Prag Rückkehr der Einheimischen

Die Rückeroberung ist ohne Strategie gelungen. Im zähen Ringen, sich ihren Platz in einer altgewohnten Lebenswelt zurückzuholen, war der beste Verbündete der vielen kleinen Leute ihr größter Feind: der schrankenlose Ausbeutungskapitalismus angesichts einer überbordenden Welle von Touristen, die Tag für Tag über das alte Prag hereinbricht. Diesen Massen noch den letzten Obolus abzupressen ist Konzept, macht aus jedem Winkel, jedem Hof, jedem Eck eine Kneipe, eine Bar, ein Wirtshaus.

Man hat es dann doch weit übertrieben. Obwohl das Geschiebe der Menschen schier unendlich scheint, hat es in dieser seltsamen Touristen-Hochburg immer auch gähnend leere Lokale gegeben, drängelt sich die Menge an Stätten von plastifizierter Modernität mit mürrisch gelangweiltem Personal vorbei. Um dann doch zu überleben, mussten sie sich wieder die leicht muffige Prager Gemütlichkeit zulegen, die Preise für Bier und Beinschinken halbieren, wieder Matjes und die besoffenen Knackwürste anbieten, die die wahren Prager so mögen.

Die wütende Übertreibung in der touristischen Kommerzialisierung hat ihren Ureinwohnern paradoxer Weise die Stadt bewahrt. Denn zunächst schien es, als würde über die Jahre nur noch ein von Kristall-Läden, Bernstein-Shops und Kitschkunst-Galerien verkrebstes Disneyland übrig bleiben, in dem ein normaler Prager schon der Preise wegen, aber auch mangels Beheimatung in dieser Talmi-Welt keinen Ort zum Verweilen mehr fände. Die verbissene Entschlossenheit, noch jede Nische in Golems Gassen zum Abzock-Eck zu machen, hat ein solches Überangebot geschaffen, dass die verloren geglaubten Biotope für die Leute aus der Vorstadt zwangsläufig neu in den Überkapazitäten anwuchsen.

So hocken sie also wieder auch in der Altstadt und der Kleinseite in ihren neuen und doch düsteren Kneipen und beschwatzen ironisch die Zeitläufe. Und die sind bedenklich, wie immer, und machen doch zugleich stolz.

Selbst das Wirtshaus "Zum Ausgeschossenen Auge" in Zizkov, das inzwischen in jedem Reiseführer als pittoresker Hort Prager Lokalkolorits aufgeführt ist, hat seinen Stil als Studentenkneipe wahren können. Der urtümliche "Schwarze Ochse" auf dem Hradschin, im wildesten Tourismusgetümmel gelegen, wird immer noch von einer Bürgerinitiative als Zuflucht heimischer Heimeligkeit gehütet.

Und doch sind Prags Straßen wunderbar verstopft mit neuen, schweren Wagen und schmucken kleinen Flitzern, mit denen die Leute sich ins enge historische Zentrum zwängen, statt die zwar noch sowjetisch rasselnde, aber vorzüglich funktionierende U-Bahn zu nehmen. Prag ist mondän und teuer geworden, für den Besucher eine marginale Feststellung, für die Hiesigen aber ein schmerzlicher Prozess - und doch Grund zu wachsendem Selbstbewusstsein. Sind wir Prager nicht tüchtig, dass unsere Stadt so boomt? Verdienen wir nicht längst so gutes Geld, dass wir uns diese vermaledeite Teuerung leisten können?

Stolz überwiegt nicht selten deutlich den Verdruss. So nistet in den gemauerten Kneipenkellern und Gewölbeverliesen des alten Prag ein neues Hochgefühl, es denen rundherum doch mal wieder richtig zu zeigen: Die gefürchteten Deutschen kränkeln seit langem; von den Polen wollen wir lieber gar nicht reden; nur dass die Slowaken, die man einst gern im gemeinsamen Staate wie den kleinen Bruder geschuriegelt hat, Furore mit ihrer Steuer- und Industrieansiedlungspolitik machen, fuchst so manchen Stammtischökonomen, war man sich doch einig darin, dass die nach dem Auszug aus dem gemeinsamen Hause schon ihr blaues Wunder erleben würden.

Jetzt müsste man nur noch ein paar Mal gegen die Deutschen im Fußball und gegen die Kanadier im Eishockey gewinnen - dann wäre man ganz oben auf. Gegen die Kanadier? Natürlich, gegen sie als den stärksten Gegner, denn Rache für alte Demütigungen zu nehmen, ist der Prager Sache nicht mehr: Das Trauma des durch Sowjettruppen niedergewalzten Prager Frühlings ist Sache der Alten. Die Jüngeren sehen die Russen am Boden liegen - auch wenn sie oft die bestbezahlenden Gäste sind -, sehen das Mütchen am ewigen Freund/Feind gekühlt, sehen den alten Alptraum ausgeträumt, wie panslawistische Zuneigung in brutaler Unterwerfung endete. Nicht einmal im Eishockey ist Russland noch ein wirklicher Gegner, der einst im Sieg Triumphgefühle aufwallen ließ.

Die Prager haben ihre Stadt so schön herausgeputzt, sie glauben sie so gut organisiert zu haben, dass sie darüber diskutieren, ob man sich nicht endlich zum Weltzentrum des Sports eignen würde und für die Olympischen Spiele bewerben solle. Bei den Sommerspielen wird zwar leider nicht Eishockey gespielt, aber weiter als zu einem Olympischen Kongress im Jahre 1925 hat man es hierorts noch nicht gebracht, was die Prager irgendwie ungerecht finden, wie Tschechen prinzipiell der Meinung sind, dass die Geschichte sie stets benachteiligt habe. Außer eben in diesen Tagen. Das mit Olympia hielten also die einen für nichts anderes als eine gerechte Sache. Die anderen aber packt schieres Entsetzen: Ist die touristenbelagerte Stadt nicht jetzt schon zur Metropole von Ramsch & Plunder geworden?

Nur äußerlich natürlich, die Seele aber ist rein. Sie triumphiert angesichts von Regierungen etwa beim Nachbarn Polen mit richtig unappetitlicher rechtsnationalistischer und linksnationalistischer Beteiligung. Historischer Stolz mündet in neuen Stammtisch-Größenwahn: Leben nicht sie, die Tschechen, wieder einmal die einzige Vorbild-Demokratie rundum, wie schon einmal in der Zwischenkriegszeit!? Dass die Prager andererseits Politiker grundsätzlich für eine verachtenswerte Spezies halten, ist eine andere Sache.

Im Hinterkopf denken die Prager daran, dass sie, wenn's wirklich eng wird, wie immer ja aufs Land fliehen könnten. Aber manche Chata (das einfache Gartenhäuschen) oder Chalupa (das schmuck renovierte Bauernhaus), das zumindest sommers früher der geliebte Lebensmittelpunkt der ganzen Sippe gewesen ist, bleibt immer öfter verwaist. Die Prosperität der Stadt hat ihren Preis: Früher begab man sich nach dem sozialistischen Arbeitsalltag wohl ausgeruht aufs Land und in die Gärten, werkelte, sägte, malte, mähte.

Der neue Wohlstand hat als Kehrseite eine gewisse nervöse Überanstrengung der Stadt: Mancher fühlt sich ungewohnt erschöpft, hat keine Lust mehr, jetzt auch noch wie alljährlich auf dem Land den Zaun zu streichen, das Dach zu flicken, die einst lustvollen Rekonstruktionsarbeiten an der ländlichen Fluchtburg vorzunehmen - und bleibt daheim.

Und da die Prager wie das Umland gottlos sind und für sie der heilige Sonntag nie ein Thema war, verlagern sich die Feiertagsaktivitäten in die glitzernden Konsum-Citys rund um die tschechische Metropole, wo man sich vergewissern kann, dass längst die ganze herrliche Welt der Marken und Moden auch das alte Prag geheiligt hat, so wie es schon früher einmal gewesen ist, der Legende nach.

Eigentlich fühlen sich die Prager noch immer irgendwie allein in der Welt, und das gefällt ihnen. Noch immer scheint William Shakespeare der beste Kenner der tschechischen Seele zu sein: er, der im Drama "Ein Wintermärchen" Böhmen ans Meer verlegt hat. Der den Tschechen auch eine Insel zugebilligt hätte, wäre die britische nicht schon besetzt. Denn dass man mit der Welt, deren Bewohner Tag für Tag durch die Gassen des Goldenen Prag traben, doch irgendetwas zu tun haben könnte, so richtig wollen die meisten Prager das bis heute nicht glauben.

Das verkörpert sich akustisch auch im Alltagsgruß "Ahoi!" Der Seemannsgruß als intimes Signal im binnenländischsten aller europäischen Staaten. (Er stammt übrigens aus dem 19. Jahrhundert, als es in der ersten großen Massensportbewegung der Welt Mode wurde, auf den unzähligen Seen und Flüssen Böhmens zu paddeln. Und was ein rechter Schiffer ist, der grüßte mit "Ahoi", was sich speziell in Prag bis heute erhalten hat.)

Die Prager ertragen auch stoisch die Diskrepanz zwischen der ausgepolsterten Intimität ihrer privaten Lebenswelt und der oft billigen Möblierung ihrer schönen Stadt draußen. Ludvík Vaculík, der Schriftsteller und Publizist, der 1968 das "Manifest der 2000 Worte" verfasst hatte, sprach angesichts der sich mehr und mehr blähenden Metropole davon: "Man merkt, wir kommen aus kleinen Verhältnissen." Die Leute, so hört man reden, verlören ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und den Sinn dafür, dass Freiheit nur so viel wert sei, wie sie in Gleichheit eingebettet werde.

Und die romantischen Anwandlungen, für die diese Stadt doch die wunderschönste Kulisse böte? Früher ist es selbstverständlich gewesen, dass sich Liebende im Fliederblütenmeer des Mai zu Füßen des Denkmals von Karel Hynek Mácha am Laurenziberg Schwüre ewiger Treue zuraunten und ein Sträußlein Blumen niederlegten. Heute sind es hauptsächlich die auswärtigen Verliebten, die von diesem schönen Brauch aus der Literatur wissen und sich vor dem zarten Lyriker verstohlen verneigen.

Und ist der düstere Kumpan der Romantik, ist Golem wirklich weggezogen aus dieser Stadt so bunt, so bunt? Im Sinn der Prager lebt er fort, in ihrem Hang und dem der Stadt zur Melancholie.

Autor:
Michael Frank