Prag Bier - rund um die Uhr

12 Uhr

Es riecht angenehm nach Gruft. Feucht, modrig. Ordentliche Schwaden kalte Asche und Nikotin stehen im Raum. Und über allem schwebt ein Hauch von Hopfen - herrlich. Es ist 12 Uhr mittags, auf Prag knallt die Sonne nieder, und ich habe einen Auftrag im Innendienst: Bier trinken in einer typischen Prager Kneipe, einer "Pivnice". Und so eine ist das "U Hrocha" ("Zum Nilpferd") in der Thunovská 10 auf der Kleinseite. Schon mittags öffnen sich hier,wie in den meisten Pivnices, die Pforten zum Paradies.

Ich bestelle einen halben Liter Pilsener Urquell (26 Kronen, also rund 90 Cent - juhuu!), meine bevorzugte Droge, und schaue mich um: ein gewölbeartiger Raum, die Wände aus grobem Naturstein, zwei Fenster, die dank blickdichter Schlieren nur wenig Tageslicht passieren lassen (gut so!), vier Uralt-Lämpchen an der Decke, die sich wohl seit Jahrzehnten mühen, ihr funzeliges Licht durch den Kneipendunst zu schicken. Ein sinnloses Unterfangen. Stumpfe schwarze Steinplatten auf dem Fußboden, an den Wänden schlechte Drucke mit Prager Stadtansichten, über der Tür zur Küche ein künstliches Nilpferd. Ein kleiner Ecktresen mit grünen Pilsener-Tischdeckchen (sehr liebevoll gemacht), vier Tische, auf die zwei Kellner in schwarzen Hosen und weißen Hemden gerade Reservierungsschildchen verteilen: 16 Uhr, 17 Uhr, 19 Uhr.

Das erste Bier steht vor mir (irgendwoher kenne ich diesen Kellner), im original Pilsener-Urquell-Glas natürlich, mit blendend weißer Krone. Einem tiefen Schluck folgt noch tieferes Entzücken. Dieses Bier (ja, Dittsche, es perlt) entzieht sich jeder Beschreibung. Deshalb trinke ich es lieber zügig aus: Aaaah, leckerer geht nicht! Und nun kommt das Schönste an den Pivnices: Kaum habe ich das leere Glas abgesetzt, steht, zack, bevor Leere und Depression aufkommen können, der nächste frische halbe Liter vor mir. Ohne zu bestellen, ganz automatisch. Der Kellner (irgendwoher kenne ich den Kerl!) macht einen zweiten Strich auf meinen Deckel und begrüßt vier Arbeiter in grünen Overalls, die es sich am Tresen gemütlich machen und ruckzuck vier Bier und vier Becherovka, einen tschechischen Kräuterschnaps, der wie Hustensaft schmeckt, vor sich stehen haben.

13 Uhr

Ich wanze mich an das Prager Proletariat heran und finde freundliche Aufnahme bei den - wie sich zeigen wird - routinierten Zechern. Aber erst mal wird gegessen. Die meisten Pivnices bieten eine kleine Auswahl meist deftiger tschechischer Köstlichkeiten feil. "Utopenci 200 g 30,- K" steht mit Kreide auf eine Tafel geschrieben. Dahinter verbergen sich eingelegte Würstchen. Ich ordere aber lieber "Pivní sýr obloha", 100 g für 45 Kronen. Das ist Bierkäse, und der passt ja besser in diese Geschichte. Die arbeitende Bevölkerung bekommt unterarmlange Würste mit Senf und pizzagroße Wiener Schnitzel serviert. Aber vorher natürlich noch ein Bier. Und zum Essen natürlich auch eins. Und danach - logo - eins zum Runterspülen.

Ich werde genötigt, Becherovka mit den grünen Overalls zu trinken, und revanchiere mich mit einer Runde Bier und Wodka. Und Mirek, einer der vier, bringt mir was Tolles bei (Reisen bildet!): das Schnapsglas mit dem Wodka vorsichtig ins Bierglas senken und es mit dem Daumen an der Glasinnenwand festklemmen und dann trinken. Bier und Wodka fließen gleichzeitig durch die Kehle und vermengen sich erst im Magen oder in der Leber oder was weiß ich, auf jeden Fall fühlt man sich wie ein menschlicher Cocktailmixer, und das ist ein ganz wunderbarer Zustand, den jeder mal kennenlernen sollte. Irgendwann enden auch die schönsten Freundschaften, und nach einer bloß zweistündigen Mittagspause müssen sich die vier Handwerker wieder den Prager Stromleitungen zuwenden. Natürlich gibt es vom Kellner noch einen Becherovka mit auf den Weg.

Und da, beseelt vom sechsten (oder siebten) Bier, erkenne ich ihn plötzlich: den Kellner. Ich habe ihn schon mal im Kino gesehen, hätte gar nicht gedacht, dass er jetzt in Prag lebt. Wohl inkognito, um sich ganz authentisch auf eine Rolle vorzubereiten. Es ist - ganz unverkennbar jetzt - Gérard Depardieu! Und der Star leugnet auch gar nicht: Ja, er sei schon häufiger als Depardieu enttarnt worden und habe es aufgegeben zu widersprechen. Wenn es den Gästen gefalle, dann sei er eben, bitteschön, Depardieu. Sagt es und deponiert ein frisches Pilsener vor mir.

17 Uhr

Ich trinke mich konzentriert durch Nachmittag und Abend. Familien, Rentner, junge Pärchen, Zeitung lesende Intellektuelle und Prolls in Eishockeytrikots ziehen an mir vorbei. Mit manchen red' ich, mit vielen trink' ich. Irgendwann rückt eine Band ein, und bald dröhnt und singt und schunkelt und schwankt das ganze Nilpferd. Ich schwanke auch.

23 Uhr

Hinaus. Es ist dunkel, die Luft frisch. Ein Mann spricht mich an. Ich erkenne ihn erst nicht, wohl weil er keinen grünen Overall anhat. Es ist Mirek. Okay, noch auf ein Schlückchen. Wir gehen wieder hinein. Auf meinem Platz steht ein frischer halber Liter. Depardieu zwinkert mir zu.

Autor:
Thorsten Kolle