Schweden Autotests in Arjeplog

Lieber Reisegefährte, lieber Offroader aus der M-Klasse, gemeinsam steckten wir im Tiefkühlfach Europas, kurvten wir durch die Wildnis des nördlichen Polarkreises, entdeckten wir die fernen Geheimnisse der Gemeinde von Arjeplog. Eines 13.000 Quadratkilometer großen Fleckens dieser Erde mit 8727 Seen und Gewässern, 20.000 Rentieren, 2500 Elchen, 25 Bären, 3400 menschlichen Bewohnern. Und jeden Winter reisen 1000 Tester aus 16 Ländern an, um hier im Auftrag von 50 verschiedenen Firmen der Automobilindustrie die neuesten Erfindungen der Branche auf ihre Kältetauglichkeit zu prüfen.

Zuerst möchte ich die Tüftler von DaimlerChrysler beruhigen, die einverstanden waren, dich dem Härtetest auszusetzen. Auch wenn die Außentemperaturanzeige Minusgrade weit unter Null anzeigte, schnurrtest du wie eine zufriedene Katze. Strecken von insgesamt 500 Kilometer Länge werden jedes Jahr auf den tiefgefrorenen Seen rings um Arjeplog angelegt, und als wir uns testhalber aufs Eis begaben, ging es problemlos weiter wie auf Schienen. Erst als wir das elektronische Stabilitätsprogramm ausschalteten, wagtest du mit uns ein kurzes, wildes Tänzchen. Einmal, als es leicht zu schneien begann, setzten die Regensensoren selbsttätig die Scheibenwischer in Bewegung. Das fand ich fast ein bisschen übertrieben.

Zwei Hauptstraßen gibt es in Arjeplog, die Häuser aus Holz gezimmert, rot gestrichen, blau oder grün, in der einen befindet sich die Sparkasse, der Handwerkerladen, das Kino und die Konditorei, in der andern die Pizzeria, der Zeitungskiosk und das Pub. Bevor wir dich, ein Achtzylinder mit beheizbaren Sitzen und Außenspiegeln, vor der Konditorei stehen lassen durften, mussten wir, damit kein unbefugter Blick darauf falle, dein edelbeholztes Inneres (Wurzelnuss) mit einer dunklen Matte verdecken. Denn noch gab es dich in keinem Verkaufskatalog zu sehen. Du warst ein Versprechen für die Zukunft. Manchmal begegneten wir den Bräuten der Konkurrenz, wenn sie wie böse Wespen zum Eis hinunterbrausten. Man würdigte sich keines Blickes.

Auch die Einheimischen vermieden es sorgfältig, dich anders als mit betonter Gleichgültigkeit zu betrachten. Entdeckten sie aber einen Fremden, womöglich in einem Mietwagen, womöglich mit einem Fotoapparat ausgerüstet, dann riefen sie schleunigst den Redakteur der "Arjeplog Times" an. Worauf dann in der nächsten Ausgabe Warnungen wie diese zu lesen waren: Ein Mann und eine Frau in einem dunkelgrünen Jeep mit dänischen Nummernschildern wurden in der Nähe der Werkstätten gesehen. Brian Chittok ist wieder in der Stadt, der bekannte Autospion aus Deutschland. Er fährt einen blauen Volvo V 40, Nummernschild SAX 180. Haltet die Augen offen!

Es gibt in Arjeplog zwei Hotels, zwei große Einkaufsläden, es gibt einen Skilift, die größte Bleimine Europas, das Silbermuseum, und es gibt diese paranoide Furcht vor einer vorzeitigen Entschleierung der schwarz getarnten Zukunft. Arjeplog ist dank seines stabilen subarktischen Klimas und der dünnen Besiedlung zur größten Winter-Teststrecke der Welt geworden, und jedes Jahr reist ein Dutzend Fotografen an, um einen Blick durchs Schlüsselloch der Automobilindustrie zu werfen.

Tester schwärzen ihre Autos, versehen mit bizarren Aufbauten

Die Tester schwärzen ihre Autos, versehen sie mit bizarren Aufbauten, und manchmal benutzen die Leute aus München (BMW) für ihre Gefährte Autokennzeichen aus Sindelfingen (Mercedes), um die Spione zu täuschen. Wolfsburg (Volkswagen) hat gar ein großes Gelände gekauft mit eigenem Test-See und Hotel, der lange Zaun wird Tag und Nacht von 16 Wächtern mit Motorschlitten abgefahren, um Neugierige zu vertreiben. Auch die Turiner (Fiat) haben im Wald bei Arjeplog, an der Straße nach Arvidsjaur, ein winterliches Domizil für ihr Test-Personal gebaut. In diesem kalten Krieg gegen die Paparazzi haben sich die Einheimischen auf die Seite der Automobilfirmen geschlagen. So versicherte es uns im Rathaus der Bürgermeister von Arjeplog, ein Sozialist.

Ende des Jahres 2001 wird die Bleimine schließen. 200 Arbeiter werden ihre Stelle verlieren. Das Überleben der Gemeinde hängt immer mehr vom Test-Gewerbe ab. 160 Einheimische ziehen jeden Winter zu ihren Müttern oder in den Wohnwagen, um ihr Haus an die Fremden zu vermieten, 300 Kronen pro Nacht und Person.

Von der Test-Industrie profitieren das Gastgewerbe und die Baufirmen, insbesondere aber die Tankstellen, saufen die schwarzen Bräute doch, um bei Laune und Drehzahl gehalten zu werden, mindestens 4,5 Millionen Liter Benzin jeden Winter. Und obwohl das Verhältnis zwischen auswärtigen Männern und einheimischen Frauen bei jedem Tanzanlass, Freitagabend, Hotel Kraja, extrem schlecht ist, nämlich etwa 50 zu eins - 200 Männer, vier Frauen - verlässt doch nach jeder Saison mindestens eine Schöne das Dorf, um einem Autoprinzen zu folgen und die Beständigkeit der Liebe in milderem Klima zu überprüfen. Und weil die winterlichen Karawanen der Test-Autos nutzbringend und ohne größere Probleme seien, sagte also der Bürgermeister, hätten es sich die Bürger von Arjeplog zur Angewohnheit werden lassen, ihre Gäste im Kampf gegen neugierige Spione zu unterstützen.

Im Wissen um diese rührende Fürsorge ließen wir dich, unseren schwarz Verschleierten, unbesorgt vor der Imbissbar stehen, die mit einem handgeschriebenen Schild unsere Neugierde weckte: Blodpalt, jeden Mittwoch. Unser Begleiter, der nette Herr aus Stockholm, rümpfte die Nase. Blutbrot, sagte er. Das ist was für Samen: Frisches Rentierblut wird mit etwas Wasser verdünnt, dann kommen Salz und Mehl hinzu, aus der Masse werden Kugeln geformt und in kochendem Wasser gegart. Bjorg Karlman, stämmige Besitzerin der Imbissbude, reichte uns das Blutbrot. Und erzählte. Vor nicht allzu langer Zeit gab es in Arjeplog noch tausend Bauern, sie besaßen Schafe, einige Milchkühe. Jetzt gibt es noch fünf Landwirte.

Bjorg und ihr Mann verkauften ihren Hof. Zuerst führten sie eine Schlachterei, seit Herbst 2000 bereichern sie das kulinarische Angebot in Arjeplog, jeden Mittwoch mit Blutbrot und gehacktem Rentierfleisch - an diesem Tag jedoch bleiben die Tester meistens fern. In der Küche stand Doris, die auch das Rentierfleisch mitgebracht hatte. Sie und ihr Mann gehören zu den 60 Familien der Gemeinde, die sich als Samen bezeichnen und noch ihre Rentiere hüten. Während die Männer sich um die Herden kümmern, arbeiten die Frauen häufig in der Stadt, um das Einkommen aufzubessern. In Arjeplog, so erzählte Doris, haben die Samen-Frauen einen Kindergarten eingerichtet, um das alte Wissendes Nomadenvolkes an die Jugend weiterzugeben.

Dann fuhren wir, allradgetrieben, hinaus in die starre Winterlandschaft, weg vom kleinen Arjeplog, weg vom Gesumme der bösen Wespen, die im gefrorenen Grau unaufhörlich ihre Kreise drehten. Unser Begleiter, der nette Mann aus Stockholm, wies den Weg. Er hatte jahrelang Autos verkauft in Schwedens Norden, erzählte er uns. Jetzt war er pensioniert, stellte aber immer noch gern sein Wissen unkundigen Fremden zur Verfügung. Plötzlich drehte er von der Straße weg, setzte aufs Eis, schmunzelte, als er unsere Proteste hörte: David Sundström selbst hat diesen Weg gelegt. Da bricht nichts ein. Mindestens drei Zentimeter Eis, um einen Menschen zu tragen. Zehn für einen Personenwagen. 40 für die schnaubenden Ungetüme, die den Schnee von den Pisten der Auto- Tester blasen.

Die Samen und the Lappish disease

David Sundström besaß einst ein kleines Wasserflugzeug, mit dem er Fischer und Jäger in ihre arktischen Gründe transportierte. Im Winter musste er oft auf zugefrorenen Seen landen, lernte, dass unter dem Schnee das Eis bedrohlich dünn blieb. So begann er, die Pisten von der isolierenden Last zu befreien, um sie tragfest zu machen. Als dann, auf der Suche nach sicherem Eis und stabiler Kälte, die Auto-Tester nach Arjeplog kamen, Anfang der siebziger Jahre, machte sich Sundström dieses kleine Geheimnis zu Nutze. Mietete eine Schneeräumungsmaschine und offerierte den ratlosen Besuchern aus gemäßigten Klimazonen sichere Eispisten, spiegelblank oder mit Kies versetzt, und Kurse und Rennstrecken.

Heute beschäftigt seine Firma, Ice-Makers genannt, jeden Winter 30 Personen, und David Sundström gehört die halbe Stadt. Jetzt leiten die Söhne das Geschäft, und David Sundström schlägt nur noch einen einzigen Pfad in die eisige Wüste. Der führt auf diesen einsamen See. Morgens bringen die Frauen ihre Männer zum Angeln hinaus, abends holen sie sie wieder ab. Und die Männer bauen sich einen kleinen Windschutz, bohren ein Loch ins Eis, stecken ihre Köder rein und warten, ob ein Saibling zuschnappt, eine Plötze oder eine Forelle. Ein scharfer Wind blies uns entgegen, als wir dich, unser schützendes Gefährt, verließen. Fahnen aus Eis und Schnee wirbelten auf, die Lungen ächzten in der kalten Luft, und die Wangen begannen zu brennen.

David Sundström, hoch gewachsen, blaue Augen, unmöglich, ihn auf 80 zu schätzen, bewachte ungerührt seine Fischereigeräte. Und wir sprachen mit ihm, während wir die Füße bewegten wie Marathonläufer vor dem Start, fragten ihn, wie man es aushalte in dieser rauen Gegend mit ihren kurzen Sommern und langen, dunklen Wintern. Wer diese Natur und die Einsamkeit nicht liebt, antwortete Sundström, der ist verloren hier oben, der bekommt den Koller: the Lappish disease, wie die Tester sagen, wenn einer von ihnen heimwehkrank ins nächste Flugzeug flüchtet. Und was passiert, wenn das Thermometer, wie 1989, auf die Rekordtemperatur von minus 52 Grad fällt? Es gibt kein schlechtes Wetter, sagte der Alte, es gibt nur schlechte Kleidung. Und wisst ihr, was am besten ist? Nicht waschen! Mehrere verschiedene Kleiderschichten und ein bisschen Schmutz schützen die Haut nachhaltig vor Frostbeulen.

Unser Begleiter, der nette Mann aus Stockholm, räusperte sich. Dann fuhren wir zurück. Jeden Nachmittag, punkt 17 Uhr, mussten wir dich deinen Erfindern zurückbringen. In der Werkstatt wurdest du geschrubbt und gestriegelt, bekamst sorgsame Pflege und anregende Einläufe, und ich wäre keinesfalls überrascht gewesen, hätte man dir zur Lockerung des Gestänges eine kleine Massage verpasst. Wir aber gingen ins Silbermuseum, wo die Geschichte von Arjeplog dokumentiert ist, von den ersten Beweisen menschlicher Siedlung, 7000 Jahre zurück, bis in die Neuzeit. Eigenartig nur, dass in der Tonbildschau kein einziges Mal die Samen, die Ureinwohner, erwähnt werden.

Wir, betonte der Sprecher auf Schwedisch und Englisch, waren früher Fischer und Jäger. Dabei wurde die nordische Wildnis von den Schweden erst kolonialisiert, als ihre Könige im 17. Jahrhundert den Dreißigjährigen Krieg finanzieren mussten und am Polarkreis die Silberminen entdeckten. Die Entwicklung der Landwirtschaft und die Entstehung von Staatsgrenzen schränkten den Lebensraum der Samen weiter ein, der Schulzwang in einer fremden Sprache, finnisch, norwegisch oder schwedisch, schwächte die kulturelle Identität.

Für mich, sagte unser Begleiter aus Stockholm, gibt es keinen Unterschied mehr. Wir sind alle Schweden. Nur einige singen noch diese alten, fürchterlichen Lieder. In der Nacht schneite es. Am anderen Tag trugen die Seen, die nicht für Tester poliert waren, in der Sonne funkelnde Kronen. Wir fuhren mit dir, 347 Rösser stark, durch verzuckerte Wälder, verzaubertes Land. Zwei Elche am Straßenrand blieben ruhig angesichts unserer zügigen Fahrt. Keine Notwendigkeit, ein dynamisches Ausweichmanöver zu riskieren.

Warten auf die Rentiere

Dann warteten wir, zusammen mit schweigsamen Männern und Frauen, auf die Rentiere, die seit einer Woche von jungen Samen in den Wäldern zusammengesucht worden waren. Und schon kamen sie angebraust, in den Koral geführt von Männern auf starken, wendigen Motorschlitten. Und dann begann die Arbeit, ohne viel Worte, obwohl es den Samen an Sprache wahrlich nicht fehlt: mehr als 100 Bezeichnungen allein für die Beschaffenheit des Schnees. Den neugeborenen Kälbern wurden die uralten Zeichen der Besitzerfamilie ins Ohr geschnitten, Lassos ausgeworfen, um Tiere einzufangen und auf Lastwagen zu verladen, die sie an die Futterplätze der milderen Meeresküste bringen sollten, einige Rentiere wurden an Ort und Stelle geschlachtet.

Du, elektronisch stabilisierter Geländegänger, sahst etwas fremd aus inmitten dieses Geschehens. Ich zählte einer Samen-Frau all deine positiven Eigenschaften auf, berichtete ihr, dass du den Regen riechen kannst. Sie rümpfte die Nase: Kann wohl nur bedeuten, dass die Menschen immer dümmer werden. Am nächsten Tag waren wir bei Doris, der Köchin des Blutbrotes, und ihrem Mann Per Olaf eingeladen. Wie viele Rentiere er besaß, wollte er nicht sagen. Um zu überleben, berichtete er aber, brauche ein Same mindestens 600 Tiere. Seine befanden sich bereits an der Küste.

Per Olaf schnitt getrocknetes Rentierfleisch auf, verteilte die Scheiben. Und erzählte: von der Zeit, als sie noch in Zelten lebten; er in seiner Kindheit oft tagelang nicht sehen konnte, weil der Rauch des wärmenden Feuers nicht abzog; dass die Bewohner der Dörfer sie verjagten, wenn sie sich ein festes Haus bauen wollten. Ich bin Same, sagte er, kein Schwede. Unser Begleiter, der nette Mann aus Stockholm, sagte nichts. Erst als wir heimfuhren, bemerkte er staunend: Man lernt doch nie aus im Leben. Das wollte ich dir doch noch berichten, lieber schwarz verschleierter Offroader der M-Klasse. Im Übrigen hoffe ich auf dein prächtiges Gedeihen.

Autor:
Ruedi Leuthold