Nordrhein-Westfalen Wasserburgen im Münsterland

Morgendämmerung im hohen Sommer, es hat in der Nacht gewittert. Die Wiesen duften schwer im ersten Licht, und dort auf der kleinen Insel vor Haus Vortlage, das muss ein Grab sein."Das ist schon uralt, wenigstens drei Generationen", sagt wenig später ein Anwohner, der auf dem Fahrrad vorbeikommt. Das Grab liegt auf einer Insel im See, der Teil eines Gräftesystems ist - so heißen im Münsterland die Gräben, die auch Haus Vortlage schützen. Viel mehr ist nicht zu sehen, ein herrschaftliches Gebäude hinter wucherndem Grün. "Der Besitzer lebt im Ruhrgebiet", erzählt der Mann, "hier wohnt nur das Hausmeisterpaar im kleinen Hinterhaus." Das Hinterhaus ist zu ahnen, zu ahnen ist auch, dass es größer ist als jedes durchschnittliche Einfamilienhaus.

Wie mit Haus Vortlage bei Lengerich geht es dem Reisenden oft im Münsterland. Wer das Land seiner berühmten Wasserburgen wegen besucht, steht oft vor verschlossenen Türen: Von den mehr als 150 Burgen und Schlössern kann man gerade mal 25 von innen besichtigen. Schade, aber verständlich.

 

Es ist noch nicht lange her, dass das Münsterland aus seinem Dornröschenschlaf aufgewacht ist, erst ein paar Jahrzehnte, dass seine Wasserburgen als wertvolle Kulturgüter erkannt wurden. Bis auf das Rüschhaus - mit dem "Schneckenhaus" der Annette von Droste-Hülshoff - und das riesige und für diese Region ganz untypische Schloss Nordkirchen haben die unzähligen Burgen bis in die fünfziger Jahre ein derart unbeachtetes Dasein geführt, dass sie noch heute wie schlaftrunken wirken.

Nein, in dieser kurzen Zeit konnte keine Museumslandschaft entstehen. Sollte auch nicht: Viele Häuser werden noch immer von den Familien bewohnt, die hier seit Jahrhunderten zurückgezogen leben. Von Grafen, Baronen, Freiherren - von Regionalgeschlechtern, die aus dem Bauernadel des frühen Mittelalters hervorgegangen sind, die einst das Land aufgeteilt hatten und in deren Leben erst Bewegung kam, als die Münsteraner Fürstbischöfe zur Erweiterung ihrer Herrschaft ebenfalls Burgen bauten. Heute leben zunehmend wohlhabende Bürger in den alten Gemäuern - ohne adlige Vorfahren, aber mit einem Faible für repräsentative Landsitze.Auch die neuen Schlossherren bleiben gern unter sich und tragen doch im Stillen viel zur Erhaltung der Gebäude bei.

Es gibt eine Kluft zwischen den großen Anwesen und den kleinen Dörfern und Städten. Fragt man etwa in Dülmen nach Schloss Buldern, so kommt schon mal ein misstrauisches "Was wollnse denn da?", dann eine unwillige Auskunft. Was zeigt, dass das altgewachsene Verhältnis von Herrschaft und Bauern nicht spurlos geblieben ist: Die hinter den hohen Mauern sind oft noch immer reich und unnahbar. "Betreten verboten" steht auf dem Schild vor Schloss Buldern. Hier residiert ein Internat, auf dem Parkplatz verweisen teure Limousinen auf den sozialen Hintergrund der Eleven.

3000 Burgen, Schlösser, Herrenhäuser soll es im Münsterland einst gegeben haben. Im frühen Mittelalter besaß jedes vierte oder fünfte Dorf Norddeutschlands eine Befestigung, in die sich die Bewohner bei Angriffen mit Vieh und Habe zurückziehen konnten. Und die drohten häufig. Der einfachste Schutz war ein Ringwall. Wo er ausgehoben wurde, stieg Grundwasser auf, also schichtete man das Erdreich von außen nach innen. Es muss Tausende solcher Anlagen gegeben haben - in Gegenden, in denen sich erst sehr spät eine adlige Herrschaft installieren konnte, etwa an der Nordsee, kann man sie bis heute finden. Später, im 9. und 10. Jahrhundert, waren sie Basis oder Vorbild für die Motte: ein Ringgraben mit einem Aushubhügel in der Mitte, darauf ein steinerner Turm. Die Motte ist die Urform dessen, was wir heute unter Burg verstehen; viele Burgen bergen Reste solcher Vorgänger unter ihren Mauern.

Dass viele der Bauten im Münsterland erstaunlich gut erhalten sind, liegt an ihrer Nutzung. Fast alle dienten von Beginn an auch als landwirtschaftliche Betriebe. Zu jeder Burg gibt oder gab es eine Vorburg, die aus Ställen, Schobern und Gesindehäusern bestand.Als dann in der Renaissance flächendeckende Rechts- und Herrschaftssysteme geschaffen wurden, die Nachbarschaftsfehden nachließen, verloren manche Wehranlagen ihren Sinn. Standen sie wie etwa in Süddeutschland auf Berggipfeln, wurden sie verlassen, weil ihre mühevolle Versorgung sich nicht mehr lohnte. Die Bewohner der Flachlandburgen hingegen genossen die friedlicheren Zeiten, kümmerten sich wie stets um Vieh und Feld - und blieben in ihren Burgen wohnen.

Landsitz für poetische Stunden

Der Münsterländer Adel nutzte die meisten seiner Gemäuer kontinuierlich über die Jahrhunderte. Und selbst den verlassenen Burgen drohte kein wilder Abriss.Dabei war es in früheren Zeiten durchaus normal, sich der Ruinen zu bedienen - ein leeres Haus wurde zerlegt, seine Reste anderswo verbaut. Doch welcher Bauer, der seine Kotte aus Holz und Lehm zu bauen verstand, konnte schon etwas mit Baumberger Sandsteinquadern anfangen? Und wie sie bewegen? So blieb mancher Herrensitz bestehen, auch wenn er längere Zeit leer stand.

Selbst nach Jahrzehnten war noch genug Bausubstanz erhalten, dass neue Herrschaften den Sitz wieder herrichten konnten. Das tatsächliche Alter der Anlagen bleibt unter den Wandlungen der Zeit oft so verborgen, wie heute die Wasserburgen hinter Erlen und Eichenwäldchen.

 

Lüdinghausen zum Beispiel besitzt gleich mehrere Burgen: Burg Vischering, das Vorzeigegemäuer des Städtchens, ist nicht das älteste - wirkt aber richtig alt. Ein Musterbollwerk, das an klappernde Rüstungen und Gespenster denken lässt, obwohl es bei seinem Bau 1271 wohl nur ein wuchtiger Mauerring war, auf Pfählen gegründet und mit Palisaden bewehrt. Bauherr war der Bischof von Münster, der die unbotmäßigen Lüdinghausener in ihre Schranken weisen wollte und ihre Burg "Wolfsberg" niederreißen ließ. Die hatten die Herren von Lüdinghausen als Zweitburg errichtet, weil ihnen die Verwandtschaft zu groß, ihre "Wasserburg Lüdinghausen" zu klein geworden war.

Die Wasserburg Lüdinghausen jedoch besitzt heute den Charme eines preußischen Finanzamts - ihr größerer Westflügel wurde im 19. Jahrhundert erbaut, der Ostflügel in der Renaissance. Beide verdecken das wahre Alter: An dieser Stelle ließ schon Karl der Große eine Burg für den ersten Münsteraner Bischof, Liudger, bauen, 450 Jahre bevor Burg Vischering entstand. Nur sieht man davon leider nichts mehr.

Was man sieht, sind Bäume und noch mehr Bäume. Obwohl die Entfernung zwischen Lüdinghausen und der Burg Vischering keine zwei Kilometer beträgt, ist die Burg vom Ort aus nicht zu erkennen. Ein Weg führt von hier nach dort, erst unmittelbar vor dem Ziel rückt das Gebäude in den Blick. Ganz nach dem Kalkül der Bauherren: Flachlandburgen funktionierten ganz anders als Höhenburgen. Sie drohten nicht wie letztere weithin sichtbar, sondern lagen versteckt hinter Gebüsch und Wald. Wer eine solche Burg angreifen wollte, musste sich ihr derart dicht nähern, dass er selbst in Gefahr geriet, bevor er den Feind überhaupt ausmachen konnte.

Gleichwohl staunt der Wanderer immer wieder über die große Zahl der Wasserfestungen. Grund dafür ist das platte Land. Sieht man einmal von der Fremdfinanzierung etwa durch Erzbistumskassen ab, so brauchte auch der geringste Adlige für die Errichtung einer Burg etliche Bauern, die ihre Abgaben in Form von Erwirtschaftetem sowie Handund Spanndiensten zu leisten hatten. Im Münsterland ist fast jeder Quadratmeter landwirtschaftlich nutzbar, während südlich davon Berge, Hügel und Felsen den Bauern die Arbeit schwer machen.

Also konnten münsterländische Höfe im Frühmittelalter auf relativ kleiner Fläche groß werden, Herzöge und Barone ihre Gehöfte zu Burgen ausbauen, konnten Herrschaftsbereiche kleiner sein als in bergigen Regionen und nah beieinander bestehen.

In der Nähe des Münsterlandes, an Weser, Lippe, Emscher, gab und gibt es ähnliche Verhältnisse. Dann aber findet sich erst in Mecklenburg wieder eine ähnliche Dichte herrschaftlicher Häuser wie im Münsterland. Nur heißen die dort Güter und Schlösser und sind im Schnitt um Jahrhunderte jünger - so jung wie Burg Hülshoff oder Schloss Nordkirchen.

Nordkirchen, das größte aller westfälischen Schlösser, sein "Versailles", hat Johann Conrad Schlaun 1734 vollendet inklusive Gartenanlage mit Orangerie und Skulpturen, jener Münsteraner Architekt, der ganz Westfalen mit Barockbauten beglückte und wohl als einziger seiner Zeit nachwies, dass dies auch mit zurückhaltender Eleganz und weniger mit protzigen Aufwand geschehen kann. Jeder, der sich einmal an Barockarchitektur übersatt gesehen hat, muss ihm dafür danken.

Wie der Wanderer überhaupt dankbar wird, wenn er der Spur der Wasserburgen folgt. Nicht nur für ihre offensichtliche Schönheit, sondern auch für ihre Zurückgezogenheit. Der Reisende muss sie suchen, sich durchfragen, manchmal schmale Feldwege gehen, um dann endlich einen Bauernhof zu finden, dessen Wohnhaus von einem Graben umgeben ist - ein bewehrter Hof, der hier seit Jahrhunderten steht. Zeugnis einer Geschichte, die nicht konserviert ist, sondern in großer Stille und Selbstverständlichkeit weiterlebt.

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Autor:
Roland Benn