Lexikon Palästina

Der Name Palästina stammt aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.; er war bis ins 19. Jahrhundert im Wesentlichen nur in der christlichen Literatur gebräuchlich. Palästina war bis 1922 nie eine politische Einheit und hatte daher auch keine eindeutigen Grenzen. Die Palästinensischen Autonomiegebiete bestehen aus Teilen des Westjordanlandes und dem Gaza-Streifen. Sitz der Selbstverwaltungsorgane ist Ramallah.

Klima:

Es herrscht Mittelmeerklima mit winterlichen Niederschlägen, die im Gebirge auch als Schnee fallen können. Mit zunehmender Trockenheit gehen die Landschaften nach Osten und Süden in Halbwüste und Wüste über.

Geschichte:

Palästina im Altertum und im Mittelalter:

Palästina ist seit der Altsteinzeit besiedelt (Höhlen am Karmel). Die Jäger-, Sammler- u. Fischerkultur des Natufien (8.-6. Jahrtausend v. Chr.) vollzog möglicherweise den Übergang zum Pflanzenbau. Im 7. Jahrtausend v. Chr. hatte Jericho bereits städtischen Charakter mit Befestigungsanlagen. Seit Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. bestanden in Palästina zahlreiche Stadtstaaten, die von semitischen Einwanderern und einer älteren nichtsemitischen Bevölkerung bewohnt waren. Zwischen 2000 und 1550 v. Chr. lag die höchste Blüte kanaanitischer Stadtkultur. Während des 2. Jahrtausends v. Chr. geriet Palästina in den Einflussbereich benachbarter Mächte, unter anderem der Hethiter und der Ägypter.

Zwischen dem 14. und 12. Jahrhundert v. Chr. wanderten die Israeliten (Juden) in das Landesinnere und die Philister in den Küstenstreifen ein. Im 10. Jahrhundert konstituierte sich das israelitische Königtum, das 926 v. Chr. in die Teilstaaten Israel und Juda zerfiel. 721 v. Chr. wurde Israel von den Assyrern, 597 v. Chr. Juda von den Babyloniern erobert.

In den folgenden Jahrhunderten wechselte Palästina mehrmals die Oberherrschaft. Im Jahre 63 v. Chr. wurde es römisch. Nach der Niederwerfung des letzten großen jüdischen Aufstandes (Bar Kochba, 135 n. Chr.) benannten die Römer ihre Provinz Judäa in Palästina um. Nach der Teilung des Römischen Reiches gehörte Palästina zum Byzantinischen Reich.

636 eroberten die islamischen Araber das Land. 1099 gründeten die Kreuzfahrer das Königreich Jerusalem; es wurde 1187 von Saladin vernichtet. Seit 1291 gehörte Palästina zu Ägypten.

Die Entwicklung in der Neuzeit bis zum Sechstagekrieg 1967:

Seit 1517 war Palästina Teil des Osmanischen Reiches. Außer der überwiegend arabisch-islamischen Bevölkerung hatte das Land stets auch eine Anzahl jüdischer Bewohner.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann die organisierte Einwanderung von Juden nach Palästina, die mit dem Aufkommen des politischen Zionismus einen großen Umfang annahm. Im Ersten Weltkrieg eroberte Großbritannien das Land. Es versprach 1917 in der Balfour-Deklaration den Juden Unterstützung bei der Errichtung einer "nationalen Heimstätte" in Palästina und machte gleichzeitig den Arabern Hoffnung auf die Einbeziehung Palästinas in ein unabhängiges arabisches Staatswesen.

1922 wurde Palästina britisches Völkerbundsmandat; zum Mandatsgebiet gehörten zunächst auch östlich des Jordan gelegene Territorien. Diese wurden 1923 als Emirat Transjordanien (Jordanien) abgetrennt, das zwar formal Bestandteil des Mandats blieb, jedoch zunehmende Autonomie erhielt. Die Balfour-Deklaration galt nur noch für den westlich des Jordan gelegenen Landesteil, und es bürgerte sich ein, den Namen Palästina auf dieses Gebiet zu beschränken.

Der arabische Widerstand gegen die jüdische Einwanderung trug zum Erwachen eines eigenen Nationalbewusstseins der palästinensischen Araber bei. Die Gegensätze zwischen Juden und Arabern erwiesen sich als unüberwindlich. Ein britischer Plan ("Weißbuch") von 1939 zur Errichtung eines "binationalen" Staates binnen zehn Jahren entsprach weitgehend den arabischen Wünschen, da er eine rigorose Beschränkung der jüdischen Einwanderung vorsah. Die britische Mandatsmacht überließ die weitere Behandlung des Problems den Uno. Die Vollversammlung der Uno beschloss 1947 die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Die Juden akzeptierten den Teilungsplan, die Araber lehnten ihn ab. Aus dieser Situation erwuchs der bis heute ungelöste Nahost-Konflikt.

Nach dem Abzug der britischen Truppen 1948 proklamierten die Juden den Staat Israel. Im darauf folgenden Ersten arabisch-israelischen Krieg konnte Israel sein Staatsgebiet über die im Teilungsplan vorgesehenen Grenzen hinaus erweitern; beim Waffenstillstand 1949 umfasste es etwa drei Viertel der Fläche Palästinas. Jordanien annektierte 1949 gegen den Einspruch der anderen arabischen Staaten das sogenannte Westjordanland (auch: West Bank; Cisjordanien; Juda und Samaria) mit der Altstadt von Jerusalem. Ägypten besetzte den Gaza-Streifen, annektierte ihn aber nicht.

Im "Sechstagekrieg" 1967 besetzte Israel das Westjordanland und den Gazastreifen und stellte sie unter Militärverwaltung. Damit befand sich das ganze ehemalige Mandatsgebiet Palästina in den Grenzen von 1923 unter israelischer Herrschaft.

Der Weg zur palästinensischen Autonomie

Das weitere Vorgehen in den besetzten Gebieten blieb in Israel umstritten. Die 1977 bis 1984 amtierende Regierungskoalition arbeitete auf eine faktische Annexion hin, während ihre Kritiker für Räumung der Gebiete und Autonomie ihrer Bewohner unter Wahrung der israelischen Sicherheitsinteressen eintraten. Die PLO , die sich als Vertreterin der Palästinenser versteht, verkündete in ihrem Programm von 1968 als Ziel die "Befreiung" ganz Palästinas. Seit 1987 entwickelte sich eine Aufstandsbewegung (Intifada), die zunehmend unter islamisch-fundamentalistischen Einfluss geriet. 1988 proklamierte sie einen in seinen Grenzen nicht definierten Staat Palästina, der allerdings bei den Uno keine Anerkennung fand.

Neue Impulse für eine Lösung des Palästinaproblems brachten die Madrider Nahostfriedenskonferenz von 1991 und Geheimverhandlungen zwischen Israel und der PLO in Oslo 1993. Daraus resultierte eine am 13. 9. in Washington unterzeichnete Prinzipienvereinbarung über eine palästinensische Teilautonomie als ersten Schritt zu einer Friedenslösung (Gaza-Jericho-Abkommen). 1994 wurden palästinensische Selbstverwaltungsorgane in Jericho und im Gaza-Streifen errichtet, ab 1995 in weiteren Städten.

Die Schaffung einer Palästinensischen National- bzw. Autonomiebehörde diente zunächst dazu, der palästinensischen Bevölkerung auf dem Weg in die geplante Autonomie einen Regierungs- und Verwaltungsapparat zur Seite zu stellen. Der Behörde wurden zunächst die Bereiche Erziehung, Kultur, Gesundheit, Sozialwesen, Tourismus, Steuern sowie Sicherheitsbelange für den palästinensischen Bevölkerungsteil unterstellt. 1995 kamen weitere Ressorts, darunter für wirtschaftliche Angelegenheiten, hinzu. Der Nationalbehörde wurde zudem eine eigene Polizei zugeordnet.

1996 fanden im Westjordanland und im Gaza-Streifen Wahlen zum Palästinensischen Legislativrat statt, dessen 88 Mitglieder mehrheitlich von Arafats Bewegung al-Fatah gestellt wurden. Arafat selbst wurde mit großer Mehrheit zum Präsidenten der Palästinensischen Nationalbehörde gewählt.

Trotz weiterer vertraglicher Vereinbarungen (Wye-River-Memorandum von 1998, Sharm-Ash-Shaykh-Memorandum 1999) konnte ein Rahmenabkommen über den endgültigen Status Palästinas bis September 2000 nicht geschlossen werden. Der palästinensische Rat beschloss daher, die ursprünglich für den 13. September 2000 vorgesehene Proklamation eines unabhängigen Staates zu verschieben.

Zweite Intifada und Erstarken der Hamas (seit 2000)

Ende September 2000 brachen in den palästinensischen Gebieten gewalttätige Auseinandersetzungen aus, die sich zu einer zweiten Intifada ausweiteten. In der Folgezeit verschärfte sich die Situation. Selbstmordattentate palästinensischer Terroristen sowie massive Vergeltungsschläge der israelischen Armee gegen Ziele in den Autonomiegebieten verhinderten trotz internationaler Vermittlungsbemühungen eine politische Lösung des Konflikts.

Durch die Errichtung eines Grenzbefestigungszaunes vollzog die israelische Regierung, die Arafat nicht mehr als Gesprächspartner akzeptierte, seit 2002 faktisch eine vollständige Abtrennung des Westjordanlandes. Die Schaffung des Postens eines palästinensischen Ministerpräsidenten 2003 bedeutete einen Machtverlust für Arafat. Nach Arafats Tod wurde 2005 Mahmud Abbas zum Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde gewählt. Im gleichen Jahr vollzog Israel den Abzug aus dem Gaza-Seifen.

Die Wahlen zum Palästinensischen Legislativrat im Januar 2006 gewann die Liste der radikal-islamischen Hamas mit absoluter Mehrheit und überflügelte damit die regierende al-Fatah. Ein Kabinett der nationalen Einheit aus Hamas und al-Fatah kam zunächst nicht zustande. Die Hamas bildete unter Führung von Ismail Hanija eine Alleinregierung, die sich weigerte, den Staat Israel anzuerkennen.

Die israelische Regierung, die USA und die EU setzten ihre Finanzhilfe für die Palästinensischen Autonomiegebiete aus. Dadurch wurde die ohnehin schlechte wirtschaftliche Situation dort weiter verschärft. In der Folgezeit stritten die moderateren Kräfte unter Führung des Palästinenserpräsidenten Abbas und die Hamas-Regierung über einen angemessenen innen- und außenpolitischen Kurs. Zwischen Fatah- und Hamas-Milizen kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. Nach der Entführung israelischer Soldaten im Juni 2006 marschierte die israelische Armee wieder in den Gaza-Streifen ein. Intensive Bemühungen um eine Beilegung des innerpalästinensischen Machtkampfes zwischen Hamas und al-Fatah führten schließlich 2007 unter Vermittlung Saudi-Arabiens zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit mit Hanija an der Spitze. Nach neuerlichen Kämpfen zwischen Hamas- und Fatah-Milizen, die zur Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen führten, ernannte Präsident Abbas im Juni 2007 eine Notstandsregierung unter Führung von Salam Fajjad.


Dieser Text ist dem Angebot entnommen.
(C) Wissenmedia GmbH