Nürnberg Stromers Erbe

Ein Name kann nützlich, aber auch entschieden lästig sein. Für Rotraut Freifrau von Stromer-Baumbauer ist er eine Last. Während die meisten Menschen gerade noch wissen, was der Urgroßvater getrieben hat, weiß sie sogar, was Ihr Ahnherr im Mittelalter verbrochen hat. Ulman von Stromer, Handelsherr, Chronist und berühmter Patrizier, hat ordentliche Kaufurkunden hinterlassen, die bis heute belegen, dass er vom Pogrom profitierte. 1368 hat er am Nürnberger Hauptmarkt, im früheren Judenviertel, einen schönen Hof fertiggebaut. Den Häuserblock hatte er aber nur erwerben können, weil die darin lebenden Menschen entweder enteignet oder verbrannt worden waren. Sie hätten, so legten die Bürger ihnen zur Last, Brunnen vergiftet und die Pest verbreitet - die üblichen antijüdischen Vorwürfe also. Der Mord an 562 Juden kam vielen gelegen, die mehr Platz wollten oder mehr Geld.

"Unser Name lässt die Leute nicht kalt", weiß die 54 Jahre alte Klavierlehrerin aus Erfahrung. Er berührt, andere und auch sie selbst. Wenn die kleine Rotraut und ihre Spielkameraden nicht wussten, wer genau die Stromers waren - irgendein Geschichtslehrer erzählte es ihnen. Ihr Titel rief seltsame Begeisterung von Anhängern blaublütiger Familien hervor oder unerklärliche Abscheu von Menschen, die den Adel hassen. Daheim musste man sich mit den kostbaren Antiquitäten aus altem Familienbesitz einrichten - für die begehrten kindgerechten Möbel fehlte das Geld.

Rotrauts Mitschüler verbrachten die Sommerferien auf Elba am Meer, für sie ging es regelmäßig nach Grünsberg ins Nürnberger Land. Dort steht das Familienschloss, das 1231 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde und entsprechend unkomfortabel ist. In Nürnberg spazierte Rotrauts Vater mit der Mutter, ihr und den vier Geschwistern durch die Stromerstraße. Ihrer alten Herrschaftsriege hat die Stadt viele Straßen und Plätze gewidmet. Sie erinnern an die Sippen, die Nürnberg zu Wichtigkeit und Wohlstand führten. Die sie in den Zeiten des Niedergangs begleiteten, und die den Lotsenstand der fränkischen Handelsmetropole erst verließen, als die Reichsstadt 1806 an Bayern fiel: die Patrizier. Als Kaufleute zogen sie in die Stadt, im 13. Jahrhundert. Einige hatten schon in der Heimat dem Patriziat angehört, andere hatten ritterlichen Kriegsdienst geleistet und sich damit Grundbesitz verdient.

Vom kleinen Mann hinter vorgehaltener Hand als "Pfeffersäcke" gescholten, nutzten diese Familien Nürnbergs geografische Lage in der Mitte Europas aus: Sie trieben Groß- und Fernhandel, etwa mit Flandern, Südfrankreich, Italien, Böhmen - so erfolgreich, dass sie immens reich wurden. Vermögen, Herkunft, unternehmerisches Geschick: eine Kombination, die auch heute Karrieren zu fördern vermag.

Der Aufstieg glückte, denn als Reichsstadt stand Nürnberg die Selbstverwaltung zu, und dazu brauchte es ein Gremium, den Inneren Rat. Die Familien, die ihn bestückten, nannten sich nach römischem Vorbild Patrizier. Nur sie durften in den oft stundenlangen Sitzungen alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen treffen, nur sie durften die gesellschaftlichen und geistigen Strömungen lenken.Weiteren Familien war dieses Recht verwehrt, denn ein Statut legte die Zahl der ratsfähigen Familiengeschlechter fest: auf genau 42. Sogar das fremde Königreich Bayern erkannte die "Nobiles Norimbergenses" an und machte sie nach 1806 fast alle zu Freiherren. So imposant die Vergangenheit auch sein mag: Man gewöhnt sich daran.

Hans Dietrich Freiherr von Löffelholz wohnt in einem Problemstadtteil

Hans Dietrich Freiherr von Löffelholz verlor sogar einen der alten Siegelringe der Familie. Als 23-Jähriger badete er in Jugoslawien im Meer und tauchte ohne das Erbstück wieder auf: Die Wellen hatten es geschluckt. Erst Jahre später kaufte er sich einen neuen Siegelring, ließ in dessen blanken Lapislazuli ein Lamm, drei Hüte und die siebenzackige Krone der Freiherren eingravieren - das Familienwappen. Der promovierte Volkswirt, der bei einem Kongress in Berlin wegen seiner Eloquenz als "der Schrecken der Stammtische" angekündigt wurde, ist Referatsleiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Aus Überzeugung wohnt er in der Südstadt. Hier ist der Ausländeranteil hoch, die Arbeitslosenquote auch. Zur Arbeit fährt er mit der U-Bahn. Standesdünkel? Die kann er sich bei seinem Fachgebiet nicht leisten.

Seine Vorfahren hielten es damit ganz anders. Wie die anderen Patrizierfamilien pflegten die Löffelholz einen kostspieligen Lebensstil auf ihren Herrensitzen und Schlösschen. Sie kauften außerdem Grundbesitz in Nürnbergs Umgebung auf, teilweise standen ihnen ganze Dörfer zu. In der Mitte des 15. Jahrhunderts waren 39 patrizische Familien Eigentümer von Land, auf dem rund 3000 Bauern lebten. Was die auf den Äckern erwirtschafteten, mussten sie zum Teil abgeben. Ließen sich die Bauern etwas zuschulden kommen, verhängten ihre Grundherren Strafen - das konnten sogar Todesstrafen sein. Um ihre Überlegenheit schon von weitem sichtbar zu machen, gaben sie sich eine eigene Kleiderordnung. Demnach wärmten sich die Patrizierinnen mit Hermelin, hüllten sich in Samt aus Genua, Atlas und Damast. Venezianische Seidenschleier schmückten die golddurchwirkten Hauben. Ihre langhaarigen Männer gingen im scharlachrotem Wams, in Strumpfhosen und eleganten Schnabelschuhen, im Gürtel steckte ein Dolch.

Riesig war der Stolz auf die Familie, er ist es auch heute noch. Daher hatte sich Paul Freiherr von Tucher immer als Tucher gefühlt und stets als Deutscher. Obwohl die Mutter Dänin war, er 1932 in Indien zur Welt kam, dort aufwuchs und viele Jahre in Amerika lebte. Doch es zog den promovierten Theologen wieder nach Mittelfranken, in die nahe gelegene Universitätsstadt Erlangen. Dort hält er hin und wieder Gottesdienste und spricht auf Beerdigungen von Menschen, die zu Lebzeiten aus der Kirche ausgetreten waren. Einmal verheiratete er eine Hindi, "geschieden und im fünften Monat schwanger", mit ihrem neuen Lebensgefährten. Kein anderer Pfarrer in Erlangen habe das tun wollen, sagt der Sohn eines Missionars.

Gäste empfängt der 75-Jährige gern in Nürnberg, auf dem alten Herrensitz der Familie im Stadtteil Schoppershof. Einst umgeben von Kartoffeläckern, schimmern zwischen den Bäumen im Garten nun hohe Wohnbauten durch. Ein Verwandter hatte hier Aprikosenbäume gepflanzt und müßig mit Weinstöcken experimentiert, die aber nur einen sauren Tropfen lieferten. Mag auch eine U-Bahn-Station auf der anderen Straßenseite liegen: Hier atmet die Luft Tradition und Sicherheit, wie sie nur altes Vermögen und ein sorgfältig gepflegter Stammbaum geben können. Ein Mann tut sich im 15. Jahrhundert besonders hervor: Lorenz I. Als er starb, vermachte er sein Geld zur Hälfte den Armen, zur Hälfte seinem Familiengeschlecht. Es entstand die Tucherstiftung. Noch heute erfüllt sie ihre Aufgabe: für die Sippe zu sorgen, in Form einer Apanage. Die Männer erhalten sie bis zum Tod, Frauen bis zum 30. Lebensjahr. Bis dahin sollten sie verheiratet - und versorgt - sein.

Patriarchat ist dem Adel eigen. Etwas grollend nennt Rotraut von Stromer die Bevorzugung von Männern den "kleinen Pieps", der dazu geführt habe, dass ihre Söhne vom Adelsverzeichnis ausgeschlossen sind, die ihres Bruders und er selbst aber darin erscheinen.

Die Patrizier liebten Nürnberg. Und der ihnen anvertrauten Stadt ging es gut, sehr gut sogar. Umso mehr schmerzte der Abstieg. Der begann langsam, im späten 16. Jahrhundert. Große Schuldner machten Pleite, alte Handelsprivilegien erloschen, der Kaiser - Nürnbergs Schutzherr - verlor an Macht. Der Dreißigjährige Krieg brachte Hunger, Seuchen, später die Pest. Auch viele Patrizier verarmten. Nur wenigen gelang es wie der Familie Tucher, die alten kaufmännischen Fähigkeiten zu bewahren - ihre gleichnamige Brauerei zählte zu den zehn größten Brauhäusern im einstigen Reichsgebiet. Inzwischen hat sich die Familie aus diesem Geschäft zurückgezogen. Nur noch der Name und das Familienwappen mit dem Mohrenkopf erinnern heute daran, dass Siegmund Freiherr von Tucher das Unternehmen gegründet hat.

Solche Sorgen kannte der Landadel nicht. Denn der hatte über das bürgerliche Gewerbe des Handels stets die Nase gerümpft und sich für etwas Besseres gehalten als die Patrizier. Der Stadt war er trotzdem verbunden, so wie die Familie Aufseß: Hans Freiherr von Aufseß gründete hier 1852 das Germanische Nationalmuseum. Sein Nachfahre Christof Freiherr von Aufseß ist Inhaber einer Werbeagentur.

Man sage ihm nach, erzählt der 45-Jährige mit leisem Stolz und einiger Zufriedenheit, "dem Hans" ähnlich zu sehen. In seiner Freizeit kümmert er sich um den Schlossbesitz, den die Familie Aufseß in der gleichnamigen Ortschaft in Oberfranken hat; eine anstrengende, teure, schöne Aufgabe. "Ich bin der Überzeugung, dass ich nicht zufällig hier hingeboren wurde."

Denn ein Name kann auch eine Verpflichtung sein. Otto Freiherr von Stromer konnte die Geschichte seines Ahnen, der aus dem Judenpogrom Nutzen zog, niemals vergessen. Als er zum Bürgermeister von Nürnberg gewählt wurde, trieb er den Bau einer Synagoge voran, 1874 eröffnete er sie. "Damit", sagte er, sei "die alte Schuld getilgt."

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Ngoc Nguyen