Ostsee Urlaub auf dem Darß mit Kindern

"Piratenattacke!" "Jaaaaaa!" Mit gezücktem Schwert und Pistole stürmen die Piraten über feinen, weißen Sand. Hinter ihnen rollen leise die Wellen an Land. Fluch der Kari ..., ach nein: des Darß, Teil 1. In den Hauptrollen: mein Sohn Nepomuk und sein bester Freund Willem, beide fünf Jahre alt. "Ein Schatz!" "Juhu! Oh, schau mal: Gummibärchen und ein Piraten-Tattoo!"

Jede Schatzsuche hat eine Vorgeschichte, gerne einen Fluch, und der lautet eine knappe Stunde zuvor aus den Mündern der beiden Piraten etwa so: "Nee, das ist doof." "Och Mann, das ist viiiiel zu weit." Das Gemaule ist groß und der Weststrand, an den wir Erwachsene wollen, etwa sieben Kilometer vom Fahrradverleih in Prerow entfernt. Vom Fernsehsender Arte wurde er zu einem der zwanzig schönsten Strände der Welt gewählt, aber mit Schönheit kann man Fünfjährigen ja leider nicht kommen. "Hm", brummt mein Mann und schaut mich und unsere Freundin Brita an. Abbrechen?, fragt sein Blick. Rumschimpfen?, überlege ich. "Ich geh mal kurz einkaufen", sagt Brita. Kurz darauf kommt sie mit einer vollen Tüte aus dem Supermarkt: Einweggrill, Bratwürstchen, Ketchup, eine Schatztruhe aus Pappe, Gummibärchen, Piraten-Tattoos. "Wusstet ihr", fragt sie die Jungs, "dass sich hier auf dem Darß früher besonders gerne Piraten versteckt haben? Und gerade eben im Supermarkt habe ich gehört, dass sie am Weststrand sogar einen Schatz versteckt haben..." "Boahhh!" und "da wollen  wir hin", brüllen unsere Söhne im Chor.

Zum Glück ist der Darß tatsächlich Piratenland – das ist keine Erfindung verzweifelter Eltern oder findiger Tourismusvermarkter. Nichts hat die Halbinsel neben Meer und Wind so sehr geprägt wie die Piraten. Tatsächlich sind sie einer der Gründe, warum die einstigen Inseln Fischland und Darß überhaupt erst zu einer Halbinsel miteinander und mit dem Festland zusammengewachsen sind.

Die Radfahrt durch den moosgrünen Darßwald aus Kiefern, Stieleichen, Rotbuchen und Erlen zum Weststrand ist kaum lang genug, um die Geschichte vom Darß und seinen Piraten zu erzählen; die Kurzfassung geht etwa so: Ende des 14. Jahrhunderts kämpfen die Magdeburger und die Dänen um die Vorherrschaft im Ostseeraum. Um sich gegenseitig Knüppel zwischen die Beine zu werfen, öffnen sie eine Pandorabüchse mit Totenkopfmotiv: Zwar soll es erste Kaperbriefe bereits im 13. und vielleicht sogar im 12. Jahrhundert geben, nun aber verteilen die dänische Königin Margarethe I. und der mecklenburgische Herzog Albrecht III. sie allzu großzügig. Mit ihrem Siegel genehmigen sie Piratenüberfälle auf die Handelsschiffe des Gegners und gewähren den Freibeutern Schutz in den eigenen Häfen. Erst sind es regimetreue Adlige, die ihre Segel zur Kaperfahrt setzen; um sich selbst zu bereichern, ja, vor allem aber, um den Gegner ihres eigenen Herrschers wirtschaftlich zu schwächen.

Bäume auf dem Darß
Brita Soennichsen
Vom Winde verweht: Bäume auf dem Darß
Es ist die Blütezeit des Hansebundes, gerade Städte mit direktem Zugang zur Ostsee wie Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald oder Anklam leben vom Seehandel. Die Überfälle auf ihre Schiffe, die Klippfisch von den Shetlandinseln, Stockfisch aus Norwegen oder Getreide und Pelze aus Russland über das Meer bringen, treffen die deutschen Küstenstädte schwer. Bald gesellen sich auch noch geflohene Leibeigene zu den Freibeutern, Arme, Ausgestoßene. Den berühmtesten Piraten, den das Machtgerangel auf der Ostsee hervorbringt, kennen unsere Söhne nur zu gut. Bei uns zu Hause in Hamburg, wo er 1401 geköpft worden sein soll, wird das, was sein Schädel sein könnte, im Museum ausgestellt. "Klaus Störtebeker", nuscheln Nepomuk und Willem begeistert, die Backen voller Gummibärchen aus ihrem gefundenen Schatz. Ihre beiden kleinen Geschwister buddeln fröhlich Finger und Zehen in den karibikartigen Pulversand, über ihnen neigen sich die krummen, dürren Küstenbäume von der Ostsee fort; Windflüchter werden sie ob ihrer Neigung genannt.

Genau. Klaus Störtebeker. Oder auch Klaas, Nikolaus, Nicolao, vielleicht sogar Johann? Vielleicht auch mit Nachnamen Storzenbecher? Gut möglich, dass er aus dem mecklenburgischen Wismar kommt, andere Quellen reden von Danzig, vielleicht war er ein Knecht, vielleicht auch ein Kaufmann. Auf jeden Fall macht er in den 1390er Jahren mit einem Kaperbrief des mecklenburgischen Herzogs erst die Ostsee, später dann die Nordsee unsicher. Störtebeker und die anderen "Likedeeler", Gleichteiler, händigen sich untereinander genau gleich große Anteile der Beute aus. Ihre Rückzugsorte sind die Buchten, Fjorde, Bodden, Priele zwischen Hiddensee und Rügen – und den drei Inseln Fischland, Darß und Zingst.

Kinder am Strand auf dem Darß
Brita Soennichsen
Piratenattacke ...
"Wir wollen auch auf Kaperfahrt gehen", fordern Nepomuk und Willem, als ihre Schatztruhe leer gefuttert ist. "Kein Problem", antworte ich. "Morgen nach dem Frühstück stechen wir in See." Das Frühstück gibt’s in den Dünen direkt vor unseren beiden beheizten Miet-Wohnwagen im Prerower "Regenbogencamp": Als einziger Campingplatz an der gesamten Ostseeküste, auf dem offiziell in den Dünen gezeltet werden darf, ist er das ideale Piratenlager. Danach fahren wir in die Bucht, auf Niederdeutsch "Wieck", wo unser Schiff bereitliegt zur Kaperfahrt über den Bodstedter Bodden. Vorbei an den gedrungenen Reetdachhäusern in der Bauernreihe laufen wir durch das Boddendorf Wieck zum Hafen.

Braunrot blähen sich die Segel unseres Zeesbootes im Wind, als die "Lütt Hanning" ablegt. "Na", brummelt Kapitän Reinhold Drüding, kantiges Kinn, weiße Schläfen, ostseewindgegerbtes Gesicht. "Wollt ihr Jungs mitsteuern?" "Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein", singen unsere glattwangigen Söhne, die Hand am Ruder. Vor uns liegt der glatte Bodden im mattmilchigen Wolkengrau, am Horizont flaches Land und dichtes Schilfgras, Kraniche fliegen in der Ferne vorbei. Sie finden hier noch heute zu Tausenden auf ihrem Weg nach Süden (im Herbst) oder Norden (im Frühjahr), was im 14. Jahrhundert auch Klaus Störtebeker und seine Kumpane in den Boddenbuchten zwischen Inseln und Festland suchen: Rast. Ruhe.

Auch die Piraten verstecken sich gerne hier, wenn die See unruhig ist, die Boote lecken, die Salzheringe aufgebraucht sind oder die Verfolger zu dicht auf den Fersen. Denn nachdem die Freibeuter jahrelang mit Kaperbriefen ausgestattet wurden, hat der Hansebund nach dem Frieden von 1395 zwischen Dänemark und Mecklenburg genug von den ständigen Überfällen. Zusammen mit dem Deutschen Orden, der zunehmend die östliche Ostseeküste beherrscht, schickt die Hanse eine Flotte aus, um die Piraten aus der Ostsee zu vertreiben. Die Hansestädte Rostock und Stralsund versenken in den Meeresarmen zwischen dem Festland und dem Fischland und zwischen dem Fischland und dem Darß mehrere Schiffe, auch um den Piraten den Fluchtweg aus einem ihrer Lieblingsverstecke abzuschneiden.

Beste Aussichten vom Leuchtturm
Brita Soennichsen
Beste Aussichten vom Leuchtturm
Erst nach einer besonders schweren Sturmflut im Jahr 1872 wird auch die Lücke zwischen dem Darß und Zingst vollends mit einem Deich geschlossen. Mit der Zeit versanden die Stellen, aus den drei Inseln entsteht die heutige Halbinsel: in der Form eines Piratenhakens. Im April 1401 werden Klaus Störtebeker und seine Mannschaft vor Helgoland gefasst; im Oktober wird er in Hamburg geköpft. Der Legende nach verspricht ihm der Bürgermeister, dass die Männer verschont würden, an denen Störtebeker nach seiner Enthauptung noch vorbeilaufen kann. "Und", flüstert Nepomuk mit Gänsehaut auf der Stimme, "hat er es geschafft?" Hier, auf dem seichten Bodden, klingt das Piratenspektakel noch gruseliger. "Bis zum elften seiner 72 Gefährten ist er gekommen", antworte ich. "Dann hat ihm der Henker den Richtblock vor die Füße geworfen." Dass der Bürgermeister sein Wort nicht hält und auch die elf Männer enthauptet, an denen Störtebeker noch kopflos  vorbeimarschieren konnte, verschweige ich.

Die Landschaft ist reich an Seeräuberkulissen, die Nachbarinsel Rügen nutzt das für ihre  allsommerlichen Störtebeker Festspiele auf der Naturbühne Ralswiek. Auf dem Darß müssen  Besucher ihre Fantasie bemühen, schwer ist das nicht: In der Prerower Seemannskirche, wo Modellschiffe von der Decke hängen, in jahrelanger Frickelarbeit von Seeleuten gebaut. Auf der Pferdekutsche im Darßer Wald. Und ganz besonders am Weststrand und am Darßer Ort mit seinem 35 Meter hohen Backstein-Leuchtturm und dem Natureum des Deutschen Meeresmuseums. Was die Ostsee am Weststrand stetig wegspült, das schwemmt sie am Darßer Ort wieder an: Sand vor allem, aber auch Muschelschalen, Steine, Hühnergötter, Fossilien, hin und wieder sogar Bernstein.  Nirgendwo kann man besser auf Schatzsuche gehen.

Tipps für den Familienurlaub auf dem Darß

Regenbogencamp Prerow: Die Anlage am Nordstrand ist der einzige Ort an der Ostseeküste, wo man in den Dünen zelten oder im Mietwohnwagen übernachten darf.

Infos: Miet-Wohnwagen ab 50€ für 4 Pers.
Bernsteinweg 4-8, Tel. 0431 2372370; www.regenbogen.ag

Zeesbootfahrten ab Wieck: Von Mai bis Oktober fahren die Zeesboote über den Bodstedter Bodden. Kleine Piraten bekommen Schwimmwesten.
Infos: Hafen Wieck, Informationen zu Terminen und Preisen unter Tel. 0171 6240973

Natureum am Darßer Ort: Mit Präparaten und lebenden Dorschen, Seehasen oder Strandkrabben informiert die Filiale des Deutschen Meeresmuseums über das Leben am Darßer Ort.
Infos: Darßer Ort 1-3, Tel. 038233 304; www.meeresmuseum.de

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Inka Schmeling