Sachsen Zwei Japaner in Meißen

Es ist dieses eine Bild, das sich einbrennt und Meißen neben Neuschwanstein oder dem Loreleyfelsen archiviert. Die Treppen, 200 im Jahr 1662 steil in felsigen Waldboden gehauene "Katzenstufen", führen hinauf in den rechtselbischen Ortsteil Proschwitz. Am Ende der Stiegen säumen wilde Rosen einen Weg durch Weinreben. Unten windet sich ruhig die Elbe. Gegenüber ruht die Albrechtsburg erhaben auf einem steilen Plateaufelsen. In dieser Perspektive besteht Meißen nur aus der vom Abendlicht weich gezeichneten Burg und den dunklen Spitzen des Doms.

9000 Kilometer von Meißen entfernt saßen Lai Chi Yau und seine Frau To Man Yee in ihrer Hochhauswohnung in Hongkong und blätterten in einem Reiseführer über Deutschland. Sie fanden das Bild von der Albrechtsburg. Und waren verzaubert. Unbedingt mussten sie diese Burg sehen. Also fügten sie ihrem Reiseprogramm den Metropolen Budapest und Prag zwei deutsche Städte hinzu, Dresden und Meißen.

Jetzt, einige Monate später, stehen sie mit ihrem Reiseführer auf dem Markt in Meißen und machen sich an den Aufstieg zur Albrechtsburg. Lai Chi Yau liest seiner Frau vor, dass ein König Heinrich I. im Jahr 929 auf dem Burgberg eine erste Wehranlage bauen ließ, die im 15. Jahrhundert zur Burg ausgebaut wurde. Die beiden Chinesen vertiefen sich in die 1000-jährige Vergangenheit Meißens, das als Bollwerk gegen die Slawen gegründet wurde. "So viel Geschichte", sagt Lai Chi Yau. Meißen kann sich rühmen, Wurzel des späteren Königreichs Sachsen zu sein, nicht Dresden oder Leipzig.

Vor vielen Renaissanceportalen der Bürgerhäuser bleiben die Besucher aus Fernost stehen, bewundern die steinernen Muschelreliefs und Sitznischen, zücken immer wieder die Kamera. Staunend versuchen sie ein in Stein gemeißeltes Rätsel zu entschlüsseln: Simsons Kampf mit dem Löwen. Relikte bürgerlicher Glanzzeiten. Je näher sie in der Burgstraße der Albrechtsburg kommen, desto kleiner werden die Häuser, die sich unter spitzen Dächern an den Burgberg klammern. In die einstigen Werkstätten der Handwerker sind Porzellan- und Antiquitätenhändler gezogen. Neben Lai Chi Yau und To Man Yee ziehen japanische und italienische Reisegruppen die Burgstraße hinauf. Sie entdecken kleine Brunnen in den schiefen Handwerkerhäusern und weinbepflanzte Mauern in lauschigen Innenhöfen.

Es brauchte einige Wunder, damit Meißen seinen historischen Stadtkern heute in Pastelltönen und Terrakotta ausstellen kann. Glücklicherweise wurde die Stadt im Zweiten Weltkrieg von den Bomben verschont. Und der Burgberg mit seinen engen Gassen eignete sich später nicht, um architektonische Ideologie in Platten zu pressen. Dennoch wäre Meißen an der DDR beinahe zugrunde gegangen. Ende der achtziger Jahre klebten Mitarbeiter des Bauamtes nachts heimlich Plakate mit den Silhouetten verfallener Gebäude an die beigegrauen Mauern Meißens. "Besuchen Sie Meißen, solange es noch steht", schrieben sie darüber. Meißen war eine baufällige Ruine. Noch einige Jahre DDR, und die Monumente aus Spätgotik und Renaissance wären zu Schutt zerfallen.

Nach der Wende musste das alte Meißen auf ein neues Fundament gestellt werden. Die Stadt glich über Jahre einer offenen Wunde, mit aufgerissenen Straßen und eingerüsteten Häusern. Nichts erinnert daran. Die Altstadt ist restauriert, stimmt ein auf den Besuch bei den Stars der Stadt. Auf den prächtigen gotischen Dom aus dem 13. Jahrhundert mit den gewaltigen Sandsteinsäulen, der nach der Reformation vor allem als Grabstätte für die Wettiner dient. Auf die mit Gemälden aus der sächsischen Geschichte geschmückte Albrechtsburg, die es nie zum Herrschaftssitz brachte.

Nicht politische Macht inspirierte Meißen, sondern die Chemie. Meißen zehrt mehr denn je von seinem Lebenselixier. Das ist weiß und hat 200.000 Formen. Der Alchimist Johann Friedrich Böttger und der Gelehrte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus beglückten nicht nur August den Starken im Jahr 1708 mit der Erfindung des ersten europäischen Porzellans, sondern schenkten Meißen auch seine Identität. Seit 1863 entstehen die Teller und Figuren nicht mehr in der Albrechtsburg, wo die erste Manufaktur das Geheimnis der weißen Rezeptur hüten sollte, sondern in der neuen Werkstatt im Triebischtal.

35 Minuten dauert der Spaziergang durch die Porzellanherstellung. Die Besucher sehen in der Schauwerkstatt, wie der Dreher die Scheibe mit dem Fuß antreibt. Porzellan entsteht noch immer durch eine Symbiose aus Handwerk und Kunstfertigkeit. Sie beobachten, wie der Dreher einen grauen Tassenkörper formt. Lernen, dass Kaolin, Quarz und Feldspat die Glücksstoffe sind, aus denen nach Glühbrand bei 950 Grad und Glattbrand bei 1400 Grad Porzellan wird. Sie sehen den Malerinnen zu, wie sie mit dünnen Pinseln auf und unter der Glasur die berühmten Verzierungen wie das Zwiebelmuster auftragen.

To Man Yee und Lai Chi Yau machen Halt bei Sonja Mückel, die seit 25 Jahren in der Manufaktur arbeitet. Die schon als Vierzehnjährige im Zeichenzirkel der Manufaktur malte. Frau Mückel ist Bossiererin. Sie setzt aus bis zu hundert Einzelteilen millimetergenau Figuren zusammen. Sie liebt klare Figuren ohne viel Staffage. Und sie hasst Fell und Gefieder, die eine Nervenprobe sind und sich sträuben, wenn private Sorgen bis in die Hand fahren. Sonntags isst Frau Mückel mit ihrer Familie Kuchen von Meißener Porzellan und trinkt aus Tassen, die durch die gekreuzten Schwerter geadelt sind. So wie sie es von der Oma kennt, wo sie schon als Kind vom Meißener Geschirr aß.

"Wir ehren das Porzellan in unserer Familie", sagt Sonja Mückel. Mehrere Jahre hat sie lernen müssen, bis ihre Figuren reif waren für den Verkauf. Porzellanmachen in Meißen ist nicht einfach nur ein Job. Am Porzellan hängen Jahre, ganze Leben. Als die Manufaktur noch ein volkseigener Betrieb war, gab sie 1700 Menschen Arbeit. Jetzt sind es noch 900. Damit ist die Manufaktur immer noch der größte Arbeitgeber in Meißen, mit einem Jahresumsatz von über 35 Millionen Euro. Das Porzellan ist Meißens Magnet. 330.000 Besucher besuchten 2004 die Schauwerkstatt, allein aus Japan kamen mehr als 20.000.

Franziska Schlieter hat in den vergangenen Jahren die Häutungen Meißens beobachtet, die Wandlung von der grauen Maus zum bunten Model. Die kleine Frau steht vor schweren braunen Holzregalen mit altmodischen Schubfächern. Sie führt in der fünften Generation den Familienbetrieb Feinkost Ernst Schumann am Markt. Nach der Wende sah sie, wie um sie herum die Geschäfte eröffnet und wieder geschlossen wurden. Weigerte sich selbst lange, aus dem kleinen Lebensmittelladen ein Feinkostgeschäft zu machen. Doch es kamen immer mehr Kunden in ihren altmodischen Laden. Und die alten Meißner, die am liebsten "nebenan" einkaufen, blieben nicht weg. In diesem Jahr kommen Leute auch in den sonst eher flauen Sommermonaten und fragen auf Russisch, Italienisch oder Englisch nach etwas Besonderem aus Meißen. "Ich hab immer mit dem Wein geliebäugelt", sagt Frau Schlieter. Bei ihrem Vater war der begehrte Meißner Wein Bückware und in Tauschgeschäften einige Pakete Fliesen wert. Heute ist der Müller-Thurgau aus den Winzereien der Region Frau Schlieters Verkaufshit. "Viele wollen einfach die Burg und die Elbe auf dem Etikett mit nach Hause nehmen." Sie freut sich, wenn Kenner kommen. Die einen Goldriesling kaufen, weil sie wissen, dass es ein edler leichter Sommerwein ist.

Feinkost Ernst Schumann ist ein bisschen wie Meißen. Ein Ort, der auf charmante Art die Tradition pflegt. Die Elbstraße 1, in der Frau Schlieter wie früher ihr Vater, Großvater und Urgroßvater hinterm Verkaufstresen steht, ist ein Ort der Beständigkeit, der mit der guten alten Zeit kokettiert, anstatt Moden hinterherzuhecheln. "Es ist schwer, diesem Flair zu entfliehen", sagt Franziska Schlieter, "ich bin mit dem Geruch des Ladens groß geworden." Vor dem Schaufenster gehen To Man Yee und Lai Chi Yau vorbei. "So viel Geschichte" sagt To Man Yee zu seiner Frau. "Und so schönes Porzellan", antwortet sie.

Schlagworte:
Autor:
Michael Kraske