Münster Der selige Graf von Galen

Die Münsteraner haben ihm auf dem kurzen Weg vom Dom hinüber zur Lambertikirche ein Denkmal gesetzt. Mächtig, mahnend und ein bisschen muffelig steht da Clemens August Graf von Galen, der "Löwe von Münster", wie sie ihn in seiner Heimatstadt nennen.

Seit dem 9. Oktober 2005 zählt er zu den päpstlich anerkannten Seligen. Immerhin mussten sechs Jahrzehnte vergehen, bis er zur Ehre der Altäre erhoben wurde. "Clau", wie Clemens August als Kind gerufen wurde, kam nicht mit Engelsflügeln zur Welt.

"Wenn du dich nicht nach den Waschlappen richtest, dann richten sich die Waschlappen nach dir." Knapp und eingängig verrät er in einem Brief an seinen Bruder, wie man durchs Leben kommt. 13 Kinder sind sie schließlich auf Burg Dinklage im Münsterland,wo Clemens August am 16. März 1878 als Drittletzter geboren wird. Gottesfürchtig und kirchentreu bis in die Knochen ist die uradlige Familie. Den ersten katholischen Schliff bekommt er als Zwölfjähriger bei den Jesuiten. Von da an ist der Weg vorgezeichnet. Bei der großen Zahl von Priestern der Sippe ist es zunächst kaum der Rede wert, dass "Clau" zum Geistlichen bestimmt ist.

So tritt er 1904 nach der Priesterweihe gleich in den Dienst eines Verwandten und wird Kaplan seines weihbischöflichen Onkels in Münster. Es folgen Pfarrerjahre in Berlin, und als die Stahlgewitter ausbrechen, will er mit der Priesterstola um den Hals an die Front. Doch sein Antrag wird abgelehnt. Also wirbt er vor einem Gesellenheim für den freiwilligen Kriegsdienst. Als das Kaiserreich besiegt zusammenbricht, sieht von Galen nicht nur die Gegenwart in düsterem Licht.

Er ist wieder in Münster und Pfarrer der Lambertikirche, als er im Jahr 1932 seine Befürchtungen veröffentlicht: "Die 'Pest des Laizismus' und ihre Erscheinungsformen - Erwägungen und Besorgnisse eines Seelsorgers über die religiös-sittliche Lage der deutschen Katholiken". Denn haben die nicht Zucht und Sitte verloren und richten sich längst nach den "Waschlappen"?

Er mag Graf sein, ein Kerl wie ein Baum, aber er ist nur ein Pfarrer und sollte sich darauf beschränken - befindet der päpstliche Nuntius 1933 und meldet nach Rom, von Galen sei schulmeisterlich und arrogant. Das Münsteraner Domkapitel setzt ihn auf die Wunschliste, als im Januar 1933 ein neuer Nachfolger des heiligen Ludgerus gesucht wird, der Vatikan aber streicht seinen Namen und macht das erst nach zwei Absagen zuvor Gekürter rückgängig. So wird Clemens August zum Bischof dritter Wahl. Am 28. Oktober 1933 zieht er in Hermelin gehüllt zum Dom.

Verwandte erzählen, der neue Bischof habe nach seiner Ernennung geweint. Aber schon bald drückt er wieder das Kreuz durch. "Nec laudibus, nec timore", so sein Wahlspruch: "Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht soll uns bewegen." Bald muss der Graf ihn einlösen: In der Bischofskonferenz streiten die ihm durchaus nicht nur wohlgesonnenen Eminenzen über den rechten Umgang mit den braunen Machthabern - für Gemauschel ist die eine Fraktion: nicht anecken, verhandeln, feilschen. Von Galen hält nichts davon: "Der liebe Gott hatte mir eine Stellung gegeben, die es mir zur Pflicht machte, das Schwarze schwarz und das Weiße weiß zu nennen", sagt er nach dem Krieg.

Was ihn an den Braunen abstößt, ist nicht ihr fehlender Sinn für Demokratie. Den hat er auch nicht. Ihre Gottlosigkeit bringt ihn in Rage, das verquaste Neuheidentum zwischen Sonnenwendfeier, Julfest, schwülem Totenkult. Dessen Hohepriester Alfred Rosenberg bietet von Galen schon 1934 die Stirn. Was soll werden, wenn der Mensch seinen Schöpfer vergisst?

Als er von der planmäßigen Ermordung Kranker und Behinderter erfährt, steigt er auf die Kanzel. "Wehe den Menschen, wehe unserem deutschen Volk, wenn das heilige Gottesgebot 'Du sollst nicht töten!' (...) nicht nur übertreten wird, sondern wenn diese Übertretung sogar geduldet und ungestraft ausgeübt wird!" Die SS will von Galen sofort hängen. Hitler aber wagt nicht, womöglich ganz Westfalen gegen sich aufzubringen. Erst nach dem "Endsieg" soll abgerechnet werden.

Galens Predigten werden auch von einem Juden gehört. Anonym schreibt der dem Bischof, verweist auf die Lage seiner Brüder und Schwestern: "Ob uns ein Helfer entsteht?" Es ist nicht bekannt, ob und wie Clemens August geantwortet hat, denn das bischöfliche Archiv ging im Krieg in Flammen auf. Für die Juden jedenfalls steigt er nicht auf die Kanzel.

Es hilft kein Deuteln: Das 68-jährige Leben des Grafen von Galen ist so wenig glatt wie das Denkmal nahe seinem Grab in einer der Galenschen Kapellen im Dom. Noch am Ende ist er der alte Dickschädel. Unterleibsschmerzen will der eben erst erhobene Kardinal nicht wahrhaben, Seine Ärzte nimmt er nicht ernst. So stirbt er nur sechs Tage nach seiner Rückkehr aus Rom an einem Blinddarmdurchbruch, letztlich auch an seiner Sturheit - doch ohne die hätte es die Predigten von 1941 wohl nicht gegeben.

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Autor:
Frank Ochmann