Polen Der Zauber von Kapitän Nemo

Der Held in Jules Vernes Romanen "20000 Meilen unterm Meer" und in "Die geheimnisvolle Insel" war ein Kämpfer für die Freiheit - enttäuscht, melancholisch, und doch auch romantisch. Der Revolutionär, der um die Befreiung seines Landes kämpfte - bei Verne war er ein Aristokrat indischer Abstammung. Er war jedoch auch ein genialer Gelehrter: Nach seiner Niederlage machte er von seiner Erfindung Gebrauch und durchquerte fernab der Menschheit die Ozeane mit seinem U-Boot "Nautilus". Er nannte sich Nemo, Niemand. Ein verbitterter Misanthrop, der sich keine Illusionen mehr über die Menschheit machte, der sich aber doch der Menschen erbarmte und in "Die geheimnisvolle Insel" den Schiffbrüchigen zu Hilfe kam.

Als Kinder haben wir die Bücher von Jules Verne verschlungen, und Kapitän Nemo war, neben diversen Gestalten aus der romantischen polnischen Literatur, unser Lieblingsheld. Viele Menschen in Polen nannten sich während des Krieges so.

Es muss um 1960 gewesen sein, als ich von dem mir damals unbekannten Dichter Stanisaw Czycz einen Brief aus Krakau bekam. Darin berichtete er, dass seine Interessen zur Zeit der deutschen Okkupation - er war damals etwa 15 Jahre alt - hauptsächlich auf dem Gebiet der Technik gelegen hatten. Für Literatur hatte er damals nicht das Geringste übrig gehabt. Er hatte einen gleichgesinnten Freund, den er oft in Krzeszowice besuchte. Dort bauten die beiden gemeinsam auf dem Dachboden aus diversen Einzelteilen ein Motorrad zusammen - für später, für die Zeit nach dem Krieg.

Auf diesem Dachboden lag auch ein alter Koffer, und der zog eines Tages ihre Aufmerksamkeit auf sich. Den Koffer hatte der Vater des Freundes, ein Eisenbahner, einmal in einem leeren Zugabteil in Krakau gefunden - nachdem man die Insassen des Zuges festgenommen und nach Auschwitz abtransportiert hatte.

Czycz und sein Freund öffneten den Koffer. Darin befanden sich ein schwarzer Mantel, ein Zylinder, diverse Zauberutensilien - und ein Plakat, das den Auftritt von Kapitän Nemo ankündigte. Auch eine Papierrolle war dabei, jemand hatte darauf unter dem Titel "Stimmen Armer Menschen" Gedichte geschrieben. Ich fasse zusammen, was Czycz schrieb: "Bislang hatte ich keine Ahnung davon, was Poesie ist. Aber diese Gedichte hatten so eine starke Wirkung auf mich, dass ich selber anfing zu schreiben."

Wenig später war der Krieg zu Ende, und der Literaten-Verband nahm seine Arbeit wieder auf. Ziemlich bald brachte Czycz ein Manuskript mit Gedichten zur Beurteilung. Er hatte seine eigenen Gedichte aber mit den "Stimmen Armer Menschen" vermischt - um ein wenig Effekt zu haschen, wie er sich später zu rechtfertigen versuchte. Man zog ihn zur Rechenschaft und schalt ihn heftig, wobei man ihn fragte, woher er denn diese Gedichte hätte, das seien doch schließlich ein Gedichtzyklus von Miosz, 1943 geschrieben! Czycz hatte jedoch bis dahin diesen Namen noch nie gehört. So war ich dafür verantwortlich, dass Czycz ein Dichter wurde - ob es zu seinem Guten oder zu seinem Schlechten war, wer weiß?

Und Kapitän Nemo? Wer war das eigentlich? Und woher stammte er? Wahrscheinlich aus Warschau, denn nur dort hatten die Kopien der "Stimmen Armer Menschen" kursieren können. Irgendwie scheint das U-Boot nicht so recht zu Zylinder und Mantel eines reisenden Zauberers zu passen. Doch der Verlauf des Schicksals der beiden Gestalten dürfte gleichermaßen schrecklich gewesen sein: Zuerst der Kampf eines romantischen Helden für die Freiheit der Völker, dann seine Enttäuschung und schließlich ein gewaltsamer Tod. Es ist mir nicht gelungen, mehr über den Zauberer Kapitän Nemo in Erfahrung zu bringen oder seine Spur weiter zu verfolgen. So ist es höchstwahrscheinlich, dass er in Auschwitz ums Leben gekommen ist.

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