Norwegen Bestseller aus Skandinavien

Der Mord bleibt ungeahndet. Die Kriminalkommissarin verständigt sich mit der Täterin, nicht einmal augenzwinkernd, einfach wortlos. Beweismaterial unterschlagen, Ermittlungsakte geschlossen. Die Mörderin war selbst Opfer, ihr Opfer selbst Täter, und sein Opfer war eben diese Kommissarin in ihrer Kindheit. So lieben die Leser-Fans ihre Krimi-Autorin Unni Lindell, die schon mal Gerechtigkeit ohne das Strafgesetzbuch sucht.

Unni Lindell gehört mit Anne Holt und Kim Småge zum bestsellenden weiblichen Dreigestirn des norwegischen Kriminalromans. Mit etwas Abstand folgen Karin Fossum, Kjersti Scheen, Magnhild Bruheim, Pernille Rygg und May B. Lund. Zwar schreiben männliche Autoren in Norwegen Krimis wie nie zuvor, und immer noch wechseln sie die Sparten, um endlich mit Krimis Geld zu verdienen, doch für die deutschsprachigen Leser wird der norwegische Krimi von den Frauen regiert.

Skandinavische, vor allem norwegische und schwedische Krimiliteratur boomt in Deutschland, und das seit mindestens einer Generation. In den sechziger und siebziger Jahren kreierten Maj Sjöwall und Per Wahlöö den "modernen" Krimi. Das Stockholmer Autorenpaar ließ die ermittelnden Helden altern, Krisen durchmachen, aus Fehlern lernen oder auch nicht, sich verlieben, heiraten, scheiden lassen - ganz anders als Maigret oder Hercule Poirot, die so gut wie kein Privatleben haben und auch noch am Ende des fünfzigsten Bandes unverändert jung, fett oder maniriert sind.

Die Masche von Sjöwall und Wahlöö jedoch hatte einen derart durchschlagenden Erfolg und eine Vorbildfunktion, dass heutzutage nur noch wenige Krimis im "alten Stil" geschrieben werden, auch in Frankreich oder Großbritannien, wo skandinavische Krimis weniger erfolgreich sind. Warum dieser Erfolg gerade im deutschsprachigen Raum so groß ist, weiß niemand so recht - aber die Krimiforschung ist eben noch ein sehr junger Zweig der Literaturwissenschaft. Eine Erklärung gibt es immerhin: In den skandinavischen Krimis wird deutlich die Gesellschaft geschildert, und die ähnelt der deutschen sehr. Leser müssen sich also nicht mit gänzlich unbekannten Gegebenheiten auseinandersetzen. Die Verfasser üben Gesellschaftskritik, das lesen alle mal gern, aber diese Gesellschaftskritik bleibt schön harmlos, die herrschenden Verhältnisse werden nicht in Frage gestellt.

Auch das Personal der Romane ist ganz normal. Anne Holts Kommissarin in Oslo, die um nichts in der Welt zugeben will, dass sie in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft lebt, ist offenbar das äußerste, was das Leserpublikum hinnehmen kann. Dass hingegen die Kriminalromane von Pernille Rygg, deren Heldin gemeinsam mit ihrem transsexuellen Gatten ermittelt, gerade in der englischen Presse so hochgelobt werden, leuchtet ein: Exzentrische Ermittler ist man auf den Inseln eher gewöhnt.

Unni Lindell, Jahrgang 1957, machte sich zuerst als Kinderbuchautorin einen Namen. Ihre späteren blutrünstigen Kriminalgeschichten wurden schon ins Deutsche übersetzt, noch ehe ihr erster Kriminalroman in Norwegen vorlag. In "Das dreizehnte Sternbild" (deutsch 1998) stellt sie ihr festes Personal vor, an der Spitze den Osloer Ermittler Cato Isaksen, ewig gestresst, unfähig, seiner Frau treu zu bleiben, unfähig aber auch, sich für eine seiner Geliebten zu entscheiden, ewig sauer auf alle, die ihren Alltag ein wenig besser in den Griff bekommen als er. Cato Isaksen arbeitet in einer fast rein männlichen Umgebung.

Unni Lindells Schilderungen des norwegischen Alltags weisen Parallelen zu denen ihrer Kollegin Kim Småge auf - bei beiden Autorinnen ist Norwegen alles andere als das Vorzeigeland der Emanzipation. Gewalt gegen Frauen und Kinder ist an der Tagesordnung in ihren Büchern, doch häufig begehren die Frauen dagegen auf und greifen zum Messer - und Unni Lindell, die ihren Romanpersonen meistens wohl will, scheut, krimi-untypisch, nicht davor zurück, die eine oder andere Mörderin ungeschoren davonkommen zu lassen.Wie ihre Kolleginnen hält auch sie ihr Privatleben bedeckt - mit Ausnahmen. Als sie nach einem Bestseller ein neues Haus bauen und von einer bekannten Innenarchitektin einrichten ließ, brachte eine große Tageszeitung eine lange Reportage, und als Kater Knut bei einem Umzug verschwand und Unni Lindell vor Sehnsucht und Sorge keine Zeile schreiben konnte, bat sie die Boulevardpresse um Hilfe. Und wirklich, nach drei Tagen kam der erlösende Anruf, Knut war gefunden. Dass immer irgendwelche Katzen in den Büchern Unni Lindells im Hintergrund dabei sind, wundert da überhaupt nicht mehr ?

Kim Småge, 1945 geboren, war Mitte der achtziger Jahre Norwegens erste moderne Krimiautorin. In Rezensionen wurde sie sofort als "der weibliche Jon Michelet" (Norwegens international erfolgreichster Krimi-Schriftsteller) bezeichnet. Dass weit und breit kein junger Autor seinerseits als "männliche Kim Småge" gefeiert wurde, nahm sie gelassen als Beweis dafür, dass Norwegen noch längst nicht das Gleichstellungsparadies war, als das es von Politikerseite so gern ausgegeben wurde. Als ihre männlichen Kollegen (neben Michelet Fredrik Skagen und Gunnar Staalesen, um nur zwei zu nennen) auch international zu Ruhm gelangten, ließ sie zuerst die Taucherin Hilke Thorhus ermitteln, dann die unkonventionelle Kommissarin Anne-kin Halvorsen. Die arbeitet in Trondhjem, wo fast alle Småge- Bücher spielen; in dieser Stadt geboren und aufgewachsen, würde sie, ebenso wie Kim Småge selbst, niemals die offizielle Schreibweise Trondheim benutzen.

Anne-kin kommt aus kleinen Verhältnissen, was ihren Blick für die weiterhin existierenden und im Zeitalter von Norwegens Ölmilliarden wieder größer werdenden Klassenunterschiede schärft. Dass sie sich mit den Machos unter den Kollegen herumschlagen muss, liegt ebenfalls auf der Hand. Und in allen bisherigen Bänden hat sie Pech mit der Liebe und gerät trotz bester Vorsätze an einen untauglichen Kerl nach dem anderen. Die Fangemeinde hofft natürlich, dass die Autorin ihrer Ermittlerin demnächst eine Runde Liebesglück bescheren wird, aber Kim Småge hält sich bedeckt: "Ich versuch das ja immer wieder, aber dann geht es doch schief." Ihr eigenes Privatleben behält sie für sich, Spekulationen darüber, ob Anne-kin oder die Taucherin Hilke ein Alter ego der Autorin sein könnten (was bei Hilke durchaus naheliegt, denn ehe Kim Småge als Krimiautorin Erfolg hatte, war sie Norwegens einzige staatlich geprüfte Tauchlehrerin), haben deshalb keinen Sinn.

Anne Holt, geboren 1958, ist Ex-Anwältin, Ex-Polizeibeamtin und Ex-Justizministerin. Sie versucht ihr Privatleben den Augen der Öffentlichkeit zu entziehen, und dazu hat sie allen Grund. Ihr Rücktritt als Justizministerin (1997) war Anlass zu einer der widerlichsten Pressekampagnen in Norwegens jüngerer Geschichte. Alles gelogen, hieß es, Frau Holt sei gar nicht krank, sondern nur aus purer Unfähigkeit zum Rücktritt gezwungen gewesen. Am Ende sah sie sich veranlasst, ihre Ärzte von der Schweigepflicht zu entbinden. Danach konnte niemand mehr daran zweifeln, dass die Ministerin wirklich schwer krank gewesen war. Nach diesen bösen Erfahrungen mit den Medien fuhr Anne Holt zwecks Trauung mit der Verlegerin Tine Kjær lieber gleich in die norwegische Botschaft in Stockholm und schirmt seither ihr Privatleben noch sorgfältiger ab.

Darin gleicht sie ihrer Romankommissarin Hanne Wilhelmsen, die nichts und niemanden an sich heranlassen will, egal, ob sie die ihr Nahestehenden damit verletzt. Anne Holt erzählt in Interviews immer wieder, wie sehr sie darüber staunt, dass ausgerechnet Hanne Wilhelmsen aus dem reichen Personenarsenal ihrer Romane eine solche Beliebtheit gewonnen hat. Die Autorin selbst lässt kein gutes Haar an ihrer Gestalt: "Egoistisch, selbstgerecht, lässt ihre Freunde und ihre krebskranke Geliebte im Stich, was findet ihr eigentlich an der?" Und erzählt von Briefen, in denen sie gefragt wird, wie es Hanne denn jetzt gehe, in denen Therapien vorgeschlagen werden, um Hanne Wilhelmsen zu einem glücklicheren Menschen zu machen. Da das Publikum Zicken aus der Feder von Anne Holt offenbar liebt, hat sie nun seit drei Bänden Inger Johanne Vik dabei, Psychologin und Profilerin, auf ihre Weise noch nerviger als Hanne Wilhelmsen. Beide Damen ermitteln in Oslo. Im bisher neuesten auch auf Deutsch erschienenen Buch "Die Präsidentin" verheißt ihre sich entwickelnde Freundschaft jedenfalls Gutes für die große Anne Holt-Fangemeinde.

Autor:
Gabriele Haefs