Norwegen Wölfe im Naturpark Langedrag

Frau Thorson hockt im Gras und jault. Laut dringt ihr Ruf durch den Morgen, ein langgezogener, leiernder Schrei. Sofort tauchen aus den Nebelschwaden, die zwischen den Bäumen hängen, zwei Wölfe auf, graue Tiere mit blassen Augen. Hastig stürzen sie zu der Frau, springen an ihr hoch, einer leckt ihr übers Gesicht, der andere legt den Kopf in ihren Schoß. Varg und Irgas, junge Wölfe, ein Jahr alt. Ask, ihre Mutter, beobachtet das Treiben mit höchster Aufmerksamkeit aus der Ferne. "Die drei sind an Menschen gewöhnt", sagt Tuva Thorson, während sie die Fellköpfe krault. Anders als die zehn Wölfe im Gehege nebenan. Dort hineinzugehen, zu den wilden Tieren, wäre kaum möglich. "Wir aber sind Freunde", sagt sie und lässt Varg und Irgas dennoch nicht aus den Augen.

Die Begegnung der zwei Arten ist ein fein austariertes Ritual. Ein falscher Ton, ein falscher Augenaufschlag kann alles ändern, kann abrupt das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Mensch und Wolf zum Einsturz bringen. Und das wäre fatal. Immerhin kann der Wolf einen Elch töten. Tuva Thorson weiß, was sie tut. Seit Anfang der achtziger Jahre hat sie die Eigenarten der Wölfe studiert. Damals zog sie für ein Projekt der Universität Oslo Wolfswelpen mit der Flasche groß. Die Mutter der Wölfe hat sogar deren Sprache erlernt. Das Jaulen. Das Knurren. Das Winseln.

In ihrem Naturpark Langedrag, tausend Meter über dem riesigen Tunhovdfjord im Süden Norwegens, kann das jeder erleben. Die Familienserie "Wir auf Langedrag" war im norwegischen Fernsehen ein Renner. Kein Wunder, dass sich Kinder darum reißen, hierher zu kommen, ganze Schulklassen, hier können sie Pferde reiten, Kühe melken, Mufflons streicheln, Rentiere sehen, Polarfüchse, Luchse - und eben die Wölfe.

Haben Sie nie Angst, Frau Thorson, wenn Sie zu den Wölfen steigen? "Nein", sagt sie. Sich zu fürchten wäre auch ganz falsch. "Der Wolf muss Respekt haben. Und den hat er nur, wenn man ihm stark gegenübertritt." Aber der Wolf steht in Norwegens Mythologie für die Kräfte des Chaos? Er gilt als Bestie, oder nicht? "Der Wolf? Böse?" Kopfschütteln. Ihre rechte Hand schiebt eine Strähne aus dem Gesicht. "Der Wolf ist der Vorfahr des Hundes. Und der Hund des Menschen bester Freund. Der Wolf ist alles andere als eine dunkle Märchengestalt."

Doch die Angst ist den Menschen nicht auszutreiben. Die Angst vorm bösen Wolf. Noch immer wird das Tier gejagt, obwohl das Berner Artenschutzabkommen sein Leben schützt. Doch die Bauern zetern, sie behaupten, die Wölfe würden ihre Lämmer reißen. Dabei sterben im Jahr 130.000 Schafe durch Lastwagen, Züge und Autos. Der Wolf, von dem es im Süden Skandinaviens weniger als hundert gibt, holt sich gerade einmal 800.

Ein Auto rumpelt den Hügel hoch, auf der Ladefläche blutige Brocken Fleisch und Knochen. Tuva Thorson, das Bein einer Kuh in den Händen, betritt noch einmal das Gehege. Mit weit aufgerissenen Augen schaut sie auf die Tiere, die vor ihr hocken, mit hechelndem Maul. "Jetzt bin ich ihre Herrin", sagt sie.

Die drei Wölfe zittern vor Gier, rutschen immer näher. Doch Tuva Thorson bleckt die Zähne. Sie kräuselt die Nase. Sie knurrt. Die Wölfe ducken sich. "Solange ich meine Augen nicht bewege, werden sie nichts tun", sagt sie. Blinzeln ist ein Zeichen von Schwäche. Dann aber senkt sie kurz ihre Lider, zwei-, dreimal.

Sofort schnappt Ask, die Alte, zu. Reißt das Stück Fleisch an sich, zieht es blitzschnell hinter eine Böschung. Varg und Irgas, die Jungen, warten. Auf die Reste. Tuva Thorson steht still neben ihren Wölfen, eine Mutter, die ihre Kinder beobachtet.

Über dem Gehege ziehen ein paar Schwalben nervös ihre Bahnen. "Das Jaulen", sagt Tuva heiser, "strengt mich immer an." Ein leichter Wind bläst über Langedrag hinweg, schiebt die Wolken auseinander, und über dem stillen Tunhovdfjord tanzen langsam ihre Schatten.

Autor:
Franz Lenze