Rügen Rückkehr des Adels

Sein Patensohn war Bogislav von Platens Vater, er sollte den Nießbrauch aus dem Erbe ziehen. Nießbrauch ist der Gewinn, den Haus und Landbesitz abwerfen. Nach dem Tode seines Vaters - er fiel zu Ende des Krieges - wäre Bogislav von Platen der Nutznießer gewesen. Dazu kam es nicht: Die Rote Armee enteignete die Familie, sie nahmen ihre Häuser in Besitz und jagte die verbliebenen "Feudalherren" von der Insel.

Als Kind war Bogislav von Platen zum letzten Mal in Reischvitz gewesen, er besuchte die Großeltern. "Das Haus, überhaupt Rügen, kannte ich nur aus den Erzählungen auf den Familientreffen", sagt Herr von Platen. "Ich sehnte mich nicht danach, zurückzukehren." Auch bei seinem nächsten Besuch ging es noch nicht um die Rückkehr. Das war zu Ostern 1990. Andere Alteigentümer trieben da anderswo schon Spaziergänger aus "ihren Wäldern".

Der Bankangestellte Bogislav von Platen ließ sich von Frankfurt am Main in den Osten versetzen. Er baute Filialen in Dresden, Rostock und Stralsund mit auf. Langsam kam er Reischvitz näher. Den letzten Anstoß mag der alte Herr Schlieker geliefert haben. Herr Schlieker war schon vor dem Krieg Stellmacher bei den von Platen auf Gut Reischvitz gewesen. Immer noch lebte er in einer Wohnung des Gutshauses. "Seine Begeisterung über das Wiedersehen hat mich beeindruckt", so Bogislav von Platen. Der alte Schlieker habe sich sehr gefreut und so etwas wie "der junge Herr ist zurück" gemurmelt. Bald sah man den über achtzigjährigen Mann die Treppen des Gutshauses putzen. "Machst es wohl fein für die Herrschaft", wurde im Dorf gespöttelt. Das musste die "Herrschaft" dann doch selbst tun.

Im Winter 1991 zog Bogislav von Platen zur Miete in das Dachgeschoss des Hauses. Er lebte mit einem kaputten Kohleofen, weshalb er beständig einen Radiator hinter sich herzog. Kurz nach von Platens Einzug starb Herr Schlieker, der heimliche Wächter des Gutshauses. "Es war, als sei ihm die Verantwortung abgenommen worden", meint Herr von Platen. "Er konnte endlich gehen." Im Sommer 1992 siedelten Bogislav von Platen und seine Frau aus dem Taunus endgültig nach Rügen über. Kurz zuvor hatten sie das Gutshaus Reischvitz und vier Hektar drumherum von der Kommune Parchtitz gekauft. "Der Bürgermeister war froh, er hatte noch ein paar andere Gutshäuser am Hals." Eine Rückgabe war wegen des Einigungsvertrages ausgeschlossen.

Ausgeschlossen war es auch, die verbliebenen Bewohner des Hauses herauszuklagen. "Ein paar Mietern besorgten wir Wohnraum, andere suchten selbst. Es gab ja längst besseres als ein morsches Gutshaus." Die Frösche und Eidechsen räumten den Keller, als dort Fensterscheiben eingesetzt wurden. Im dritten Jahr zogen die neuen Besitzer eine Drainage, im vierten wurde das Haus isoliert und im fünften Jahr das Dach entrümpelt. En passant belegte das Ehepaar von Platen einen Volkshochschulkurs, Lernziel "Reiseleiter", dachte, so die Insel am besten kennen zu lernen.

Nach den Hausaufgaben saßen beide über Bauplänen. Besonders beschäftigten sie sich mit einem Foto, das ihnen der alte Stellmacher Schlieker geschenkt hatte. Es zeigte das prächtige Gutshaus Reischvitz um die vorletzte Jahrhundertwende. Der vergilbte Abzug wurde zur Vorlage für die Rekonstruktion der Fassade. Die leuchtet heute wieder wie auf den alten Karten. Davor steht Bogislav von Platen, ein sehr freundlicher Herr von Mitte 60. Man kann ihn sich gut im Tweed oder bei der Fuchsjagd vorstellen. Aber er war, wie gesagt, Bankangestellter. Seine Frau arbeitete vor der Pensionierung als Kinderkrankenschwester. Die beiden waren keine Feudalherren, sie mussten den klassischen Weg gehen: Kredite, Spareinlagen, Fördergelder "Und wir haben viel selbst gemacht", sagt Herr von Platen. Auch im Garten, pardon, Park.

Nun stehen die 200 Jahre alten Kastanien wieder unbehelligt von den Gemüsebeeten der Schreber, dem Rhabarber im Rasen ist der Garaus gemacht. Der Park wirkt herrschaftlich. Der Teich ist entrümpelt, die brüchigen Ställe abgerissen, der Blick geht ungehindert auf die Marienkirche der Kreisstadt Bergen. Lange hat sich die das Haus hinter die Ställe geduckt. Heute zeigt es sich wieder, eine Attraktion auf der Umgehungsstraße kurz vor Bergen. Die Zimmer des Hauses sind groß und licht, die Wände des sozialistischen Wohnungsbauprogramms zerstückeln das Gebäude nicht länger. Vom Eingang geht man durch einen langen Flur ins Esszimmer, das in den Park führt. Es ist fast wie einst. Möglicherweise sind die Räume nicht ganz originalgetreu rekonstruiert, da Unterlagen fehlten. Doch die Decken haben abgerundete Ecken, so baute man vor Jahrhunderten.

Abends dann sitzt das Ehepaar von Platen beim Tee und beantwortet Briefe der verstreuten Sippe. Deren Interesse an den Wurzeln ist gestiegen, zwischendurch klingelt das Telefon, diesmal ist es ein Herr aus Bayern, er bietet Material an über einen gemeinsamen Vorfahren. "Die von Barnekows", sagt Bogislav von Platen "denen gehörte das Gutshaus in Klein Kubbelkow gleich nebenan."

Sein Interesse an Rügens Historie hat sich herumgesprochen. Und es hat angesteckt: Demnächst will der jüngste Sohn, eins von drei Kindern, aus dem Westen nach Rügen ziehen. "Erst war er skeptisch. Doch wenn er Arbeit findet, kommt er jetzt mit fliegenden Fahnen", so der Vater. Über der Treppe hängt das restaurierte Familienwappen. Sie hatten es halb verrottet in der Kirche von Trent entdeckt, es stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Auch das Grab von Erich von Platen, dem reinlichen General, der Reischvitz einst vererbte, ist wieder hergerichtet. Die Deckplatte hatte sich gesenkt, sie wurde angehoben und glänzt nun frisch poliert. Nur den Rand besudelt Taubenschiss. Man möchte ein Einstecktuch dabeihaben.

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Autor:
Maik Brandenburg