Peking Chinesische Leidenschaft für Steine

Die Pekinger gehen gern rückwärts, tanzen Tango auf der Straße und umarmen im Schlafanzug Bäume. Nicht genug: Steine haben bei ihnen einen Stein im Brett. Auch Huizongs Ende konnte der Steinbegeisterung der Chinesen nichts anhaben. Der berühmteste chinesische Roman aller Zeiten ist wohl "Der Traum der Roten Kammer", der im 18. Jahrhundert geschrieben wurde. Mit alternativem Titel heißt das Buch "Bericht eines Steins". Es beginnt im Himmel, wo ein empfindsamer Stein darum bittet, auf die Erde zurückkehren zu dürfen. Der Wunsch wird ihm gewährt, und er reinkarniert als die Hauptfigur des Romans, Jia Baoyu.

In der europäischen Literatur hat der Stein eine solch herausragende Rolle nie gespielt. Hier kommen Steine allenfalls als steinerne Herzen vor, und das ist nur eine Metapher. Die Chinesen aber brauchen Steine sehr konkret. Auf den Schreibtischen der Intellektuellen stehen traditionell so genannte Gelehrtensteine, möglichst bizarr geformte Teile, von denen die namhaftesten aus bestimmten Steinbrüchen der südchinesischen Provinz Anhui stammen. Die Felsen, die in Parks und Gärten platziert werden, sind hingegen meist aus weißem, ausgewaschenem Kalkstein und sehen so löchrig aus wie Schweizer Käse. Das liegt daran, dass sie fast alle vom Grund des Taihu stammen.

Der große See in der Nähe von Shanghai ist der Hauptgartensteinlieferant in China. Damit die Chinesen auch im Urlaub nicht auf ihre geliebten Steine verzichten müssen, hat man vielfach direkt neben den großen Sehenswürdigkeiten des Landes Steinmuseen errichtet. So steht ein "Fantastic Stone Museum" neben dem berühmten Gelber-Kranich-Turm in Wuhan und ein "Bizarre Stone Museum" im Park rund um das Kanalbauwunderwerk in Dujiangyan. Wohlgemerkt: Diese Museen sind keine geologischen Museen, wo man sich wissenschaftlich mit Steinen beschäftigt. Hier legt man eher Wert darauf, dass die Steine seltsam und interessant aussehen. Besonders beliebt sind Gesteinsbrocken, die Ähnlichkeit mit menschlichen Gesichtern haben, Einschließungen, die sich als Schriftzeichen lesen oder entfernt an einen Buddha oder Bodhisattva erinnern. Meist sind den Steinmuseen Verkaufshallen angegliedert, wo Steinfreunde die weniger spektakulären Steine kaufen können.

In Peking werden In- und Outdoor-Steine allerdings in großen Gartencentern und Einrichtungsmalls in den Vorstädten angeboten. Falls Sie kaufen wollen: Vor der "Easy Home"-Mall an der südlichen dritten Ringstraße steht beispielsweise eine ganze Batterie unterschiedlichster Gartensteine. Der Preis ist Verhandlungssache, doch man sollte schon ein bisschen Geld mitbringen. Als Einstiegspreis für einen rund zwei Meter hohen, vom Wasser zerfressenen Taihu-Stein verlangte ein lachender Steinhändler neulich von mir rund 5800 Euro, was ungefähr dem Jahresgehalt eines mittleren Angestellten entspricht. Dabei hatte der Mann noch nicht einmal solche Imponiersteine im Angebot, wie sie in meiner Nachbarschaft stehen. Diese Monsterbrocken scheinen einen neuen Steintrend zu repräsentieren. Sie sind nicht mehr aus Kalkstein, sondern - wenn ich das als Steinlaie richtig beurteile E aus knallhartem Granit.

Mag sein, dass diesem Stein die Zukunft gehört. Überhaupt stellt sich die Frage, was passiert, wenn die Wirtschaft weiter so wächst wie bisher. Ich denke, dass auf jeden Fall weltweit die Nachfrage nach Steinen steigen wird. Zwar hat China einen nicht unbeträchtlichen Vorrat im eigenen Land; man denke bloß an das Steindorado Himalaja. Trotzdem sind bereits viele beliebte Steinsorten knapp und Lingbi-, als Gelehrtensteine geschätzt, praktisch gar nicht mehr zu haben. Das heißt, in absehbarer Zeit werden weltweit die Steinpreise in dem Maße steigen, wie sie bereits für Stahl, Öl, ja sogar für Milch gestiegen sind.Wer also den Spekulationszug verpasst hat, investiert am besten in Stein. Ich für meinen Teil bin jedenfalls gerade dabei, mir einen mittelständischen Steinbruch im Fränkischen zuzulegen. Ich hoffe, so schließlich doch noch steinreich zu werden.

Autor:
Christian Y. Schmidt