Prag Die Gemeinde Josefov

Am Samstag isst der Rabbi früher zu Abend. Der längste Schabbat des Jahres ist erst nach 22 Uhr vorbei, und bevor sich die Gemeinde zum Gebet in der "Altneusynagoge" trifft, bittet der Rabbi "zu Tisch" im Gemeinderestaurant. Männer und Frauen sitzen separat, es gibt kalte Gerichte, die man nicht aufwärmen muss, denn zu den vielen Sachen, die ein gläubiger Jude am Schabbat nicht machen darf, gehört auch das Entzünden von Feuer. Es ist ein altes Verbot aus einer Zeit, als noch über offenem Feuer unter freiem Himmel gekocht wurde. Aber es gilt noch immer. Und einen Herd oder Ofen per Knopfdruck zu aktivieren, käme dem Anzünden eines Feuers gleich.

Deswegen darf der Rabbi auch vom Sonnenuntergang am Freitagabend bis zum Sonnenuntergang am Samstagabend nicht rauchen, was ihm nicht leicht fällt, denn er verbraucht sonst zwei bis drei Päckchen am Tag.

Man darf während des Schabbat, der im Sommer wegen der langen Tage nicht aufhören will, auch nicht schreiben, nicht einmal eine Adresse auf eine Papierserviette kritzeln. "Kommen Sie morgen um 12 in meine Wohnung", sagt der Rabbi, und ich memoriere seine Adresse, bis ich wieder auf der Straße bin und das Notizbuch und einen Stift aus der Tasche holen kann. Der Schabbat ist noch nicht vorbei, aber der Allmächtige wird es mir verzeihen und der Rabbi bestimmt auch, denn er kennt sich in der Welt außerhalb der Synagoge aus. Karol Sidon wurde 1942, mitten im Krieg, in Prag geboren. Sein Vater war Jude, seine Mutter Christin, was ihn nach den Regeln der "Halacha", des jüdischen Religionsgesetzes, zu einem Nichtjuden machte, denn nur Kinder jüdischer Mütter gelten als Juden, egal wer der Vater ist. Der Vater, Offizier der k.u.k. Armee im Ersten Weltkrieg, wurde von den Nazis 1944 in die Festung Terezín bei Prag abtransportiert und dort ermordet. Da war Karol gerade zwei Jahre alt.

Nach dem Krieg besuchte er das Gymnasium und studierte an der Prager Filmhochschule Dramaturgie, schrieb Drehbücher, Hörspiele und Romane, bis er mit anderen tschechischen und slowakischen Dissidenten die "Charta 77" unterschrieb. Danach musste er sich andere Arbeiten suchen, "Jobs, die man allein finden konnte", ohne auf das Wohlwollen der Partei angewiesen zu sein. Er schaufelte Gräber auf dem jüdischen Friedhof, arbeitete als Heizer in einem Hotel und verkaufte Zeitungen und Zigaretten in einem Kiosk. Andere Dissidenten wurden Fensterputzer, "und das waren schon bessere Jobs, die nicht jeder bekommen konnte". Zwischendurch wurde er verhaftet, ohne irgendetwas angestellt zu haben, "das war vollkommen normal". Als ihm 1983 die Ausreise angeboten wurde, überlegte er nicht lange und ließ sich in die Bundesrepublik abschieben, wo er politisches Asyl bekam. Und da beschloss der Dissident, Rabbiner zu werden.

Von 1984 bis 1990 studierte er an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg, ging dann für zwei Jahre nach Jerusalem, wo er orthodox ordiniert wurde - und kehrte 1992 nach Prag zurück. Kurz nach dem Ende des Kommunismus glich die jüdische Gemeinde einem Altersheim im Zustand der Auflösung: "Das waren 800 Leute, das Durchschnittsalter lag bei 80 Jahren, es gab noch einen Vorbeter, aber keinen Rabbiner."

Und so wurde Karol Sidon fast automatisch Prager Oberrabbiner und der Landesrabbiner für Tschechien. Heute hat sich die Gemeinde in der Hauptstadt auf 1600 Mitglieder verdoppelt, das Durchschnittsalter liegt bei 55 Jahren, dank den Exilanten, die - oft auch mit ihren Kindern - nach Prag zurückgekommen sind. "Die Freiheit wirkt Wunder!", sagt der Rabbi, hebt die Augen zum Himmel und zündet sich die nächste Zigarette an. In drei Synagogen finden regelmäßig Gottesdienste statt, es gibt neben der orthodoxen auch eine kleine konservative und eine noch kleinere progressive Gemeinde, die keine eigenen Synagogen haben.

Aber was heißt schon "orthodox", wenn gut die Hälfte der Gemeindemitglieder mit Nichtjuden verheiratet ist und ihre Kinder nicht jüdisch erzieht? Schon vor dem Krieg galt die Gemeinde als "assimiliert", damals waren es die Juden freiwillig, heute aus Bequemlichkeit und Mangel an alternativen. Und deswegen hat Rabbi Sidon durchgesetzt, dass auch Kinder nichtjüdischer Mütter und jüdischer Väter in die Gemeinde aufgenommen werden, ohne dass sie konvertieren müssen. Das entspricht zwar nicht ganz der "Halacha", aber auch das Jerusalemer Rabbinat hat die Regelung abgesegnet. Die "Vaterjuden" heißen inoffiziell "Tatínkovci" und tragen wesentlich zum Gemeindeleben bei.

Doch nun hat der Rabbi, der zum dritten Mal verheiratet ist und vier Kinder hat, ein anderes Problem.Viele Tschechen wollen Juden werden. Nicht weil sie einen Ausdruck für ihre Religiosität suchen oder mit jüdischen Partnern leben, sondern "weil es schick ist, Jude zu sein". Die Möchtegernjuden, die Sidon zurückweist, versuchen es dann bei einer Reformgemeinde im Ausland und kommen als Juden nach Prag zurück. "Ich verstehe die Leute nicht, es ist doch keine Schande, ein Nichtjude zu sein."

Freilich: Wie "hip" das Judentum derzeit ist, kann auch Rabbi Sidon sehen, wenn er aus seinem Büro im "Jüdischen Rathaus" auf die Straße tritt. Das ehemalige Jüdische Viertel rund um den alten Friedhof erlebt täglich eine Invasion der Touristen. Für 490 Kronen (rund 17 Euro) kann man fünf Synagogen und den Friedhof besichtigen, entlang der Friedhofsmauer werden Souvenirs mit jüdischen Symbolen angeboten: blecherne Becher mit dem Davidstern, gehäkelte Deckchen mit der Menorah, dem siebenarmigen Leuchter, Kühlschrankmagneten mit dem Aufdruck "Prag" in hebräischen Buchstaben. Es gibt jüdische Puppen und Marionetten, die so aussehen, als kämen sie direkt aus dem Ghetto. Rabbi Sidon sieht es pragmatisch. "Der Tourismus hilft uns sehr", mit den Einnahmen werden der Kindergarten für 25 Kinder, eine Grund- und Oberschule für 180 Schüler, ein Altersheim und eine Tages-Pension für die Senioren finanziert. Und dafür nimmt er in Kauf, dass Touristen in kurzen Hosen und Miniröcken zwischen den Gräbern herumstolpern.

"Hier bin ich Tscheche und Jude"

Von einem funktionierenden jüdischen Leben kann man in einer der ältesten jüdischen Gemeinden Europas kaum sprechen. Es sei denn, man wandelt auf den Spuren der Vergangenheit, wie es Peter Brod täglich tut. "Hier wurde Egon Erwin Kisch geboren, in diesem Haus hat Kafka ,Die Verwandlung' geschrieben, unter diesem Häuserblock hat man einen jüdischen Friedhof aus dem Mittelalter gefunden, hier stand das Haus in der Karpfengasse' von Eugen Höflich alias Ben Gavriel ..." Peter Brod wurde 1951 in Prag geboren. Sein Vater Leo Brod, ein promovierter Jurist, floh 1939 nach England, wo er sich als Buchhalter und Eisenbahninspektor über Wasser hielt, 1946 ging er nach Prag zurück, um in der "Restitutionsabteilung" der Jüdischen Gemeinde zu arbeiten.

Als auch die Gemeinde 1948 kommunistisch gleichgeschaltet wurde, verlor er den Job und musste sich als Hilfsarbeiter und Kranführer durchschlagen, was sich schon deswegen als schwierig erwies, weil Dr. jur. Leo Brod kurzsichtig war. Ende der fünfziger Jahre gab man ihm wieder eine Chance - er wurde als Fremdenführer im Jüdischen Museum eingestellt. In seiner Freizeit schrieb er Artikel über das alte Prag für tschechische und deutsche Kulturmagazine (unter anderem MERIAN Prag, 1961). 1969 zog die Familie Brod nach München, Peter Brod machte hier das Abitur; da zu Hause Deutsch gesprochen wurde, fiel ihm die Umstellung nicht schwer. Er studierte Politik und Geschichte in München, London und Harvard und arbeitete in den tschechischen Redaktionen von BBC in London und Radio Free Europe in München, bevor er 1990 zum ersten Mal als Korrespondent nach Prag ging, wo er bis heute als Journalist arbeitet. "Die Rückkehr nach Prag war kein Traum, der plötzlich wahr wurde, ich war im Westen integriert und wurde dann vom Zerfall des Kommunismus überrascht."

Brod ist, wie sein Vater, Prager aus Überzeugung. Wenn es so etwas wie eine Prager Staatsangehörigkeit geben würde, hätte er sie längst beantragt. "In Deutschland habe ich mich immer als Tscheche und Jude gefühlt, hier bin ich Tscheche und Jude, und das ist kein Gegensatz wie Deutscher und Jude. Es mag in der Welt andere schöne und geschichtsträchtige Städte geben, an Prag kommt keine ran." Und wenn er "Prag" sagt, dann meint er natürlich vor allem jene literarische Landschaft, die Max Brod, der Nachlassverwalter von Franz Kafka, als den "Prager Kreis" beschrieben hat, ein Milieu von Schriftstellern, Kritikern, Dichtern und Luftmenschen, die miteinander befreundet und miteinander verkracht waren und das literarische Leben der Stadt von der Jahrhundertwende bis in die dreißiger Jahre bestimmten. Die meisten waren Juden, die deutsch sprachen und schrieben. Lange bevor der Begriff "multikulturell" erfunden wurde, war er in Prag schon gelebte Wirklichkeit.

Wie seine Vorbilder spricht und schreibt auch der Journalist Peter Brod auf Tschechisch und Deutsch, außerdem hat er Englisch und Russisch gelernt. Jeden Monat fährt er für einige Tage von Prag nach München, um zu sehen, was es in der Osteuropa-Abteilung der Bayerischen Staatsbibliothek an Neuerscheinungen gibt. Dann fährt er wieder heim, in das jüdische Prag, das nur noch in der Literatur weiterlebt.

Wahrscheinlich ist Arnost Lustig einer der letzten seiner Art. 1926 geboren, war er zu jung, um zum Prager Kreis zu gehören, aber er hat noch Max Brod getroffen, in den sechziger Jahren in Tel Aviv. Wir sitzen, wie es sich gehört, im Grand Café Praha am Altstädter Ring, Lustig bestellt zwei Vanillepudding mit Erdbeeren und flirtet heftig mit Jana, der Kellnerin.

Ein vitaler 80-Jähriger, der sich seine Zeit zwischen Washington und Prag teilt. In Washington gibt er Kurse in "creative writing" an der American University, in Prag lebt er.

Lustig hat eine Reihe erfolgreicher Romane geschrieben, die in viele Sprachen übersetzt wurden und alle von seinem Leben und Überleben in Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald erzählen. Dabei wollte er eigentlich über andere Leute schreiben und Journalist werden. Von 1948 bis 1950 berichtete er aus Israel für Radio Prag, schrieb dann Drehbücher für das Filmstudio Prag und machte sich wieder auf den Weg nach Israel, als der Prager Frühling durch den Einmarsch der Sowjets beendet wurde. Aus einer Einladung an die Universität von Iowa, die er 1969 bekam, wurde ein längerer Aufenthalt in den USA. "Wenn es schon nicht Israel sein sollte, dann wenigstens Amerika.

Lustig ist der typische jüdische "Kosmopolit", ein Wanderer, der die Welt gesehen hat. Trotzdem ist er nach Prag heimgekehrt, sein jüdisches Prag. "Ich denke jüdisch, ich schreibe über jüdische Themen, ich bin ein ungläubiger Jude, aber ich bin stolz auf mein jüdisches Erbe." Er ist Mitglied der Gemeinde, will aber mit ihr nichts zu tun haben, sie ist ihm zu orthodox. "Zur Zeit des Kommunismus sind viele aus Protest zum Judentum übergetreten. Und nach der Revolution haben sie dann die Führung übernommen. Sie haben kein Verständnis für die Tradition der tschechischen Juden, die immer liberal waren." Lustig spricht von "Juden ohne jüdische Seelen", von einem "Bürgerkrieg" innerhalb der Gemeinde, lacht über die gelungenen Übertreibungen und bestellt bei Jana einen Grappa.

Draußen, auf dem Altstädter Ring, wird auf einer Großleinwand ein WM-Spiel gezeigt. Lustig, der eine Weile Chefredakteur der tschechischen Ausgabe des Playboy war und allem Irdischen noch immer zugetan ist, hört nicht den Lärm und er sieht nicht die Touristen, die sich auf dem Platz drängeln. Er sieht nur sein Prag, das Prag von Franz Werfel und Franz Kafka, von Max Brod und Egon Erwin Kisch, von Willy Haas und Gustav Meyrink. "Was für eine Stadt", sagt er, "wie Jerusalem, nur mit einem Fluss in der Mitte, und das macht viel aus."