Deutschland Regensburg ist eine der schönsten Städte

Als ich noch recht klein war und die Bedeutung des Wortes Kultur noch nicht zu erfassen vermochte, war mir Regensburg von Herzen zuwider. Es gab dort nämlich ein Geschäft namens "Leder Hackl", mitten in der Stadt, nicht weit vom Dom, vom Alten Rathaus und der Folterkammer. Regensburg war für mich einzig und allein ein Ort, der markant nach Wichse roch und in dem es Lederhosen, genannt Buxen, zu kaufen gab, die bei meiner Mutter als schier unverwüstlich galten.

Ich war fünf, als ich die erste Lederbux bekam. Dass sie aus Hirschleder war, bezweifle ich nachträglich: Aber immerhin hatte diese Bux schöne Hosenträger, deren Verbindungsstück auf der Brust, genannt Quersteg, praktisch gestaltet war - als eine Art Geldbeutel mit Reißverschluss oben; und außen war ein weißer Hirsch angebracht. In diesem Behältnis pflegte ich, wie meine Freunde auch, die Fliegen zu sammeln, die wir tagsüber am Brettertor des Kindergartens erschlugen.

Diese kurze Hose war also eigentlich nicht der Gegenstand meines Unbehagens; es waren vielmehr die Umstände ihres Erwerbs. Mein Vater war kein geiziger Mann. Aber in der Oberpfalz war es damals, als sich dort das Wirtschaftswunder erst sehr zaghaft ankündigte, üblich, bei größeren Ausgaben - eine Lederhose zählte zweifellos dazu - über den Preis zu verhandeln: "Wie viel geht da noch weg?" Wenigstens so viel sollte es sein, dass die Fahrtkosten und das Mittagessen dabei heraussprangen.

Ich genierte mich furchtbar, fühlte mich gebrandmarkt als einer, der den vollen Preis nicht wert ist. Kurz: Ich hielt das väterliche Verhalten, obwohl es erfolgreich war, für peinlich. Die Scham übertrug sich auf den Ort. Ich mochte ihn nicht. Als wir später wieder "in die Stadt" fuhren, um nun auch noch eine lange Lederhose zu erwerben, und an einem Geschäft vorbeikamen, das "Umsonst" hieß, schlug ich vor, die Hose doch gleich da zu kaufen.

Meine schlechte Meinung über Regensburg änderte sich auch dann nicht, als man mich in der vierten Klasse Volksschule probeweise in das bischöfliche Knabenseminar Obermünster steckte, "Priesterseminar" nannte man den Ort. Es war dies ein grässlicher gefängnisartiger Bau, in dessen endlosen Fluren die schlecht gerahmten schwarzweißen Fotografien diverser Priesterjahrgänge hingen, Primizianten - die allesamt ein heiligmäßiges Gesicht zur Schau trugen. Der Tagesablauf in diesem Knabenseminar war entsprechend. Die Flucht aus dieser Kaserne Gottes, bei der ich mich nächtens bis zum Bahnhof, genauer gesagt zu der Omnibus-Haltestelle durchgeschlagen habe, an der frühmorgens der Bus in meinen Heimatort Nittenau abfuhr, zählt zu meinen frühen Heldentaten.

Kulturelle Sehenswürdigkeiten habe ich auf diesem nächtlichen Streifzug nicht entdeckt. Ich bin aber an einem bemerkenswerten Kiosk vorbeigekommen, der als Fliegenpilz gestaltet war und ein rotes Dach mit weißen Punkten hatte. Aus späterer reicher Erfahrung kann ich versichern, dass es in dieser Stadt noch viele weitere Sehenswürdigkeiten gibt. Meine Meinung zu Regensburg hat sich längst gründlich gewandelt. Als viele Jahre nach meiner Flucht aus dem Knabenseminar die deutsche Einheit wieder hergestellt war und die Debatten über Bonn oder Berlin begannen, habe ich in meiner Redaktionskonferenz Regensburg als Hauptstadt vorgeschlagen.

Der Vorschlag wurde dort als gehobene Absurdität aufgefasst. Er war freilich viel weniger absurd, als es Jahrzehnte vorher Adenauers Entscheidung für Bonn gewesen war. Und überhaupt kann von Absurdität nur jemand reden, bei dem Geschichte erst im 19. Jahrhundert einsetzt. Damals verschwand Regensburg gerade von der politischen Landkarte: Der Hauptort von Kaisern und Königen, das Zentrum des Alten Reiches, das schon Hauptstadt war, als Bonn und Berlin noch nicht mal Städte waren, schrumpfte zum Provinznest. Die Stadt versank in einen Jahrhundert-Schlaf, aus dem sie erst vor ein paar Jahrzehnten wieder erwachte. Regensburg ist heute die schönste Stadt in Deutschland - und das Knabenseminar Obermünster abgerissen worden.

Heribert Prantl wurde 1953 in Nittenau bei Regensburg geboren, Der Jurist, Journalist und Publizist leitet das Ressort Innenpolitik bei der der Süddeutschen Zeitung.

 

Autor:
Heribert Prantl