Schweiz Literatur und Poesie in Zürich

Manchmal ist Zürich ein Zufallstreffer, ein Glückslos, und wird zur "Lotterieheimat", wie Catalin Dorian Florescu das nennt. Seine Familie trifft 1982, aus Timisoara/ Rumänien kommend, in Zürich ein. Vater, Mutter, der 15-jährige Sohn, im vollgepackten Dacia mit Anhänger. In dessen doppeltem Boden: rumänisches Geld (das, wie sich herausstellt, im Westen nichts wert ist) und persönliche Erinnerungsstücke.

Catalin leidet an einer Muskelkrankheit, die nur im Ausland behandelt werden könne: Diesem unpolitischen Grund verdankte man die Erlaubnis zur Ausreise (sowie, wie nicht anders denkbar in Ceausescus Rumänien, inoffiziellen "Kontakten" und bestechlichen Beamten). Man übernachtet in einer Pension am Schaffhauserplatz und will am folgenden Tag weiter, nach Deutschland. Da sieht der Vater hinter dem Dacia einen dunklen Mercedes stehen und daneben einen gut gekleideten Mann, der gerade einsteigen will. Einer spontanen Eingebung folgend, schickt er seine Frau zu ihm; sie kann Deutsch und soll den Unbekannten um Hilfe bitten. Die bekommt sie in Gestalt eines Zettels mit einer Telefonnummer. Sie gehört einer Zürcher Caritas-Mitarbeiterin, die die Florescus vorübergehend aufnimmt und ihnen bei den nächsten Schritten beisteht. Catalin wird die Schule besuchen, wird Deutsch lernen, Psychologie studieren, als Suchtberater arbeiten, und er wird Schriftsteller.

Im Frühling 2008 ist sein vierter Roman "Zaira" erschienen, in einem großen deutschen Verlag (C. H. Beck, 19,90 Euro). Der Roman eines rumänischen Flüchtlings, der in Zürich zu einem deutschsprachigen Autor wurde. In Zürich, wenn auch nicht unbedingt durch Zürich. Die Stadt hat zwar eine literarische Strahlkraft, die in Europa nur von Paris und London übertroffen wird, aber diese Strahlkraft ist ihr zugewachsen, ohne dass sie viel dafür getan hätte.

Vom 18. Jahrhundert bis in unsere Tage zieht diese Stadt Schriftsteller aus der Fremde an, vor allem aus dem benachbarten "großen Kanton" Deutschland, aber auch aus Österreich, Italien, Polen, Russland - oder eben Rumänien. Nicht der unwichtigste Grund ist die herrliche Lage, am Ufer eines Sees und zweier Flüsse, umgeben von Hügeln, mit Blick auf schneebedeckte Dreitausender. Friedrich Gottlieb Klopstock (1750) und Johann Wolfgang von Goethe (1775) bewunderten und bedichteten den Zürchersee, und es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass dieser poetische Ort erheblich zur Herausbildung von so etwas wie Naturgefühl beigetragen hat. Klopstock wie Goethe kamen aber nach Zürich nicht der Natur, sondern eines Menschen wegen.

Klopstock war von Johann Jacob Bodmer eingeladen worden, einem einflussreichen Literaten, der das Jung-Genie, das mit seinem Epos "Der Messias" Furore gemacht hatte, kennen lernen wollte. Die gute Stimmung zwischen den beiden war aber bald dahin, als Klopstock für den Geschmack des Älteren allzusehr weltlichen Vergnügungen nachging. Goethes Zürcher Gastgeber war Johann Caspar Lavater, späterer Pastor der Peterskirche und eine europäische Zelebrität. Wie Klopstock mit Bodmer, so überwarf sich Goethe später mit Lavater; geblieben ist von diesem ersten Zürich-Besuch (dem noch zwei weitere folgten) immerhin das wunderbare Gedicht "Auf dem See" - "Die Welle wieget unsern Kahn / Im Rudertakt hinauf, / Und Berge wolkenangetan / Entgegnen unserm Lauf".

Neben ihrer Lage und der in ihr wirkenden Prominenzen war es vor allem das geistige Klima der Stadt, das Schriftsteller anzog. Hier gab es Verlage und Zeitschriften, die keiner Zensur eines Landesherrn unterlagen. Und hier gab es bereits im 19. Jahrhundert eine Universität, an der Frauen studieren durften, wovon sie anderswo nicht zu träumen wagten. Eine der ersten Studentinnen war Rosa Luxemburg, sie belegte ab 1889 Vorlesungen in Zoologie, Staatswissenschaften und Ökonomie und bewegte sich in einem Milieu sozialistischer, meist auch jüdischer Studentinnen - bei ihnen deckte sich der Drang nach Bildung mit politischem Freiheitswillen. Überhaupt waren es meistens politische Gründe, die Schriftsteller ihren Wohnsitz in Zürich nehmen ließen. Besonders die wechselhaften Verhältnisse in Deutschland führten zu regelrechten Einwanderungswellen. Die erste spülte in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts neben heute vergessenen, gescheiterten Revolutionären auch Georg Büchner in die Stadt. Er wurde wegen seines "Hessischen Landboten" (mit den legendären Zeilen "Friede den Hütten, Krieg den Palästen") steckbrieflich gesucht. In Zürich fand er Zuflucht, hatte sogar Aussicht auf eine akademische Karriere - 1836 hielt er erfolgreich seine Probevorlesung "Über Schädelnerven" -, starb aber, noch nicht 24-jährig, an Typhus. Hoch über der Stadt, nahe der Seilbahnstation Rigiblick, liegt sein Grab.

Nach den gescheiterten Revolutionen im Jahr 1848 kam die nächste Welle. Der berühmteste Emigrant unter den Flüchtlingen war Richard Wagner, der beim Seidenfabrikanten Otto Wesendonck Unterschlupf fand (in der heutigen Villa Schönberg im Rieterpark) und ihm zum Dank die Frau auszuspannen versuchte. Berühmter in der damaligen Zeit war Georg Herwegh. Heinrich Heine nannte ihn - ein etwas zweideutiges Lob - die "eiserne Lerche". Mit den "Gedichten eines Lebendigen" hatte Herwegh den Bestseller des Aufruhrs geschrieben, ein Buch, das zwar verboten, aber "in jedermanns Händen" war, wie das preußische Innenministerium feststellte. Von Herwegh, der schließlich auch aus Zürich ausgewiesen wurde, weil man "Verwicklungen mit fremden Staaten" fürchtete, stammen die Zeilen, ohne die lange Zeit kein Streik vorstellbar war: "Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still / wenn dein starker Arm es will."

Weltrevolution und literarische Revolution

Herweghs Ausweisung ist symptomatisch: Die Freiheit, die ein Dichter in Zürich genoss, war von seinem Wohlverhalten abhängig, und was darunter zu verstehen war, definierten die Behörden. Das sollten vor allem die erfahren, die Zürich ab 1930 erreichten: Juden und Hitler-Gegner. Zuvor kam es aber zu einer einzigartigen Konstellation auf engstem Raum: In einer Straße wurde gleichzeitig an der Weltrevolution gearbeitet und eine literarische Revolution inszeniert. An der Spiegelgasse 1 im Niederdorf fanden die Happenings der Dadaisten statt. Am 5. Februar 1916 hatten Hans Arp, Hugo Ball,Emmy Hennings,Tristan Tzara und andere das "Cabaret Voltaire" begründet. Ihre Auftritte zerstückelten das kulturelle Erbe jenes Abendlandes, das sich materiell auf den Schlachtfeldern Europas zerfleischte. Die Zürcher nahmen die Provokationen empört, amüsiert oder gar nicht wahr.

Ebenfalls wohl kaum wahrgenommen hat den Lärm in der Spiegelgasse Wladimir Iljitsch Uljanow, der wenige Meter entfernt in der Nummer 14 seine Pläne für den Umsturz in Russland schmiedete. (Nummer 12 war übrigens, 80 Jahre vorher, die letzte Wohnadresse Büchners gewesen). Uljanow - bekannter unter seinem Decknamen Lenin - wohnte zur Untermiete beim Schuhmacher Titus Kammerer, der ihm ein paar feste Stiefel anfertigte, die Lenin noch trug, als er quer durch Deutschland und über Schweden und Finnland nach St. Petersburg fuhr, Revolution machen. Nach Zürich war er gekommen der guten Bibliotheken wegen. Denn Lenin war ein ausgesprochener Bücherund Zeitschriftenwurm; er war in der Zentralbibliothek eingeschrieben, damals noch in der Wasserkirche und im Chor der Predigerkirche untergebracht, aber auch in der Museumsgesellschaft am Limmatquai 62 (wie später viele Hitler-Flüchtlinge, die dort internationale Zeitungen fanden). An den Wochenenden suchten Lenin und seine Frau gern den Uetliberg auf, dort saßen sie im Gras, aßen Schokolade - und lasen. Frucht der ausgiebigen Lektüre war seine Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", in dem er die marxistisch-leninistische Doktrin an die durch den Weltkrieg entstandene neue Situation anpasste. Von der Februarrevolution war er völlig überrascht; noch im Januar 1917 hatte er im Volkshaus in einer Rede vor sozialistischen Jugendlichen prophezeit, sie würden den Kommunismus noch erleben, er aber wohl nicht mehr.

Am 9.April 1917 hat Lenin Zürich mit zwei Dutzend Genossen Richtung St. Petersburg verlassen. Etwa zeitgleich arbeitete übrigens James Joyce in Zürich an seinem "Ulysses" - noch eine Revolution, wenn auch wieder "nur" eine literarische. Nicht einmal zwei Jahrzehnte später wurde die Stadt erneut Zufluchtsort von Schriftstellern, Künstlern und Journalisten. Ab 1933 kamen sie aus Nazi-Deutschland, ab 1938 aus dem angeschlossenen Österreich, wenige mit großem Namen und sicherem Einkommen, die man gern aufnahm, viel mehr, die man am liebsten schnell wieder los geworden wäre. Die einen - wie Thomas Mann, der "notorische Villenbesitzer" - konnten sich ein Anwesen in Küsnacht kaufen, die anderen mussten froh sein, wenn sie die Miete für eine schäbige Pension oder ein kleines Zimmer aufbringen konnten. Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis: So lauteten die Hürden, die viele nur befristet überspringen konnten, bevor sie weiterziehen mussten. Carl Zuckmayer in die USA, Robert Musil nach Genf, Franz Werfel über die Pyrenäen, dann weiter in die USA, Ödön von Horváth nach Paris, wo ihn ein herunterfallender Ast erschlug, Else Lasker-Schüler nach Jerusalem, wo sie bitterarm starb.

An der Pfauenbühne wirkten etliche Schauspieler, Regisseure und Dramaturgen, die aus Deutschland flüchten mussten; während der Kriegsjahre war es die Uraufführungsbühne von Bertolt Brecht. Emil Oprecht, dessen legendäre Buchhandlung an der Rämistrasse vor einigen Jahren geschlossen wurde, verlegte die Bücher der Emigranten und Thomas Manns Zeitschrift "Mass und Wert". Hilfe und Unterstützung hier, Gängelei und Denunziantentum dort: Zürich zeigte den Emigranten einen Januskopf. Zu den schändlichsten Phänomenen dieser Zeit gehören die Gutachten, die der Schweizerische Schriftstellerverband über ihre ungebetenen "Konkurrenten" anfertigte. Diese Gutachten gingen an die Fremdenpolizei und führten zu Arbeitsverboten oder dem Entzug des Aufenthaltsrechts. Georg Kaiser, einer der Gegängelten - einst in Deutschland ein erfolgreicher Dramatiker - widmete "seinem" Fremdenpolizisten ein sarkastisches Gedicht: "Ich bin ja nur ein Dichter, und er ist Polizist. / Er sitzt auf warmem Arsche, ich liege auf dem Mist. / Bald fressen mich die Fliegen auf / und ich bin Himmelsemigrant. / So nimmt die Ordnung ihren Lauf / im gottgeliebten Käseland."

Catalin Dorian Florescu hat keinen Grund zum Sarkasmus gegenüber der Stadt, die ihn aufgenommen hat, seiner "Lotterieheimat" - höchstens Ironie. Die resultiert, wie jede Ironie, aus einer doppelten Perspektive:Als Schweizer mit nichtschweizerischem Hintergrund, als gewesener Rumäne, als Schriftsteller in einer Sprache, in der er nicht aufgewachsen ist, sondern die er sich erwerben musste. Als einer von hier, der aber nicht von hier ist, erlaubt er sich Sätze wie "Es riecht unerträglich nach Geld, aber kaum nach einem großen Wurf" und träumt von der "Rache des Ziegelsteins an der unterkühlten Architektur". Dass Zürich reich ist, satt und zufrieden: Das fällt eben dem besonders auf, der am eigenen Leib erfahren hat, wie wenig selbstverständlich das ist.

Zürich war ein großartiger Nährboden für Literatur, auch für die von Nicht-Emigranten: von Zürchern wie Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer und Max Frisch, von Schweizern wie Robert Walser, Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt. Ihren eigentlichen Glanz hat sie aber von denen, die hierher kamen, freiwillig oder unfreiwillig, die hier bleiben durften oder bleiben mussten. Die heutigen Autoren wissen, dass sie fortfahren und wiederkommen dürfen. Sie tun das auch: Hugo Loetscher, Adolf Muschg,Thomas Hürlimann, Zürcher und Nicht-Zürcher zugleich, hier und in Berlin oder in Übersee. Ihr Aufenthalt in der Stadt hat etwas Spielerisches, Provisorisches, jedenfalls völlig Undramatisches. Catalin Florescu, der "Adoptivsohn Zürichs", fühlt sich "glücklich wie bei einer Geliebten auf Nummer sicher" - in Erwartung der "richtigen Geliebten". Aber auf die zu warten ist für einen Schriftsteller ja allemal die Kunst.

Schlagworte:
Autor:
Martin Ebel