation über Werden und Vergehen. Halbmetergroße Lavabomben, die beim Flug durch die Luft spindelförmig erstarrt sind, liegen im Gras. Dichte Gruppen junger Buchen stehen als bleiche Skelette in der schwarzen Lava, ein Bild von überraschender Ästhetik. Wir staunen darüber, wie zäh das Leben sein kann: An vielen Stellen grünt es schon wieder; der astragalus, ein Schmetterlingsblütler, hat seine stachligen Blätter durch den Lavasand geschoben, auch das Greiskraut mit seinen dicken, filzig graugrünen Blättern bildet kräftige Büschel.

Am Rand des Lavastroms gibt es Bäume, die mit unglaublicher Kraft der Hitze standgehalten haben, Stamm und Rinde stark angekohlt, aber dennoch neu austreibend. Drei Buchenbüsche haben wie auf einer Verkehrsinsel den Lavastrom überlebt, der rechts und links von ihnen vorbeigebrandet ist. Manchmal liegen nur ein paar Zentimeter zwischen Leben und Tod; sogar in ein und demselben Gebüsch gibt es Zweige, die die Hitze überstanden haben, und direkt daneben andere, die abgestorben sind. Und dann, mitten in der Lava, rot auf schwarz, wie ein seltener Kristall: ein Marienkäfer. Wo kommt der her, was will der hier? "Der ist nicht ganz freiwilig hier", sagt Ercolani, "die werden mit dem Wind hergeweht." Überlebensaussichten: schlecht.

Schließlich stehen wir an einem der Krater des Ausbruchs von 2002. Steil geht es nach unten, in unergründlich wirkende Tiefen. Das Gestein ist rot von Eisen, gelb von Schwefel, schwarz von Kohlenstoff, zuweilen mit zarten metallisch- blauen Überzügen von Mangan und anderen Metallen. Mehr als 300 solcher Nebenkrater haben die Wissenschaftler am Ätna gezählt, also Stellen, an denen in historischer Zeit Ausbrüche stattgefunden haben. Viele von ihnen stehen als bewaldete Kegel in der Landschaft und spicken die Flanken des Berges. "Die Monti Rossi bei Nikolosi glichen fast Maulwurfshügeln", notierte Seume über den Anblick der vielen Krater.

Obwohl der Ätna kein spontaner Killer ist wie der Vesuv, ist sein Zerstörungspotenzial doch beträchtlich. Etwa 900.000 Menschen leben im Einflussbereich des Vulkans, in jenem Gebiet, das in historischer Zeit mindestens einmal von Lavaströmen erreicht wurde. 1669 etwa gelangte die Lava bis nach Catania und überrollte zwei Viertel am Nord- und am Südrand der Stadt; 2001 stoppte sie wenige Kilometer vor Nicolosi und zerstörte ein Jahr später an ganz anderer Stelle, im Nord- osten, die Station Piano Provenzana; 1992 hielt sie genau vor dem ersten Haus von Zafferana. Dabei sind nicht unbedingt die größten, dramatischsten Ausbrüche am gefährlichsten, sondern die, die am längsten anhalten und dem langsam vorrückenden Lavastrom immer neue Nahrung geben. Deshalb wird der Ätna überwacht wie ein Schwerverbrecher: belauscht und vermessen, abgetastet und gefilmt.

Ein Netz von 50 seismischen Stationen, darunter ein Dutzend Breitband- Seismometer, registriert jede Erschütterung; vier automatische Kameras, deren Aufnahmen lückenlos gespeichert werden, haben ihn permanent im Visier; eine Thermokamera registriert die Wärmestrahlung und entdeckt heiße Gase, wo die optischen Kameras nur Luft sehen; Radon-Messstationen erkennen Änderungen in der Gaszusammensetzung.

Alles läuft zusammen im Kontrollzentrum des Vulkanologie- Instituts in Catania, einem mit Monitoren vollgestopften Raum, der rund um die Uhr mit zwei Leuten besetzt ist - wobei einer von beiden Seismologe sein muss, weil die Gefahr zu groß ist, dass ein Signal fehlinterpretiert und falscher Alarm ausgelöst würde. Vertrauen ist nichts, Kontrolle ist alles. Das letzte Wort hat eh immer der Berg. Als im Sommer 2004 die durch mehrere Ausbrüche beschädigte Touristenstation Ätna Süd wiedereröffnet wurde, meldete sich der Berg pünktlich um sieben Uhr morgens mit einem kleinen Erdbeben zu Wort. Zwar nur mit der Magnitude 3,7 - aber immerhin. Der alte Ätna hat Humor.

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Autor:
Martin Rasper