Sächsische Schweiz Wandern im Elbsandsteingebirge

Wenn am Morgen das erste Licht des Tages die Wolken aus den Tälern wuchtet, dann sähe man aus der Höhe eines Wanderfalken am westlichen Horizont den Goldenen Reiter August in Dresden erglühn und im Osten sein Vorbild, die Sonne. Dann zeigten sich seltene Vögel und die Plätze zwischen Weißtanne und Fels, die noch nie eines Menschen Fuß, sondern höchstens sein Auge aufgesucht hat. Dann sähen wir die prachtvollen Reste einer zerschlissenen, zerrissenen Ebene, die aus einer Zeit stammt, als es Wanderfalken noch gar nicht gab.

Für den wandernden Menschen jedoch beginnt hier in Rathen der Tag gleich mit dem Höhepunkt der Sächsischen Schweiz. Zur Bastei sind es nur wenige hundert Meter, die man sich mit wenigen hundert Mitwanderern teilt. Vorbei an wuchtigen Felsnadeln, deren Schichtung so regelmäßig und geheimnisvoll ist wie ein Dönerspieß, an den Resten einer mittelalterlichen Felsenburg, an diversen Gedenktafeln und an Graffiti aus dem 18. Jahrhundert. Und über die Basteibrücke, die aus Felsen Pfeiler macht, hinauf auf die Aussicht 200 Meter über der Elbe.

Der einst wichtige Handelsweg wird nur noch von wenigen Lastkähnen benutzt, die Schüttgut nach Norden bringen, die wichtigeren Güter nehmen die Bahn. Auf dem Wasser tummelt sich daher alles, was mag: Oma und Opa lassen sich im voll bepackten Kanu treiben, verwegen gebaute Bastarde aus Schlauchboot und Carport machen Party, ein knallrotes Gummiboot spielt mit seinen Gästen Achterbahn. Entgegen kommen ein zehn Meter langes Vehikel Marke Eigenbau und das Motorboot des lokalen Playboys, das gut und gern seine 100 km/h fahren kann, es aber aus Rücksicht auf die Kinder im zerbrechlich wirkenden Faltboot nicht tut.

Alles ist in Bewegung, nicht nur auf dem Wasser; Fähren sind überfüllt, die Radwege drangvoll. Man könnte meinen, der Nationalpark sei überlaufen, aber das täuscht. Dies ist die Elbe, das Reich der Freizeit, erst hinter ihr beginnt das Land des Wanderns. Schon nach wenigen Metern haben sich die Menschenmassen von der Elbfähre auf die vielen ausgezeichneten Wege verteilt, schon nach wenigen hundert Metern kann der Wanderer allein sein. Die kleinen Städte ziehen sich am Ufer entlang und stoßen vorsichtig in die Felsen vor, die Häuser winden sich ins enger werdende Tal, werden immer kleiner und geben schließlich auf.

Was dann folgt, ist oft pure Urlandschaft. Schmalste Einschnitte zwischen Klippen, denen kein Mensch folgen kann, heute nicht und nicht vor tausend Jahren. Nur wenige Schluchten sind so breit, dass ein Weg neben das Wasser passt, wie bei der Polenz, deren Lauf man bis zur Quelle folgen kann. Sie gluckst und flüstert mit ihrer Mädchenstimme, die Wasseramsel stakst in ihren Schnellen, und der Eisvogel schießt flirrend durch die Wellen und glitzert wie Götterspeise. Um sie herum wächst Urwald, und es blüht in tausend Farben, bewacht von bizarren Felsen.

Unten die schroffe Schlucht, oben das sanfte Tal

Unterhalb von Hohnstein führt der Weg links in die Wolfsschlucht, die den Hockstein vom Rest der Welt trennt und die, gerade mal schulterbreit und mit Treppen ausgebaut, seine Hochfläche erschließt. Von hier sieht der Wanderer, dass er auf einer Landschaftsgrenze steht: nach unten die schroffe Schlucht, nach oben das sanfte Tal. Und der Geologe sagt: Oben war Urweltland und unten das Urweltmeer. Von oben trugen die Flüsse Sand ins Wasser, und der rieselte hinab, mit unendlicher Ausdauer. Der Sand lagerte sich am Boden ab und, getrieben von der Unruhe, die der Sturm überm Wasser bis in die Tiefe getragen hatte, mahlte er träge hin und her.

Die Kieselalge, deren Leben im Aufbau einer mikroskopisch kleinen Schale bestanden hatte, fand hier Erfüllung, der Saurier bettete seine Krallen und Knochen in den Sand. Und der zerrieb alles zu nassem Staub, nur hier und da findet man heute noch eine Muschelschale zwischen Rathen und Bad Schandau. So lagerte sich Schicht um Schicht, langsam und stetig, ein paar Zentimeter nur in tausend Jahren, aber nach zehn Millionen Jahren war daraus eine 700 Meter dicke, zu Stein verdichtete Schicht geworden. Und dann hob sich das Land noch ein wenig, das Wasser floss ab, und eine langweilige Sandsteinebene lag zwischen langweiligen Basalthügeln, auf denen noch immer gelangweilte Saurier umhertrampelten.

Eine Welt, in der sich Fuchs und Hase nicht Gute Nacht sagen konnten, weil sie noch nicht erfunden waren. Ernst und Respekt verlangend erscheinen heute die Steine des Elbsandsteins. Nicht so wild wie die Alpen oder der Himalaja, denn diese Berge sind jung, als sie entstanden, lag der Sandstein der Sächsischen Schweiz schon seit 70 Millionen Jahren da, wo er heute liegt, hatte schon die Urelbe ihr Bett gegraben, trugen Regen und Wind Korn für Korn davon.

Und nach weiteren 30 Millionen Jahren kamen die ersten Touristen die Elbe hoch und bewunderten das Ergebnis der Erosion: Der größte Teil des Sandsteins ist ausgewaschen, die Reste stehen senkrecht als Tafelberge oder gefährlich dünne Felsnadeln. Noch immer geht dieser Prozess weiter, laufen Rinnsale und Bäche zur Elbe hinab und nehmen ihr Päckchen Sand mit. Es rieselt über Moos und Flechten und meist auch durch den Sand des Steins hindurch, das dauert nur etwas länger. Am schnellsten geht's am Wasserfall wie dem Lichtenhainer, der pittoresk neben dem Gasthaus plätschert, aber alle halbe Stunde ertönt Musik, und dann schwillt der Bach und fällt zehn Sekunden lang vors Publikum, das sich schnell wieder zu seinen Kuchentellern verkrümelt.

Ganz anders ist das am Fall der Amsel, da rauscht es, wenn der Gast es will, aber das kostet jedesmal 30 Cent. Der Bach aber fließt in den Amselsee und von dort nach Rathen hinunter und gibt seine Ladung Sand an die Elbe ab, an deren Ufer Menschen in die Abendsonne blinzeln. Sie blicken dem letzten der eleganten Raddampfer nach und schließlich im späten Licht des Tages dem Motorboot des Gastes, der gelernt hat zu wandern und der sich nun hinabtreiben lässt nach Dresden, dem Glühen des Goldenen Reiters entgegen.