Peking Stararchitekten aus China

Wer Stephan Rewolle besucht, der muss dieses Thema nicht ansprechen. Rewolle, Leiter des Büros von Gerkan, Marg und Partner (gmp) in Peking, sagt: "Das ist eine Stadt der Brüche, eine Stadt der Wucherungen, die das moderne China auch mit sich bringt." Keine Liebe auf den ersten Blick. Keine Stadt, die einen umgarnt. Peking ist rauh, ruppig, bisweilen schockierend in seiner uniformierten Ödnis.

Für gmp war sie dennoch ein gutes Pflaster, seit das Büro 1998 erstmals an einer Ausschreibung teilnahm. Mehrere Verwaltungsgebäude, Schulen, Wohnhäuser sind danach entstanden, darunter auch der CYTS Tower, wo sich die Büros von gmp befinden. Rewolle sagt: "Im Großen und Ganzen hatten wir Glück, oft konnten wir die Bauherren von unserer Philosophie klarer, einfacher, funktionaler Lösungen überzeugen."

Und so war es keine Überraschung, dass sich die Deutschen im Werben um den Umbau des Nationalmuseums am Tian'anmen-Platz durchsetzten. Der siegreiche Entwurf sah vor, die historische Fassade zu erhalten, dahinter würde sich auf ebener Erde eine gewaltige Halle auftun, quasi als Erweiterung des Platzes am Tor des Himmlischen Friedens. Ausstellungen sollten in Unter- und Obergeschoss untergebracht werden. Doch nach der hitzigen Debatte um die architektonischen Importe wurden die zuständigen Funktionäre ausgetauscht. Plötzlich kam die Order: Zurück an den Zeichentisch. Der Hauptvorwurf der zuständigen Kommission lautete, der Entwurf sei nicht chinesisch genug. Was chinesisch sein soll, sagt Professor Zhou, sei schwer zu beantworten.

Die Pagode als Zierde auf dem Dach des Westbahnhofs jedenfalls könne nicht gemeint sein - chinesische Elemente verkommen inzwischen häufig zu Kitsch oder forcierten Schnörkeleien. "Ich frage mich, was wir damit erreichen wollen", so Zhou, "was bleibt von uns noch übrig, wenn wir alle Spiele gewonnen haben: das Spiel um das höchste Bruttosozialprodukt, das Spiel um das größte Wirtschaftswachstum und das um die modernste Architektur der Welt?" "Wenn eine Stadt ihre alten Bauten abreißen lässt, wird sie dadurch nicht zu einer modernen Metropole, sondern zu einer Stadt der Neureichen", so formulierte es der Stadtplaner Liang Sicheng einstmals. Er hatte in den 1950er Jahren versucht, die alte Stadt vor dem Abriss zu schützen. Es sollte ihm nicht gelingen.

Autor:
Gerhard Waldherr