Italien Reisetipps für den Strand Lido di Venezia

Weitblick am Lido-Strand

Dieselben Geranien rechts und links, dieselbe Besetzung meiner Badekabine, derselbe Horizont, am liebsten in grüntürkis. Pinienduft und Kindergeschrei. Die ewige Wiederkehr des Gleichen, ja, die Illusion von Unvergänglichkeit. Das ist es, was ich mir wünsche, wenn die Badekabinensaison eröffnet wird und ich im Juni zum ersten Mal den Fuß auf die von der Sonne erhitzten Holzstufen setze. Der Tag soll sich nicht wesentlich von dem vor einem Jahr unterscheiden und auch nicht von dem Tag vor zehn Jahren. Kontrollblick über den Strand: Wie immer wird in der Bar schon morgens ordentlich Spritz getrunken, wie immer erwarten mich die Quallen der Adria, wie immer wird Boccia gespielt. Gott sei Dank.

Ich gehöre zu einer Badekabine am Strand des Hotels "Des Bains", prima fila, erste Reihe, wohin ich mich erfolgreich vorgearbeitet habe, nachdem ich einige Jahre lang den Tort hinnehmen musste, mich mit der zweiten Reihe zu begnügen, von wo aus ich das Meer nur durch einen Spalt zwischen zwei Badekabinen sehen konnte und ertragen musste, dass mir die Enkelkinder meiner Badekabinengenossinnen auf die Füße pinkelten, amooore, amore mio! Weil die Miete einer Badekabine am Lido, auf Italienisch capanna genannt, so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt von Burkina Faso, teile ich mir die Kabine mit fünfzehn weiteren Damen.

In meiner capanna sind Kinder verboten, Enkelkinder ebenso und Männer bis vor Kurzem eigentlich auch, wir hatten anfangs nur einen einzigen Mann in unserer Badekabinengesellschaft, der nicht gilt, weil er schwul ist. Wobei ich aber nicht sagen möchte, dass die Damen meiner capanna männerfeindlich gesinnt wären, sie finden nur, dass es wenige Männer gibt, die zu uns passen. Aber angesichts von la crisi und dem damit verbundenen Schwund an zahlungskräftigen Badekabinengenossinnen (selbst in der begehrten ersten Reihe bleiben einige Kabinen die ganze Saison über leer!) mussten wir Kompromisse machen und zwei weitere Männer aufnehmen, heterosexuelle, der eine ist Blumenhändler und der andere mit einer Chinesin verheiratet, die Venezianisch spricht. 

Lido-Strand
Lukas Spörl
Lido-Strand
Wie immer begrüße ich die Damen von den Kabinen nebenan, Damen, die bereits in ihre Kreuzworträtsel vertieft sind oder Karten spielen. Und wie immer bescheide ich die Angebote der Strandverkäufer abschlägig, die mir Louis-Vuitton-Taschen, gebatikte Wickeltücher und Ketten aus Halbedelsteinen verkaufen wollen. Wobei zu sagen ist, dass die Damen zu den Verkäufern ein durchaus familiäres Verhältnis pflegen. Wenn der marokkanische Taschenverkäufer sein "Bonjour Mesdames!" schmettert, dann zirpen sie "Bonjour, bonjour!" zurück, und wenn sich der sri-lankische Schmuckverkäufer nähert, fragen sie ihn warmherzig, wie es ihm im Winter zu Hause in Sri Lanka ergangen ist und beglückwünschen ihn so herzlich zur Geburt seines zweiten Kindes, als handele es sich um ihr eigenes Enkelkind (mit dem sie sich am Strand nie zeigen würden) und versichern ihm, dass sie sich die Sache mit der Amethystkette nochmal überlegen.

MERIAN Venedig
Mehr Tipps für Venedig in MERIAN
Meine Freundin Marisa sonnt sich wie immer mit nach außen gedrehten Armen, Maria Pia hat wie immer Obstsalat im Tupper-Topf mitgebracht, Giuseppina liest den Gazzettino und regt sich wie immer über den Bürgermeister auf. Und obwohl sich in diesen Hauch von Unvergänglichkeit hier und da schon gewisse Ausdünstungen mischen (das Bauloch vor dem Casino: halb zugeschüttet, aber vom neuen Palazzo del Cinema noch keine Spur. Das Hotel "Des Bains": von Unkraut umwuchert, und niemand weiß, was daraus werden soll – Hotel oder Apartmentanlage?), ist der Lido das letzte Refugium der Venezianer, geschützt vor den Horden der Day-Tripper, Gott sei Dank. 

Wenn man die Gran Viale entlanggeht, fühlt man sich wie in einer Zeitmaschine, die einen in den 1950er Jahren ausgespuckt hat, mit Kinderkarussells neben den zartblauen Glyzinien-Rispen des Restaurants "Parco Delle Rose", mit Eisdielen und Geschäften, die Schwimmringe in Form von Flamingos anbieten. Manchmal fahren Vierräder samt Sonnensegeln mit Troddelbordüren vorbei, unter denen Vater, Mutter, Kinder kichernd in die Pedale treten. Überhaupt ist der Lido für Fahrräder wie gemacht, am schönsten ist es, den schmalen Radweg am Wasser entlang vom "Excelsior" bis zum Strandabschnitt Alberoni zu fahren, der, wenn er nicht so weit weg wäre, mit seinen türkis-weiß gestreiften Badekabinen mein Lieblingsstrand wäre. 

Badekabinen am Lido
Lukas Spörl
Badekabinen am Lido
Kurz vor Ende der Saison geht das Filmfest jedes Jahr so überraschend wie ein Schneeschauer im August über den Lido nieder: Nachmittags wird noch gesägt und gehämmert, abends wird der rote Teppich ausgerollt. Pressspandeko, Plastiklöwen und Fotografengeschrei. Ich werfe mich zwischen zwei Filmen ins Meer, liefere meinen Badekabinendamen Kurzkritiken: bellissimo oder una cazzata (Scheißdreck, ein Wort, das eine Dame nicht in den Mund nehmen sollte), und am Ende gewinnt der Film, aus dem ich rausgegangen bin. Am Ende der Saison, wenn ich meine Badesachen einpacke und ein letztes Mal auf den Horizont blicke, werde ich etwas wehmütig. Die Damen meiner capanna werden mir fehlen. Ihre giftigen Kommentare zur tausendvierhundertsten Korruptionsaffäre, ihreTupper-Dosen und ihr Schwimmen, das im Wesentlichen aus dem Benässen der Unterschenkel besteht. Wie alle Venezianer vergesse ich den Lido jetzt. Nur Nordeuropäer kommen auf die Idee, im Winter Spaziergänge am Meer zu machen, mit Gummistiefeln und Regenjacke. Ich komme erst wieder, wenn die Holzstufen warm sind und die Geranien blühen.

Tipps für Hotels und Restaurants am Lido 

Kanal zum Lido-Casino
Lukas Spörl
Der Weg zum Lido-Casino führt über diesen Kanal
Bar H: Ein Retro-Kleinod mit Ledersesseln zum Versinken und hübsch gefliestem Tresen. Nie davon gehört? Es liegt auch schön versteckt im Gebäude des kleinen Flughafens Nicelli ganz im Norden des Lido, wo Kleinflugzeuge landen. Dabei können Sie ihnen auch von der schönen Terrasse oder einem der Stühle, die auf der Wiese stehen, zusehen – wie den Kreuzfahrtschiffen, die in Sichtweite von hier in die Lagune einfahren. 
Aeroporto Nicelli, Via Morandi 9, Lido, Buslinie A, Stop an der Via Morandi, Tel. 041 2420194

Gelateria da Tita: Eine Kugel Eis von "Tita" ist der perfekte Start für einen Lido-Besuch! Wenn Sie vom Vaporetto-Anleger kommen, laufen Sie einfach die Gran Viale Santa Maria Elisabetta geradeaus – dann sehen Sie nach wenigen Minuten links dieses Eiscafé – klein, liebevoll gestaltet, umlagert von Fans. 
Gran Viale S. M. Elisabetta 61

La Rotonda: Von außen nicht spektakulär, aber das hat Enzos Restaurant auch nicht nötig: sehr guter Fisch und die besten Pizzen des Lido. Ein Geheimtipp. Noch.
Via Sandro Gallo 173, Tel. 041 5269279

Le Garzette: Tolles Agriturismo in Malamocco, versteckt inmitten von Artischockenfeldern, Weinreben und Tomatenpflanzen. Das Haus hat zehn Zimmer, aber auch Nicht-Hotelgäste können das Restaurant mit bester venezianischer Küche besuchen. Alles was serviert wird, kommt aus eigenem Anbau. Wermutstropfen: Das Restaurant ist für Nicht-Gäste nur am Wochenende geöffnet – besser vorher anrufen! 
Lungomare Alberoni, 32, Tel. 041 731078; www.legarzette.it

Sehenswertes und Ausflüge am Lido

Alberoni: Der Strand am südlichen Ende des Lido ist weniger überlaufen als die anderen – und günstiger. Man kann tageweise Liegen und Sonnenschirme mieten. Und im Restaurant gut zu Mittag essen. www.bagnialberoni.com Zu erreichen von Venedig aus mit Terminal Linea Fusina. Oder mit Buslinie11 von Santa Maria Elisabetta.

Fahrradtour: Egal, wie gern Sie laufen, auf dem Lido kommen Sie zu Fuß nicht weit! Sie können den Bus nehmen, am besten lässt sich die Insel aber per Fahrrad erkunden. Bei Sonnenschein werden Sie mit diesem Plan nicht der einzige sein. Lieber vorher beim Verleih anrufen! 
Lido on Bike, Gran Viale S. M., Elisabetta 21/B, Tel. 041 5268019, www.lidoonbike.it

Aeroporto Nicelli
Lukas Spörl
Aeroporto Nicelli
Jüdischer Friedhof: Südlich des Flughafens liegt der Cimitero Ebraico, auf dem viele Juden aus dem Ghetto ihre letzte Ruhe fanden. Es ist ein schöner ruhiger Ort – den Sie auch nur besuchen sollten, wenn Ihnen nach Ruhe ist. Fotografieren ist hier nicht erwünscht, was in Venedig durchaus mal gut tut. Der älteste Grabstein stammt aus dem14. Jh. Strada di San Nicolò, Führungen (auch auf Englisch) über die Jüdische Gemeinde Tel. 041 715359 

Palazzo del Cinema: Seit 1932 findet das älteste Filmfest der Welt auf dem Lido statt – rund um diesen Palast. Wenn Sie Anfang September da sind: Sehen Sie sich hier einen der Wettbewerbsfilme oder das Treiben auf dem roten Teppich an.
Lungomare Guglielmo Marconi; www.lidodivenezia.it

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Petra Reski