Peking Das Tor des Himmlischen Friedens

Ich liebe das Pekinger Tiananmen", heißt es in einem Kinderlied aus der Zeit der Kulturrevolution. Diese Liebe ist verständlich, war es doch das Tiananmen - das Tor des Himmlischen Friedens - von dessen Empore der große Steuermann Mao am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik ausrief. Hier wurden in den Zeiten der Ming- und Qing-Dynastien die kaiserlichen Proklamationen verlesen und als Rollen herabgelassen: Das 34 Meter hohe Tor symbolisierte die Verbindung von Himmel und Erde. Und wandelte sich zur gigantischen Bühne des kommunistischen China.

Erbaut wurde das Tor um 1420 unter Kaiser Yongle. Zehntausend Jahre, wan sui, möge der Kaiser leben, wünschten ihm seine Untertanen, doch selbst der Himmelssohn musste sich den Naturgesetzen beugen. Als ebenso hinfällig erwies sich die Konstruktion des Tors - 1644 wurde es durch Brandschatzung des Rebellen Li Zicheng verwüstet. Unter der Herrschaft des Qing-Kaisers Shunzhi baute man es innerhalb von sechs Jahren wieder auf und benannte es mit seinem heutigen Namen: Tiananmen.

Die kaiserliche Macht war gefestigt, auch der Kaiserpalast hatte wieder seinen südlichen Eingang. Doch der Name hielt nicht, was er versprach. Denn was in späteren Zeiten an und vor allem vor dem Tor geschah, war absolut kein himmlischer Frieden. Kurz nach dem Boxeraufstand, im Herbst 1900, reiste der deutsche Botschafter Alfons von Mumm als Nachfolger des beim Aufstand getöteten Gesandten Klemens von Ketteler nach Peking. Seiner Fotografierleidenschaft verdanken wir Abbildungen des damaligen Peking. Wenig glanzvoll präsentiert sich auf Mumms Fotos das Tiananmen - als wäre es ein Spiegel der kaiserlichen Macht zu dieser Zeit. Es sollte auch kurze Zeit dauern, bis 1911 die alten Zöpfe der Mandschu-Herrschaft abgeschnitten wurden und China Republik wurde.

Während der Kulturrevolution (1966-76) drohte das baufällige Tor einzustürzen. Gleichwohl hatte es als historische Geburtsstätte der Volksrepublik hohen symbolischen Wert: Es trug das Staatsemblem und das Konterfei des großen Führers. Von hier oben blickt Mao als Superstar auf seine Fans, auf den 40 Hektar großen Platz, den größten öffentlichen der Welt. Ein Einsturz und damit Absturz des Spruchbandes "Lang lebe die Volksrepublik China" wäre ein Gesichtsverlust gewesen. Also wurde unter absolutem Stillschweigen der Neubau beschlossen und das Tor mit einer riesigen Bambusmatte bedeckt. Unter dieser Plane nahm man im Winter 1969/70 das Tor vollständig auseinander und baute Säulen, Dächer, Fundamente originalgetreu nach. Keine Kosten wurden gescheut.

Doch nur ein kleiner Kreis von Menschen wusste, dass hier nicht das originale Tor restauriert wurde. Das erfuhr man erst im Jahr 2000. Wie der Vorgängerbau wurde auch Maos Tor des Himmlischen Friedens Zeuge dramatischer Ereignisse, so 1989 der blutigen Niederschlagung der Studentendemonstrationen. 2008 begann der olympische Fackellauf zu Füßen des Tiananmen. Noch immer ist es das "Tor der Nation", befindet sich China im Umbruch. Ob neue Zeiten ein neues Tor brauchen, wird sich zeigen.