Mui Ne
Die Hamptons von Vietnam

Von Manuela Imre

Die Kommunisten dachten damals nícht daran, am Strand zu faulenzen. Heute fährt die neureiche Bevölkerung Vietnams in schicken Autos nach Mui Ne. Der ehemalige Fischerort boomt.

01 Apr 2010, Mui Ne, Vietnam --- A line-up of villagers hauling in fishing nets --- Image by © Kris Leboutillier/National Geographic Society/Corbis
Corbis

Ganz früh am Morgen, bevor die Sonne auf die schicken Liegen am Strand von Mui Ne prallt, wird die kleine Enklave im Süden Vietnams wieder zu dem, was sie vor gut 15 Jahren war: ein verschlafenes Fischerdorf. Während sich die meisten Urlauber unter ihren High-End-Moskitonetzen noch ein paar Mal umdrehen, steigen die Einheimischen mit tiefgebräunten Oberkörper und stoischem Gesichtsausdruck in ihre azurblauen Boote. Die Netze werden ausgeworfen, der Fang sortiert - die Zeit scheint stillzustehen in Mui Ne.

Fotostrecke Mui Ne: Luxus im Fischerdorf

(Fotostrecke: 14 Bilder)

Wer ein paar Stunden später zum ausladenden Frühstücksbuffet seines kleinen, aber feinen Resorts schlendert, bekommt trotz Meerblick von diesen magischen Momenten nichts mehr mit. Was vielen nichts ausmacht, denn die Mehrzahl der Touristen reist nicht wegen der Postkartenmotive an, sondern vielmehr, um sich selbst gezielt in Szene zu setzen. Dreieinhalb Stunden nordöstlich von Ho Chi Minh Stadt gelegen, hat sich Mui Ne zum beliebtesten Laufsteg des neuen Geldadels entwickelt und bereits den Namen "Hamptons von Vietnam" eingefangen - Goldketten und Gucci-Täschen inklusive.

"Dieses Land war so lange mit Kommunismus, Kriegen und der langsamen Wirtschaft beschäftigt, dass viele sich erst allmählich mit den neuen Freiheiten und vor allem dem plötzlich vorhandenen Geld anfreunden. Und natürlich will man nun zeigen, was man hat", erklärt Nguyen Phuong Mai. In Vietnam geboren, verbrachte die gepflegte Mittfünfzigerin die meiste Zeit ihres Lebens in London. Seit 2004 ist sie zurück in der Heimat und amüsiert von den Entwicklungen, die der ökonomische Boom der vergangenen Jahre mit sich brachte. "Die Weltwirtschaftskrise macht sich zwar bemerkbar, aber noch gibt es genug Neureiche, die zur richtigen Zeit ihr Geld investiert hatten und sich gerade daran gewöhnt haben, es auszugeben", erzählt Mai und schmunzelt.

Angestrahlt von der immergrellen Sonne und untermalt vom Rauschen des Meeres, lässt es sich wesentlich stilvoller protzen als in den voll gestopften Metropolen von Hanoi und Ho Chi Minh. Und so rollen an Freitagen Konvois aufgemotzter Luxuskarossen und VIP-Busse den Highway 1 entlang. Besonders zäh zieht sich die Fahrt, sobald ein Feiertag ansteht. Aber egal. Hauptsache man kann am Abend seinen edlen Anzug und die Angetraute im langen Kleid in exklusive Restaurants wie dem Sandales oder dem Champa ausführen und mit ausladenden Gesten Kellnern und anderen Gästen zeigen, wie wichtig man ist.

Und wichtig sind überraschend viele in Vietnam, zumindest gemessen an den ausgebuchten Strandbungalows und den gut besetzten Dinner-Tischen. "Dieser kleine Streifen hat sich vom Flüsschen zur großen Donau entwickelt. Wir staunen selbst, was hier in den vergangenen Jahren passiert ist", erklärt Jutta Arnaud. Die Deutsche mit der markanten Stimme und dem ansteckenden Lachen weiß, wovon sie spricht, immerhin war ihr "Coco Beach Resort" die erste Ferienanlage der Gegend. Als ihr französischer Mann Daniel auf der Suche nach einem geeigneten Standort für ein Hotel 1994 die Küste entlang fuhr, entdeckte er in der Nähe von Phan Thiet die perfekte Bucht mit Kokospalmen, Bananenbäumen und ein paar vereinzelten Hütten, in denen die Fischer mit ihren Familien lebten.

Ein Jahr später bekam das Paar von der Regierung die Genehmigung, schlichte, aber stylische Holzbungalows direkt am Wasser zu bauen und 1997 legte ein ebenfalls französischer Investor mit einer Anlage, dem heutigen Victoria, nach. Damals flüchteten hauptsächlich europäische Auswanderer aus dem lauten Ho Chi Minh in die perfekte Ruhe unter Palmen.

Protzige Villen und dicke Autos

Die hielt nicht allzu lange an, nach 2000 wurde Mui Ne von Vietnamesen aus dem Dornröschenschlaf geweckt, zumindest an den Wochenenden. "2002 und 2003 kam der große Boom, plötzlich entdeckten die Einheimischen ihr eigenes Land und schließlich auch die Strände. Bis dahin war das Reisen das Letzte, das die Vietnamesen interessierte. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es kaum geduldet oder finanziell möglich war", erinnert sich Jutta Arnaud. Seitdem wird gebaut und entwickelt - aber mit Stil. "Wir haben das große Glück, dass es nicht aus dem Ruder gelaufen ist. Mui Ne konnte seinen beschaulichen Charakter beibehalten. Es gibt keine Betonklötze wie in Nha Trang und keine gepflasterte Strandpromenade", sagt sie mit hörbarer Erleichterung in der Stimme. Auch Coco Beach hat sich bereits verdoppelt und verschönt und wirkt mit den vielen Pflanzen, den verwinkelten Wegen und Nischen trotzdem noch überschaubar und persönlich.

Ob der lokale Ansturm auf die Bucht bestehen bleibt und weiter für moderate Veränderungen in der Gegend sorgt, hängt von der wackeligen Wirtschaft und den Entscheidungen der vietnamesischen Regierung ab. Bisher dürfen nur Resorts und Gästehäuser mit Strandlage bauen. Die protzigen Villen und Wochenend-Anlagen wurden zur Erleichterung vieler in die angrenzenden Hügel gegenüber des Highways verbannt. Dort gibt es bereits einen schicken Golfclub, an dem die Elite am Wochenende mit den dicken Autos vorfährt. Doch die hochgezogenen Projekte gehen gerade nicht mehr so locker weg wie noch vor kurzem, nur 40 Prozent der Anlagen sind fertig, Investoren zogen sich zurück und Experten hören bereits das Platzen der Immobilien-Blase.

Ferienanlagen wie Coco Beach haben mittlerweile so viele Stammgäste aus der ganzen Welt, dass die Sorgen deswegen nicht zu groß sind. Vietnam wird zunehmend vom europäischen und russischen Tourismus entdeckt und viele Gäste verbringen die letzte Woche ihres Abenteuer-Urlaubes gemütlich und von allen Seiten umsorgt im warmen Sand. "Der lokale Tourismus geht durch ein Auf und Ab, das Geld der Reichen ging bisher noch nicht aus. Außerdem versucht nun auch das Land die eigenen Resourcen anzupreisen und startet neuerdings Werbecampagnen, die zur Erkundung Vietnams aufrufen, damit das Geld in die eigene Wirtschaft fließt", sagt Jutta Arnaud.

"Dass Mui Ne maximal 25 Regentage im Jahr hat, so gut wie nie von Taifunen aufgesucht wird und von glühender Hitze verschont bleibt, macht die Lage als Dauerziel perfekt", sagt Sebastian Thebault Executive Assistant Manager des Coco Beach Resorts. "Wir haben die Wüste im Rücken", fügt der gebürtige Franzose noch hinzu und deutet mit der Hand in Richtung der berühmten Sanddünen, einem beliebten Ausflugsziel, dass gerade mal 20 Minuten Autofahrt entfernt liegt.

Bei einem Blick in die Restaurants mit Meeresblick sollte ohnehin noch keine Panik aufkommen. Für teure Weine und Gourmetgerichte wird gerne Geld liegen gelassen, verglichen mit europäischen Preisen sind die Zahlen auf dem Menü ohnehin ein Lacher. Die Vietnamesen bestellen Lammkeule und Schollenfilet in feiner Buttersauce - traditionelle Gerichte aus Reis oder Nudeln isst man bereits unter der Woche in Ho Chi Minh jeden Tag. Dort gibt es auch genug Partymöglichkeiten und Clubs, in denen sich die coole Szene trifft, vom lauten Ballermanntourismus wurde Mui Ne deshalb bisher verschont. Hier wird geschlemmt, entspannt und heimlich auf den Stil der westlichen Gäste geschielt, die immer noch etwas voraus sind, was Trendbewusstsein und Modemut angeht.

Nur die Fischer von Mui Ne bringt selbst der Anblick von leicht bekleideten Badenixen nichts aus der Ruhe. Der tägliche Fang ist nach wie vor ihr größtes Anliegen, wenn auch nicht mehr unbedingt das Haupteinkommen. Zwar findet die tägliche Ausbeute schnell Abnehmer in den edlen Restaurants, der boomende Tourismus hat aber auch die Jobs der Gegend verändert. Heute arbeitet meist die ganze Familie im Hotelbusiness, Arbeitslosigkeit und Armut sind verglichen mit der Situation vor 15 Jahren minimal. "Veränderungen wie hier müssen nicht immer schlecht sein. Es gibt genauso viele Fischerboote wie früher, die Einheimischen haben immer noch die Ruhe weg", sagt Jutta Arnaud. Wer früh genug aufsteht, kann das mit eigenen Augen sehen.

Artikel erschienen: April 2011