Rügen Weltkulturerbe Stralsund

Wo die Stadt endet und das Reich des Herings beginnt, wo die Luft feuchtbrackig die Schleimhäute netzt und die Kaikräne ins Ohr klingeln, wo der Blick weit und die Augen der Frühaufsteher noch klein sind, da steht ein dicker Mann im Rauch, schon morgens um 7.30 Uhr. Das Boot unter seinen Gummistiefeln schwankt, der Rauch macht ihm die Augen blank, dringt in seine blonden Haare und in den Stoff des blauen Overalls. Er wird ihn niemals los, diesen Stralsunder Duft aus Erle, Buche und Holunder, aus Aal, Hecht und Heilbutt. Langsam bräunen die Fische in seinem Räucherofen, auf seinem mit blauer Persenning überspannten Boot, dort im Stadthafen von Stralsund, neben den Kanälen und den roten Backsteinspeichern, am Strelasund, der die Stadt wie ein braungrün schäumender Pinselstrich von der Insel Rügen trennt.

An jedem Morgen ein kleines Schauspiel, in der immergleichen Besetzung: Paul Hübner, der Fisch, die Stadt, der Sund. Auf der Kaimauer vor der schwankenden Bühne ziehen so früh am Morgen statt der Touristen Stralsunder Rentner vorbei, gucken und kaufen: Barsch für zwei Euro das Kilo, Hecht kostet fünf Euro. "Hering ist noch nicht soweit", ruft Paul Hübner, Fischer im Strelasund seit 1964. Im Frühjahr erst ziehen die Heringe durch den Sund hin zum Greifswalder Bodden, zum Laichen. Dann stehen die Angler Schulter an Schulter auf der Nordmole und auf dem Rügendamm, dann hocken sie in hunderten Booten im Sund, hauen die Ruten ins Wasser - da braucht es nicht mal einen Köder. Paul Hübner hackt krachend Holz auf der Kaimauer, hängt Fisch in den Rauch. "Der Winter ist eine gute Zeit", sagt er. Nicht nur, weil ihm dann die Hobbyangler nicht den Weg versperren. "Im Winter, da kommen die Stralsunder zu mir", meint Hübner. "je kälter es ist, desto mehr Hunger haben sie." Und auch winters, wenn die Luft mitunter besonders klar ist, schenkt ihm seine Stadt die Bilder, die er liebt. "Wenn ich nach Norden rausfahre, steht die Sonne genau über der Kirchturmspitze, davor die Netze und das Boot, und später brennen die Speicher in der Abendsonne, die Fenster glühen. Das kriegt ja sonst keiner mit."

Stralsunds schönste Seite zeigt sich vom Wasser aus, sagen die Stralsunder. Ja, meint dazu auch Karl-Heinz Halweg, der Kapitän der MS "Altefähr", in der zögerlichen, ungeschwätzigen Art der Pommern. Seit acht Jahren treibt er seine weißstählerne Fähre tagtäglich hin und her zwischen Stralsund und Rügen. Er kann sich noch immer nicht satt sehen an diesem Panorama aus weltlicher und geistlicher Macht, aus Segelbooten, Kanälen und Hafenkneipen, und den Frachtern, die Holz, Getreide oder Stahl nach Stralsund bringen. Und dann schubbert er seine "Altefähr" hauchzart zurück an den Kai. "Die Kirchen und all das", sagt er zum Abschied, "das haben wir nur der Seefahrt zu verdanken, das darf man nicht vergessen."

All das zeigt sich nur allmählich den Augen des Besuchers, wenn er wackligen Fußes vom Hafen in die Stadt emporsteigt, über kippliges Pflaster, dessen Kopfsteine in der Sonne glänzen wie goldene Pailletten. Gerade noch überzog Regen die Häuser und Straßen mit Lack, und nun schimmert eine fast vergessene Welt. Die Welt der Hanse, dieses mächtigen, mittelalterlichen Städtebundes. Wer Stralsund betritt, meint zuweilen, da hätte einer die Zeit angehalten und eine rote Perle ans Meer gelegt, eingefasst von grün und blau schimmerndem Wasser.

Wie unberührt ziehen sich krumme Straßen durch die Altstadt, gesäumt von Backsteinhäusern, die ihre verzierten Giebel in den Himmel stoßen. Das ist nicht niedlich-altertümlich, das ist Stein gewordener Stolz, bis zu fünf Stockwerke hoch. Wo die Leute heute Kaffee trinken, Teller töpfern, Hosen verkaufen, packten früher Stralsunder Heringshändler und Bierbrauer ihre Geldbeutel auf dicke Holztische und verstauten die Waren in den Speichergeschossen über ihren Köpfen. So mächtig waren sie, dass die Lübecker Konkurrenz - 1249, bevor sie hanseatische Manieren hatten - die Stadt niederbrannte. Die Stralsunder bauten ihre Stadt wieder auf, aus Backstein diesmal, und zur Abwehr stauten sie das viele Wasser rund um die Stadt und begaben sich in sichere Isolation. Die Hanse ist längst Geschichte, doch die Backsteine widerstehen den Herbstnebeln und dem feuchtsalzigen Wind. Die Steine ziehen Besucher an, und doch locken sie die Fremden mitunter auf falsche Fährten. "Die Leute gehen ins Meeresmuseum, haken anschließend das Rathaus ab, und dann geht's ab nach Rügen", stöhnt Harry Hardenberg. "Aber wer die Stadt erfahren will, muss wandern."

Der Fotograf Harry Hardenberg, geboren 1935 unten am Hafen, wandert seit 50 Jahren durch seine Stadt - ein kleiner Mann in Windjacke auf rutschigem Stein. "Zuerst wird man von den mächtigen Kirchen erschlagen", sagt er, "aber Stralsund ist keine vordergründige Stadt." Ein kurzer Blick etwa in die Frankenstraße verheißt nichts Besonderes - nur wer sie durchstreift, entdeckt den roten Schimmer der Stadt, riecht Jahrhunderte altes Holz aus offenen Kaufmannshäusern, spürt an den eigenen Füßen, wie die Altvorderen schmerzvoll übers Buckelpflaster wackeln mussten. "Man darf sich nicht ins Bockshorn jagen lassen", sagt Hardenberg und lacht, "bei uns sind nicht alle Straßen komplett picobello, aber es gibt viele Ecken, die man gesehen haben muss."

Hardenberg wandert die Sundpromenade entlang, schaut den Schwänen zu, lauscht den Wellen. Knallgelbe Blätter fallen von Lindenbäumen auf seinen Kopf. Er biegt ein ins Heilgeistkloster, da ganz hinten in einer Ecke am Hafen. Hinter roten Mauern pressen sich rosa Fachwerkhäuschen aneinander, umrankt von wilden Rosen. Kinder spielen Basketball, die Alten plauschen auf einer Bank. Hier modert nicht alter Stein, er birgt neues Leben. Hardenberg steht mittendrin, seine Augen leuchten. Er braucht nichts mehr zu sagen.

Die Stralsunder haben ihrer Altstadt neues Leben eingehaucht, diesem Steinhaufen, den die DDR als Kadaver hinterließ, scheinbar verendet an den Wunden, die die Zeit schlug. Abriss durch Verwahrlosung. 40 Jahre lang sprengten Regen und Sturm die zugigen Häuser und peinigte ihre Bewohner, die in die Plattenbauten am Stadtrand flohen. Lebten vor dem Krieg 18.000 Menschen in der Altstadt, waren es zu DDR-Zeiten um die 8000. Zwischendrin ein paar Idealisten, die wussten, welchen Schatz sie bewohnten. Haus für Haus haben sie ihn aus den Trümmern wieder aufgebaut.

Eine Quelle der Phantasie

Rund 18.000 Einwohner verlor Stralsund nach der Wende, allein 5000 verließen die Altstadt. Inzwischen leben dort wieder 4500 Menschen, und Kinder spielen Verstecken in der Geschichte: Stralsund ist - in Gemeinsamkeit mit Wismar - seit 2002 Unesco-Weltkulturerbe.

Die Altstadt ist belebt. Nicht nur in der Ossenreyerstraße, der Haupteinkaufstrasse zwischen Neuem und Altem Markt, wo die Stralsunder gern Eis schleckend Schaufenster gucken, wo morgens um 9 Uhr Rentner auf Holzbänken ihre Rücken in die Sonne drehen. Wo es den ganzen Tag hin und her geht, Brötchen in der Hand, die Liebste am Arm, Wind im Ohr, Meeresduft in der Nase. In den Nebenstraßen, dort, wo tagsüber das Pflaster blinkt und nachts die schiefen Häuserfluchten scharfzackige Schatten werfen im gelben Funzellicht, wo die Schritte der Nachtschwärmer unheimliche Kratzgeräusche durch die Luft schicken, dort sind es Leute wie Henry Rasmus, die voranmachen und somit Stralsund voranbringen. Rasmus war Schiffbauer, später versorgte er Schiffe mit Signallampen und Rettungsbooten. Seit 1997 macht Rasmus in Fisch - Gabelrollmöpse, Pfefferlappen, Bismarckheringe. Die kocht er ein in der Küche über seinem Fischgeschäft, per Hand, nach überliefertem Rezept. Er hätte auch fortgehen können. Rasmus sagt nur: "In finde meine Stadt schön. Wegziehen kommt überhaupt nicht in Frage. Schließlich hat schon mein Opa in den dreißiger Jahren am alten Rügendamm mitgebaut. Das ist eine Frage der Tradition."

Beharrlichkeit statt Größenwahn, dazu ein Blick für das, was ist, und nicht nur für das, was fehlt - so ticken die Altstädter. Vielleicht ist das der Grund, dass Stralsund wiederauferstanden ist. Den Stralsundern ist ihre Stadt nicht egal - und davon profitiert auch der Besucher. Er betritt kein Freiluftmuseum - er findet sich wieder in einem Experimentierfeld mit Läden und Kneipen, das sich immer wieder ändert. Früher bekam man in der Altstadt kaum ein vernünftiges Bier - heute muss man sich unter 70 Kneipen und Restaurants entscheiden.

Kneipier Norbert Wanitschke, 39, braune Hose, blauverwaschenes Hemd, ein Zopf aus dunklem Haar, führt den "Goldenen Löwen" und sitzt am liebsten auf der Terrasse seiner Gaststätte. "Ich gucke über den Alten Markt zum Rathaus. Der Platz ist wie ein Puppentheater, ganz für mich." Von hier sieht Wanitschke den Touristen zu, wie sie ihre Hälse recken, um die riesige Rathausfassade in den Sucher zu quetschen. Er beobachtet den Gemüsemann, der übers Pflaster hüpft, das so anders aussieht als der Rest vom Markt, weil im Krieg dort ein Feuerlöschteich war. Am Tag kreischen Kinder, am Abend trötet ein Saxofonspieler zum Steinerweichen. "Ich bin direkt am Leben dran", sagt Wanitschke, "es ist Kiezgefühl."

Er hat es sich selbst geschaffen. Auch Norbert Wanitschke hätte gehen können, der gelernte Zimmermann, damals nach der Wende. Statt dessen kaufte er in der Fährstraße ein altes Haus für billig und sanierte es mit eigenen Händen - zwei Jahre lang.

"Es war Aufbruchstimmung", erinnert er sich. "Ich habe Chancen gesehen. Hier konnte man was anpacken, und genau das wollte ich - Leben in die Stadt bringen, und selber davon leben können." Wie die Stadt, so Wanitzschke. Peu à peu ein Aufbau mit wenig Geld, aber viel Arbeit. Erst mit einer Kellerkneipe in der Fährstraße - einer urigen Höhle, in der das Guinness reichlich fließt. Später, mit dem "Goldenen Löwen", den niemand haben wollte, weil das Haus ein hässlicher DDR-Betonplattenbau ist. Wanitschke lacht kurz und trocken: "Mir ist das egal. Man schaut ja schließlich heraus, und nicht drauf. Oder?" So einfach kann das manchmal sein. Und so gerät der Stralsunder Stein ins Rollen.

Inzwischen zieht die Stadt Menschen an, die suchen, was Norbert Wanitschke für sich schon gefunden hat. Einen Ort, an dem der Wind niemals aufhört zu wehen. An dem man Leben und Arbeiten unter ein Dach kriegt. Wo man einen Platz zum Leben findet, der nicht nur mit Geld zu bezahlen ist. Es sind wenige Schritte am Markt entlang vom "Goldenen Löwen", vorbei am prächtigen gotischen Wulflam- Haus, zur Rats-Apotheke, diesem tiefgelben Haus mit dem pompösen Barockgiebel.

Es ist 18.30 Uhr, Geschäftsschluss, und jetzt lässt es sich leicht beobachten, dieses Stralsunder Lebensgefühl, das die Menschen lockt. Apotheker Cramer tritt vor die Tür, blinzelt in die Abendsonne. Vom Rathaus tanzen seine beiden Kinder herüber, ungehindert von irgendwelchem Autoverkehr. Cramer winkt ihnen zu, steht eine Weile mit seiner Frau mitten auf dem Marktplatz, spielt mit den Kindern. Bekannte kommen vorbei. Grüße und Verabredungen. Dann schlendert Cramer zurück in sein gelbes Haus, in dem er auch wohnt. Drinnen steigt Peter Cramer hinab in den Keller, zeigt auf den Hausbaum, einem menschendicken Baumstamm, der dem ganzen Haus Halt gibt. Der Baum steht hier seit etwa 1320.

Der gebürtige Aachener Cramer hat ihn vom Bauschutt befreit, 1996, als er sich für Stralsund entschied. Er klopft an den eisenharten Stamm. "Ich stelle mir vor, was alles passiert ist in meinem Haus. Es ist das Gefühl, dass man etwas weitermacht, die Geschichte fortschreibt. Mit Stralsund ist es ganz genauso. Die Stadt mit ihren alten Backsteinen ist eine Quelle der Phantasie." Er fühle sich frei hier, meint Cramer, das liebe er an Stralsund. Dass man nicht anonym lebe, sondern miterlebe, was um einen herum passiert. Cramer hat seinen Platz gefunden. Er will nie wieder weg. Er schließt seine Ladentür ab und ist zu Hause.

Cramer steigt die Stufen hinauf in seine Wohnung. Draußen begibt sich Stralsund langsam zur Ruhe. In den Geschäften verenden die Lichter, und die Stralsunder verschwinden füßescharrend in ihren Häusern. Man hört sie lachen, streiten, kochen - und mitunter lieben sie sich gleich nach Feierabend. Hier und da lässt sich ein Grüppchen die fischschuppenartigen Pflasterstraßen hinunter an den Hafen treiben. Fische springen dort hoch aus dem Wasser, fallen zurück und veranstalten ein Platschkonzert.

Weit führt die schmale Nordmole hinaus in den Strelasund. Die Sonne versinkt hinter der Stadt, färbt den Himmel rosa, und der Himmel spiegelt sich ebenso rosa im Wasser. Dazwischen wirkt die Stadt wie eingewickelt in zuckersüßes Präsentpapier. Wie ein Geschenk, das endlich ausgepackt werden will.

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Autor:
Christian Sywottek