Peking Stille Tage an der chinesischen Mauer

Die "Commune by the Great Wall" ist der Inbegriff des neuen Luxus - eine private Kollektion kühner Bauten als Hotelkomplex inmitten grüner Weite. Nie war China moderner. Vor allem sind sie, wie sich bald herausstellte, unpraktisch. Die Architekten hatten nicht die unerbittliche Sommersonne und die beißenden Winterwinde des chinesischen Nordens bedacht, die Bambus, Holz und Stein angreifen. Die meisten Villen, 300 bis 700 Quadratmeter groß, haben weder angemessene Heizungen noch ausreichend Bäder, Toiletten, Rückzugsräume. Das Ehepaar änderte sein Konzept - und expandierte ins Nachbartal. Es ergänzte das Ensemble von Privatvillen durch eine weitläufige Hotelanlage.

Im Jahr 2005 übertrug man das Management der Kempinski-Hotel-Gruppe. Die neuen Häuser erinnern an den Stil der ursprünglichen Kommune-Villen, sind aber mit allen Annehmlichkeiten, mit Luxusbädern,TV- und Internetanschlüssen ausgestattet. Ihre Inneneinrichtungen stammen von Designern wie Philippe Starck und Kaname Okajima. Sie variieren von kühlen skandinavischen Linien bis zur japanischen Tatami-Ware. Aus den ursprünglichen Villen wurden "Präsidentensuiten" mit Butlerservice und eigenen Spas.

Weiße Hotelwagen transportieren die Gäste zu ihren Häusern, die bis zu 2,5 Kilometer weit von der Rezeption im Clubhaus entfernt liegen. Ganz am Ende, hinter einem hohen Tor, bewachen Schäferhunde das private Chalet der Eigentümer Zhang und Pan. Für den französischen Generalmanager Wencker, der die "Kommune an der Großen Mauer Kempinski" leitet, ist das Projekt die "bislang größte Herausforderung" seiner Hotelkarriere, die ihn in in die Karibik, nach London, New York und Hamburg bis nach China geführt hat. Aus der Bibliothek des Klubhauses, deren Wände mit Pfauenfedern tapeziert sind, blickt der 39-Jährige über sein Reich: Nicht nur im Sommer ist das Hotel gefragt, sondern auch im tiefsten Januar, wenn die Große Mauer über der frischen Schneedecke wie der Tuschestrich in klassischen Landschaftszeichnungen erscheint, reisen Gäste aus China und dem Ausland an.

Eine Kommune, die noch dazu einen roten Stern im Logo hat, das Symbol des revolutionären China - und ein Luxushotel. Kommt da etwas zusammen, was nicht zusammengehört? Der rote Stern sei ironisch, so Hotelmanager Wencker. Der Name "Kommune" bedeute nichts anderes, als dass "wir uns nun alle die Landschaft teilen". Alle wohl nicht. Wer hier wohnt, braucht sich nicht durch die Touristenmasse an den offiziellen Zugängen zur Großen Mauer zu drängen. Ein steiler Pfad beginnt versteckt hinter der roten "Cantilever-Villa" des Architekten Antonio Ochoa, von dort braucht es nur wenige Minuten, bis man plötzlich auf der Mauer steht.

Hier und so nah dem Touristenstück von Badaling ist die Mauer bereits "wild", ein bröckelnden Ruinenpfad. Wunderbar: Hier gibt es keine Andenkenbuden, keine organisierten Feste, keine pseudohistorischen Wachtürme, kein chinesisches Neuschwanstein. Nur grüne Stille. Tief unten liegt das Tal. Unendlich lang könnte man von hier auf der Mauer laufen, dem Auf und Ab der von grünem Buschwerk bewachsenen Hügelkämme folgend, allein mit sich, der Natur und einer Ahnung von den erstaunlichen Wendungen der chinesischen Geschichte.

Chinas Symbol für Stärke, Prestige ist auch das Zeichen militärischer Schwäche und politischer Ohnmacht. Durch die Bäume neben dem Wall schimmern die Kommune-Villen. Die Straße patrouillieren Sicherheitsleute in dunkler Hoteluniform entlang. Eine Gruppe von Bauern spaziert den Hang hinauf. Sie ähneln frappierend der Bürgermeister- Skulptur vor dem Clubhaus. Ihre schlichten Katen, ohne Strom und fließend Wasser, mussten dem großen Architekturprojekt weichen, sie selbst in ein anderes Dorf umziehen. Nur drei der alten Hütten blieben stehen - zur Erinnerung an jene Zeiten, als es an der Großen Mauer noch eine echte Kommune gab.

Autor:
Jutta Lietsch