Österreich Wintersport in Kärnten

Die letzten Stämme wechseln die Ladeflächen und der Weg nach Mooswald ist wieder frei, da taucht der wichtigste Wegweiser auf: Mooswald-Mitte. Geschafft. Noch ein paar zackige Biegungen den Berg hinauf, und am höchsten Punkt liegt endlich das "Gasthaus Klammer", einst Zentrum der Gemeinde. Das Amt, die Post, der Kindergarten, die Schule, jede öffentliche Institution residierte hier für ein paar Jahre, doch seit dem Triumph von Innsbruck 1976 regiert hier allein Kaiser Franz.

In der Vitrine gegenüber der Schank glänzen und strahlen die gesammelten Pokale aus Messing, Kristall und Zinn. An den Wänden hängen Fotografien in hölzernen Rahmen, 30 Jahre alt und von den Rauchschwaden in der Gaststube konserviert. Durch die Fenster fallen die letzten Sonnenstrahlen, Südhang, und durch die Tür spazieren die ersten Mooswalder, man trifft sich hier, redet über dies und das, und wenn der Fremde nach dem ausbleibenden Schnee fragt, aus Höflichkeit auch übers Wetter. Ob Adria- oder Genua-Tief den Schnee nach Kärnten bringt, wird diskutiert, und da man sich nicht einig ist, muss der Kaiser entscheiden. "Uns nützt mehr das Adria-Tief, wenn es über dem Balkan richtig dreht, also eher ein Balkan-Tief", sagt der Kaiser, nach getaner Arbeit zurück auf seiner Burg. Kein Widerspruch, des Kaisers Wort ist hier Gesetz.

Die kleine Skigemeinde übt sich im Einkehrschwung, die ersten sitzen mit müden Beinen an den Tischen in der "Franz-Klammer-Stube" und diskutieren den Begriff "gmiatlich". Die Kinder hielten tapfer das Tempo, Chiara, Paul und Michael schauten dem Meister auf die Kanten und bekamen einen Tipp mit auf den Weg: "Wir sollen weiter nach vorn in die Knie gehen, das strengt weniger an, hat der Franz gesagt", sagt Michael aus Wien. Vorbei die Zeit der Klammer-Hocke, als Österreichs Schüler in der Sportstunde zwei Minuten lang die Schmerzen in den Oberschenkeln aushalten mussten oder ehrgeizige Eltern beim Teleski den Nachwuchs vorm Fernsehgerät trimmten. Dabei ist Franz Klammer selber ein Kind des Fernsehens: Sein Vater kaufte in Mooswald den ersten Apparat. Alle konnten 1964 die Olympischen Spiele im Gasthaus verfolgen.

Zwölf Jahre später sah Andrea Cortelli in Rom die Bilder von Klammers irrer Abfahrt am Patscherkofel, und seit dem Tag ist der Kärntner sein Held, nicht Alberto Tomba. Dass er heute mit ihm an einem Tisch sitze, grenze an ein Wunder, sagt er und dass er ihn auf der Piste nur von hinten sehe, sei völlig egal. "Er fährt heute noch den besten Stil, den ich je gesehen habe", schwärmt er und macht sich fertig für das anschließende Fun Race an der Talstation. Das macht der Kaiser natürlich auch mit, den Spaß lässt er sich nicht nehmen: Auf einem Fahrrad mit Latten rutscht er einen Hügel hinunter, bäuchlings auf einem kufigen Skateboard durchs Ziel und zum Finale mit zwei Fassplanken unter den Füßen haut es ihn so richtig hin. Erst rutscht er rückwärts, der Hofstaat staunt, dann verliert er die Balance und purzelt kopfüber ins Ziel. Der Hofstaat hält den Atem an, und vor lauter Lachen kommt der Kaiser nicht auf die Füße. Mit Schnee in den Haaren richtet er sich wieder auf, schreibt weiter lächelnd Autogramme. Ein Profi eben.

Franz Klammer ist eine Marke: Er macht manchen Blödsinn mit und verdient dabei. Das weiß er und davon lebt er. "Wovon lebt der Franz eigentlich heute?", fragen zwei Wanderer oben im Gasthaus, und seine Schwägerin und Wirtin Edith Klammer antwortet: "Werbung und solche Sachen" und serviert die legendären Kasnudeln. Meistens macht er Werbung in eigener Sache, und sein Marktwert liegt ziemlich krisensicher bei 10.000 Euro am Tag, wenn er beispielsweise mit Managern auf die Piste geht oder Golf spielt. Wenn die Familie dann auch noch ruft, wie sein Bruder Michael zum ersten Promi-Schlittenrennen in Bad Kleinkirchheim, dann ist er natürlich mit von der Partie, das Zugpferd der Region.

Trotz eisigen Windes nimmt er Platz auf dem Kutschbock und lässt sich von einem Noriker, dem klassischen österreichischen Kaltblut, über den Rundparcours schleifen. Das erste Rennen wird gewonnen, das zweite verloren und nach der Siegerehrung geht's wieder hinauf nach Mooswald, wo seine Frauen schon warten: Mutter Elisabeth, Ehefrau Eva und die beiden Töchter Stephanie, 14, und Sophie, 19. Der Kaiser fährt voraus. Auf die Bitte, nicht so zu rasen, denn Klammer steuerte nach der Skikarriere auch eine Zeit lang recht erfolgreich Tourenwagen über Rennstrecken, sagt er nur: "Naaa, ganz gmiatlich", gibt Gas, kachelt los und behauptet seinen Vorsprung von mindestens drei Kurven bis ins Ziel. Wahrscheinlich hat er das Tempo-Virus von seiner Mutter geerbt, denn sie war es, die den jungen Burschen im VW Käfer zum Training ins Tal brachte oder zum Bahnhof chauffierte. Immer in Bestzeit.

Am Tisch in der Gaststube genießen die Damen gerade das Dessert, als Kaiser Franz sich zu ihnen setzt. "Wer hat Lust, morgen mit mir nach Schladming zu fahren?", fragt er erwartungsvoll in die Runde."Was gibt es denn dort?", fragt Tochter Sophie zurück. "Eine Oldtimer-Ralley und später ein Nachtskilauf, und wir können dazwischen auch noch zwei Stunden Skifahren." Pause. "Ich muss ganz dringend lernen, von den Tests hängt mein Leben ab", antwortet Sophie und kichert. "Und ich muss noch mein Referat fertig machen," sagt ihre Schwester Stephanie und fügt noch hinzu für den Fremden am Tisch: "Aber ich bin mächtig stolz auf meinen Papi", und alle lachen los.

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Autor:
Stefan Becker