Peking Olympia in China 2008

Eine Welt, ein Traum. Im Westen lachte man über die Naivität der Chinesen. Doch das Motto der Olympischen Spiele in Peking kam bei den Chinesen gut an, sie wollten der Welt im Sommer 2008 ein guter Gastgeber sein. Sie wollten sie durch die Spiele an ihrem Traum von Wohlstand und Reichtum teilhaben lassen. Sie träumten diesen Traum seit 30 Jahren, seit Beginn der marktwirtschaftlichen Reformpolitik unter Deng Xiaoping im Jahr 1978. Dann war er plötzlich wahr geworden, wie über Nacht ihre Hauptstadt ein neues Gesicht bekommen hatte.

Die Chinesen staunten über die Wunderwerke westlicher Großarchitekten, die heute das Profil der Pekinger Skyline prägen. Sie bewunderten das "Vogelnest" mit seinem wild verzweigten Gewebe aus Stahlträgern. War das avantgardistische Pekinger Olympiastadion nicht gerade der richtige Ort, die anspruchsvollen Westler mit ihren für die meisten Chinesen unverständlichen Kunstgeschmack zu empfangen? So dachte ganz China und freute sich auf die Olympischen Spiele. Doch dann kam alles anders.

Das Olympiajahr 2008 wurde für die Chinesen zum Schicksalsjahr, zum so genannten "bösen Jahr". So nennt man in China Jahre, in denen sich Unglück an Unglück reiht. Jahre, in denen die Chinesen nicht nach großen Erklärungen suchen, sondern sich noch mehr aufs Tägliche konzentrieren, um die unabwendbaren Herausforderungen zu meistern. Ren nennt man dieses fatalistische Erdulden, Aushalten.

1976 war so ein Jahr: Im Frühjahr starb der beliebte Premier Zhou Enlai, im Herbst der Große Vorsitzende Mao Zedong, dazwischen bebte die Erde in der Stadt Tangshan und forderte mehr als 200.000 Menschenleben. 2008 war wieder so ein Jahr. Die schlimmste Schneekatastrophe seit über 50 Jahren verdarb das traditionelle Neujahrsfest im Februar, 50 Millionen Wanderarbeiter kamen nicht nach Hause. Im März folgten die Unruhen in Lhasa, Tibeter prügelten auf Chinesen ein: 19 Tote. Dass die Chinesen zurückschlugen, ist nach der zugänglichen Beweislage eher unwahrscheinlich, aber so behauptet es die tibetische Exilregierung des Dalai Lamas. Sie spricht deshalb von mehr als hundert 100 Toten in Lhasa. Egal, wer recht hat: Es waren die blutigsten Proteste in China seit der Niederschlagung der demokratischen Studentenrevolte im Frühjahr 1989. Wenige Wochen später im Mai dann das schwerste Erdbeben seit 1976: Mehr als 55000 Tote in der Provinz Sichuan.Wie aber sollten die Chinesen nach all diesen Unglücken noch den Olympiatraum bewahren?

Hartnäckig versuchte die Regierung, sich nicht von ihren Ideen abbringen zu lassen. Sie plante den längsten Fackellauf der Olympischen Geschichte - auf den Mount Everest, durch Tibet, auch dann noch, als dort die Unruhen ausbrachen. Erst recht, als im Westen die Kritik aufloderte. Doch nach dem Erdbeben gab sich sogar die Kommunistische Partei vom Schicksal geschlagen, sie ließ den Fackellauf unterbrechen. Die Naturkatastrophe hatte den Olympia-Traum ausgelöscht, die Chinesen wollten nicht mehr an ihre Sportparty denken. Sie sahen nur noch das Entsetzen und Elend.

Natürlich sagten sie die Olympischen Spiele nicht ab. Doch die Spiele hatten für die Chinesen schon vorab ihren Glanz verloren. Sie waren nur noch eine weitere, unabwendbare Herausforderung in einem Schicksalsjahr. Sie verlangten nun einen noch konzentrierteren Einsatz aller Beteiligten - musste man nicht befürchten, dass noch mehr Unheil drohte?

Nicht nur die Ereignisse hatten den Chinesen zugesetzt, auch das Gefühl, in der Welt nicht beliebt zu sein. Am tiefsten trafen die Olympia-Boykottdrohungen des Westens: Man war dem Westen Jahrhunderte hinterhergehinkt. Hatte seine Kolonialmächte ertragen, hatte sich mühsam wieder hochgearbeitet und die Regierenden des Westens das erste Mal in aller Form und mit größtmöglichen Aufwand in die neu erbaute Hauptstadt geladen. Dann sagte die deutsche Bundeskanzlerin ab - sie habe nie geplant, die Spiele zu besuchen, sagte Berlin. Der französische Präsident ließ eine Drohung folgen - nur wenn Peking mit dem Dalai Lama über Tibet verhandle, werde er kommen, sagte Paris.

Der englische Premierminister schlug geradewegs die Einladung zur Olympischen Eröffnungsfeier aus - er werde nur zum Abschluss der Spiele kommen, sagte London. Die Chinesen verstanden die Welt nicht mehr. Sie fühlten sich vom Schicksal ohnehin überfordert. Warum wollte der Westen sie dafür auch noch bestrafen? Was von den Olympischen Spielen in Peking vermutlich die Zeit überdauern wird, ist nicht, was alle erwarteten: das Bild einer neuen, kraftstrotzenden Supermacht, in der Hauptrolle das glitzernde und glänzende Peking. Eher schon plagte die Chinesen vorab ein Schamgefühl über die vielen, teuren Olympiabauten, deren stolzer Anblick so gar nicht mehr zu den Bildern von fünf Millionen Obdachlosen des Erdbebens in ihren Notunterkünften passen wollte.

Was bleibt von Olympia, ist das Gefühl eines verpassten Rendezvous der Weltgeschichte. Die Ahnung, dass sich China und der Westen in diesem verflixten Jahr 2008 von der Geschichte treiben ließen, statt sich zu jenem allen gemeinsamen Friedensfest aufzuraffen, das die Olympischen Spiele eigentlich sein sollten. Tibet, nicht Olympia, war das politische Großthema des Jahres. Ein Thema, das die Chinesen den Druck des Westens spüren ließ.Tibet spaltet die Welt wie Taiwan.Von wegen Anerkennung der Grenzen Chinas und Ein-China-Politik. An Taiwan liefert der Westen Waffen und verspricht militärischen Beistand, um die Eigenständigkeit der Insel zu sichern.

In Tibet unterstützt der Westen Exilregierung und Protestler, die den chinesischen Einfluss in der Himalaya-Region zurückdrängen wollen. Für die Chinesen sind das Angriffe auf das eigene Land und die eigene Souveränität, wie damals in der Kolonialzeit. Jetzt geht der Streit mit dem Westen wieder los, dachten die Chinesen im Olympiajahr.Ausgerechnet in diesem Jahr. Sie konnten den Streit nicht gebrauchen. Also spendeten sich die Chinesen Trost. Mit Medaillen. Rund um die Rettungsarbeiten nach dem Erdbeben und die erhofften sportlichen Erfolge bei den Spielen versuchten sie ihr eigenes, trotziges Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Manche Kritiker im Westen hatten früh gewarnt, die Olympischen Spiele würden nur den chinesischen Nationalismus befördern. Die fühlten sich nun bestätigt.

Doch die Chinesen tickten anders, sie wollten nur das Schicksalsjahr 2008 hinter sich bringen. Sie wünschten sich das nächste Neujahrsfest ohne Schneestürme, dann konnte das Leben weitergehen - auch ohne Olympia. Eine Welt, ein Traum? Schon vergessen. Das nächste Mal wird es ein anderes Motto geben, vielleicht bei einer Fußballweltmeisterschaft 2018 oder 2022 in China. Oder ist es dann zu spät für gemeinsames Feiern, und China und der Westen werden ihr verpasstes Rendezvous bitter bereuen?

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Autor:
Georg Blume