Rom Zu Cäsars Zeiten

Der Staub fliegt hoch an diesem Tag. Der Wind fegt um die Häuser und Tempel, klatscht an die Sonnensegel der Imbissstände und presst Tuniken wie Trikots an die Brust der Passanten. "Ich freue mich so, dass du nach Rom gekommen bist", sagt Lucius Crassus zu seinem Freund Marcus. Die beiden haben sich seit Kindertagen nicht mehr gesehen, als sie an der Schulhausmauer mit Strichen zählten, wie oft ihr Lehrer sie verprügelte. Sie zahlten dem Alten damals ihre brennenden Hintern heim, schmähten ihn als elenden knabengeilen Hengst. Das ist zwei Dezennien her. Marcus ist inzwischen Verwalter der Steinbrüche in Luni, der Stadt im Norden am Meer, aus der die Römer neuerdings den Marmor holen. Lucius hat es als Anwalt in Rom zu Ansehen gebracht.

"Gehen wir zum Forum", sagt der Römer. Als die Freunde von Nordosten her die abfallende Straße an der Basilica Aemilia hinuntergehen, zögert Lucius. "Schade", sagt er, "die Säulen dieser Halle stammen nicht von dir, sondern aus Kleinasien. Schwarzweiß gefleckter Marmor wie das Fell wilder Tiere." Lucius schwenkt nach rechts und wieder nach links. "Bleib stehen und fass dich!" Doch Marcus hört gar nicht zu bei all dem, was er da sieht: All die Laffen, deren Bärte und Haar von Öl glänzen, eine, wie er findet, "dreihundertjährige" Alte, deren Stirn mehr Falten aufweist als ihre Stola. Ein Bettler mit einem schwarzen Köter an der Leine fleht um Erbarmen. "Das ist einer dieser Zyniker", sagt Lucius, "die wollen bloß auffallen und nennen ihr Gehabe dann Philosophie. Solchen Menschen kann man nur den digitus impudicus, den Stinkefinger, zeigen".

Doch der Gast aus der Provinz bestaunt schon längst einen Mohrensklaven, der einen Elefanten durch die Menge dirigiert; kahlrasierte Ägypter, die steif wie Statuen ihre Göttin Isis vorbeitragen. Und da trottet entgeistert ein Rudel tätowierter Rothäute aus dem fernen Britannien. Als sie vorm Cäsar-Tempel stehen wird Lucius' Stimme geradezu feierlich: "An dieser Stelle wurde vor fast 25 Jahren Cäsars Leiche verbrannt." An jenem Tag, erzählt er, drängten zwei schwer bewaffnete Männer an die Bahre und entzündeten sie mit Wachsfackeln. Die Masse reagierte entfesselt. Die Musikanten des Totenreigens rissen sich die Kostüme vom Leib und warfen sie in die Flammen, Frauen opferten Amulette und Armbänder, Veteranen von Cäsars Legionen ihre Waffen. Und im ekstatischen Gekreisch, man solle die Mörder erschlagen, fiel der blutverkrustete Leichnam zu Asche.

Wenig später ordnete der Senat die Vergöttlichung Cäsars an und baute ihm diesen Tempel.Augustus, damals noch als Oktavian bekannt, hat ihn eingeweiht. "Dort an der Vorderwand des Podiums steht der Altar, auf dem die Römer alljährlich an den Iden des März Blumen niederlegen. Gehen wir nun hinüber zur Curia, auch wenn der Senat heute nicht tagt", sagt Lucius. "Ich nenne sie unser Hohes Haus. Den Saal hat Cäsar in Auftrag gegeben, und Oktavian hat ihn zu Ende gebracht." Über Eck zur Curia habe Cäsar sein eigenes Forum gebaut. Erst aber musste er sich - "römische Preise, du kannst sie dir nicht vorstellen" - für angeblich 60 Millionen Sesterzen Grundstücke zusammenkaufen. Ein Jahr nach der Grundsteinlegung für die Curia begann er mit dem Bau. Den Tempel weihte er der Venus Genetrix.

Im leichten Gewand, Amor auf den Schultern, beherrscht sie das Allerheiligste. Die Reiterstatue Cäsars davor bewacht das Forum. "Alles schön und gut", sagt Marcus. "Aber woher hatte dieser Mann das viele Geld für seine Bauwut?" "Zunächst einmal hatte er maßlose Schulden", erwidert Lucius, als die beiden zurückgehen zum alten Marktplatz, vorbei an den Wechslern vor der Basilica Aemilia, die Kunden heischend mit geschickten Fingern Münzen über die Tresen klimpern lassen. "Cäsars Geschäfte, übel, übel", sagt Lucius. In Spanien habe der Diktator Städte ausgeplündert, in Gallien Weihegeschenke aus den Tempeln geklaut, sich auch mal am Staatsschatz vergriffen und jedem Schutzgeld abgepresst, der sich an seiner Seite sicher fühlen wollte. "Auch die klotzige neue Rednertribüne hier hat Cäsar finanziert." - "Und vollendet hat sie wohl Oktavian", ergänzt Marcus schmunzelnd. "Nicht ganz", sagt Lucius. Oktavian habe lediglich die vergoldeten Schiffsschnäbel dran montieren lassen, die etwa 300 Jahre zuvor in der Seeschlacht bei Antium von den Latinern erbeutet worden waren.

"Jetzt aber kommen wir zur Basilica Julia. Hier war wieder das Baumeister-Doppel Cäsar und Oktavian aktiv. Und hier habe ich zu tun. Vertrete meine Mandanten in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten", sagt Lucius. Marcus hört nur halb hin. Er interessiert sich mehr für die Faulenzer und Tagediebe, die Spielfelder in die Treppenstufen geritzt haben und mit kleinen Knochen Mühle spielen. Neugierige beugen sich über die Akteure, reden lautstark drein und fluchen wie römische Müllkutscher. "Du Drecksack" gehört noch zur milderen Sorte.

Sie überqueren den Vicus Tuscus, wo Jünglinge Handel treiben mit ihrem Körper, und stehen vor dem Tempel für Castor und Pollux. "Wir Römer haben es mit den Zwillingen", sagt Lucius. "Da ist Romulus, der sagenhafte Stadtgründer, der seinen Bruder Remus erschlug. Und da sind Castor und Pollux, das Pärchen mit ungewisser Vaterschaft." Von Frauen, sagt Lucius, würden sie als Helfer in jedweder Not verehrt. "Wo wir schon hier sind, lass uns den Schlenker zum Vesta-Tempel machen. In dem zierlichen Rundbau - kein Werk des Cäsar - brennt das Feuer der Gottheit, gehütet von sechs Jungfrauen." - "Und deshalb brennt der Bau auch, wie ich höre, so oft nieder", meint Marcus.

Lucius erzählt von den Vestalinnen, die zehn Jahre Novizinnen sind, zehn Jahre Dienst an der Göttin tun und dann zehn Jahre als Lernschwestern arbeiten. Erlischt das Feuer, werden sie ausgepeitscht. Begegnen sie auf der Straße einem zum Tode Verurteilten, wird der Missetäter begnadigt. Geben sie sich aber einem Mann hin, werden sie lebendig begraben. "Ich vergesse nie die Schreie einer Vestalin auf dem Weg zur Gruft." Lucius kommt einen Moment ins Sinnieren, fängt sich aber schnell: "Schluss mit den finsteren Gedanken. Ich habe Durst."

Hochhäuser für die Römer

Die Freunde drängeln sich durch die Gassen, werden rüde zur Seite gestoßen von einem schwitzenden Mann, der geschlachtete Hühner am Strick um den Hals hängen hat. Sie hätten sich am liebsten die Ohren zugehalten, um sich vor dem Gekreisch auf der Straße zu schützen, für Momente hören sie auf zu atmen, wenn der Gassengestank gar zu widerlich in ihre Nasen kriecht. "Vorsicht", ruft Lucius, als sie an einem Hochhaus vorbeikommen. Schon platscht ein Jauchegeschoss aufs Pflaster. "Irgendwo müssen die Römer ja wohnen. Deshalb werden solche insulae gebaut. Bis zu sieben Stockwerke,

70 Fuß hoch, alles darüber hinaus ist verboten. Da leben dann Großfamilien in einem Raum, brutzeln auf offenem Feuer - und immer mal wieder brennt es. Aber wir sind jetzt da." Die beiden betreten eine schummerige popina, eine Kneipe. "Zwei Falernerweine", sagt Lucius zum Wirt, "mit Eis". Marcus wundert sich und erfährt, dass Spezialunternehmen im Winter aus dem Eis der Albaner Berge Blöcke heraussägen und sie in Kühlkellern lagern. "Bene te! Auf dein Wohl!", prosten sich die Freunde zu. "Sag mir, Lucius,wovon leben die vielen Menschen da draußen?", fragt Marcus. "Von der Wohlfahrt", erklärt Lucius, "einmal im Monat gibt es fünf modii Getreide."

Die Männer trinken ihre Becher aus, legen vier Asse auf den Tresen und gehen wieder hinaus ins Gewühl. "Lass uns in die Thermen gehen", schlägt Marcus vor. Lucius hat ein kleineres Badhaus in der Nähe im Auge, immerhin gibt es in Rom insgesamt 170 davon. Gleich am Eingang läuft ihnen Sergius Orata über den Weg. Lucius kann diesen Bauspekulanten nicht leiden. Der Mann hat gleichsam mit heißer Luft ein Vermögen gemacht: Seine Bautrupps sind spezialisiert auf Fußbodenheizungen. Die Freunde genießen es, im Laconium zu schwitzen, schwimmen ein paar Runden und rangeln übermütig in der Palästra wie einst als Jungen in Luni. "Du bist ja stark wie Ursius." Marcus kennt diesen Gladiator nicht, fühlt sich aber auch nicht geschmeichelt, mit einem Haudrauf verglichen zu werden, der zum Spaß der Massen auf Leben und Tod kämpft. Lucius sieht das anders. "Du musst bedenken, womit das alles einmal angefangen hat: Menschenblut, das in die Erde sickert, schenkt den Verstorbenen neues Leben. So dachten jedenfalls unsere Vorfahren."

Bei einer Feier, die Cäsar zum Gedenken an seinen toten Vater ausrichtete, seien 640 Gladiatoren aufeinander losgegangen. War einer der Akteure getroffen, bliesen Trompeten. Der Verwundete bat um Gnade, die Menge entschied über Leben und Tod. War einem der Kämpfer die Seele aus dem Leib gestochen worden, trat ein Schwarzgekleideter aus dem Hintergrund und ließ den Toten am Haken aus dem Ring schleifen. "Das ist nicht meine Welt", sagt Marcus. "Ich bitte dich", entgegnet Lucius. "Sogar auf dem Forum hat so was früher stattgefunden. Da wurden Tribünen aufgestellt und von Marinesoldaten Segel gespannt, damit kein Zuschauer einen Sonnenstich bekam."

Als die Sonne sich langsam senkt, sagt Lucius: "Lass uns zum Abendessen zu unserer Freundin Claudia gehen." Die beiden schlendern Richtung Tiber. Herzlich werden sie begrüßt, ein Sklave wäscht ihnen die Füße. Im Triclinium machen sie es sich bei den anderen Gästen auf Liegen bequem. Salate ,Gemüse, Pilze, Krustentiere, Fisch und - unvermeidlich - nicht zu hart gekochte Eier werden ihnen serviert. "Mit mulsum, dem Honigwein, spült euch vor einem Gelage die Därme durch", sagt Claudia, "das hat schon Horaz empfohlen."

Als alle Gäste ihre voll geladenen Teller vor sich haben und schlemmen, murmelt kaum hörbar ein Gast: "Sie erbrechen sich, um zu essen; sie essen, um sich zu erbrechen." - " Das kann doch jeder machen, wie er will", erwidert sein Tischnachbar. Es gebe nun mal solche Würger, die sich den Federkiel in den Hals stecken, um noch mehr vertilgen zu können. "Freunde, haben wir nichts Besseres zu bereden?", sagt ein anderer. "Ich wünschte mir mal wieder einen großen Triumphzug. Vier Schimmel ziehen den Wagen übers Forum. Darauf der Kriegsheld im golden durchwirkten Purpurgewand, den Lorbeerkranz auf dem Haupt." Sie schwelgen in Phantasien, als der Nachtisch kommt: Kranich, Gänseleber mit Feigen, Kuchen und Obst. Mancher isst mit schwer gewordener Zunge. Nur Lucius und sein Freund haben sich gemäßigt. Als die beiden übers Forum gehen, steht im Westen gleißend die Venus am Himmel. Und auf den Stufen der Basilica Julia hocken noch immer die Spieler, betrügen und bepöbeln sich. "Und was machen wir beide morgen?", fragt Marcus.

Autor:
Peter Mayer