Rügen Das Schloss Granitz

Ein Stau entsteht. Arbeiter und Kettensägen am Rand der Deutschen Alleenstraße im Kampf mit Bäumen, die nach den Stürmen zum Sicherheitsrisiko geworden sind. Helles Holz an den Schnittflächen, harziger Geruch, noch durch die Autofenster zu spüren. Der Abzweig zum Jagdschloss Granitz, der Parkplatz vom Wald eingeschlossen, das Kassenhäuschen, an dem keiner vorbeikommt. Fünf Euro Parkplatzgebühr oder 5,50 Euro für Parkplatz plus Shuttle zum Jagdschloss. Die Granitz, nach der Stubnitz der zweite Rügener Riesenwald, zu durchwandern, ist natürlich schöner, als schnöde mit dem Bus zu fahren.

Nach ein paar hundert Metern überrascht ein konfuses Grundstück: Hütten, Baracken, Wohnwagen, Kfz ohne Kennzeichen, Kutschen. Stapel mit Holzstämmen säumen den Weg. Man wandert nicht allein; Familien, Gruppen, Ehepaare, Kinder, die sich tragen lassen, es geht immerfort bergauf. An der Station Jagdschloss hält der Rasende Roland, die berühmte Rügener Kleinbahn, ein paar Wanderer klettern aufgeregt in die Wagen, die Lok stößt einen Pfiff und eine weiße Dampfwolke aus und entfernt sich in Zeitlupentempo. Ein Bekenntnis zur Langsamkeit.

Der Weg windet sich in weiten Bögen den Berg hinauf. Steilere Abkürzungen locken, der Wald lichtet sich, noch einmal ein giftiger Anstieg bis auf den 107 Meter hohen Tempelberg, was auf Rügen nicht wenig ist, spargelig stehen die Bäume am Rand, und das Jagdschloss ist da. Hell hebt es sich, in einem rötlichen Anstrich, vom dunklen Wald ab, bestimmend sind die zinnenbewehrten Rundtürme, an jeder Ecke einer, und der Aussichtsturm in der Mitte, eine Schöpfung von Karl Friedrich Schinkel, den Fürst Wilhelm Malte I. noch nach Baubeginn 1837 gebeten hatte, die Baupläne Johann Gottfried Steinmeyers zu optimieren. Unterhalb des Schlosses trudelt die Shuttlebahn ein. Touristen mit Fotohandys erobern das Terrain.

Es gibt einige Gründe, das Jagdschloss aufzusuchen. Einmal ist es der Weg durch die Wälder der Granitz, das surreale Erlebnis, mitten im Wald an einer Melancholie ausstrahlenden Station der weltentfernen Kleinbahn zu begegnen, es ist der Kontrast von Waldwildnis und klassizistischer Architektur, der Aussichtsturm des Schlosses, von dem aus man einen grandiosen Rundblick auf Rügen hat, es ist die Sammlung von Jagdtrophäen, und es ist nicht zuletzt die Alte Brennerei in den Verliesen des Schlosses, in der der Wanderer wieder zu Kräften kommt.

Ein wundersames Gewölbe. Die Fensternischen verstellt mit ausgestopften Füchsen, Dachsen, Wildkatzen und Rebhühnern. Der Gast sitzt an monumentalen Tafeln, die hell geschrubbten, klobigen Tischplatten sind von mannigfaltigen orgiastischen Gebrauchsspuren zerklüftet und geadelt. Über die Seitenwand zieht sich ein Gemälde, das eine vitale derbe Tischgesellschaft zeigt, degenerierten Landadel, dem von Mägden mit dicken Brüsten bis zum Rand eingeschenkt wird. Darunter sitzt eine Gruppe fröhlicher Ausflügler. Das Jagdschlossbräu fließt in Strömen, Landsknechtbrot mit frischem Mett und roten Zwiebeln wird verzehrt.

Die Tische, sagt die Kellnerin, wurden aus England importiert, vielleicht lagen sie aber auch in den Schlossverliesen - genau bekommt man so was auf Rügen nie heraus, wo jeder auf seine eigensinnige Art an der Geschichte der Insel mitzuspinnen scheint. Der Rügen-Reisende Theodor Fontane hielt die hiesigen Sagen für reichlich unauthentisch, sprach von einer "Industrie von historischen Merkwürdigkeiten. Wie alte Bilder, Götzenbilder, alte Violinen, alter Wein künstlich gemacht werden, so auch die 'Historien' ".

Der Gast trennt sich ungern von der Alten Brennerei, um wieder hinunterzusteigen in die Abgründe des Waldes, wo die Bäume wieder stärker und grüner werden, das Gelände wechselnd abfällt und ansteigt. Das Naturschutzgebiet Granitz, so viel verraten Informationstafeln, ist eine Stauchendmoräne, mit weitgehend naturnahen Buchen- und Traubeneichenwäldern, abgeschlossen von einem Kliff mit vorgelagertem Blockstrand zur Ostsee hin. Im Inneren verbergen sich einige Kesselmoore. Sowie man das erst einmal weiß, sieht oder erahnt man es auch mit eigenen Augen und Sinnen. Dazu wird am Wegrand noch eine Portion Poesie geliefert.

"Ich bin der Wald", heißt es auf einem Schild, "ich bin uralt/ich hege den Hirsch/ich hege das Reh/ich schütz euch vor Sturm/ich schütz euch vor Schnee/ ich wehre den Frost/ich wahr die Quelle/ ich hüte die Scholle/ich bin immer zur Stelle/ich bau euch das Haus/ich heiz euch den Herd/darum ihr Menschen/haltet mich wert."

Natürlich soll man den Wald nicht personalisieren, aber der Amateurdichter darf alles. Der Weg führt wieder an dem wirren Grundstück vorbei.Wahrscheinlich versteht man das kleine Gedicht gelegentlich falsch. So ganz direkt wird der Wald uns die Häuser nicht bauen.

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