Nordrhein-Westfalen Die Rebellion von Münster

Am Ende stand ein blutiges Spektakel: In vier Stunden dauernder Tortur wurde den drei gefangenen Täuferführern das Fleisch von den Knochen gerissen, bevor man sie endlich erdolchte und die zerschundenen Leichen in eisernen Körben an der Südseite des Lamberti-Kirchturms aufhängte. Die Obrigkeit besiegelte ihren Triumph mit einem Warnzeichen an die Bürger Münsters, nie wieder an Aufruhr auch nur zu denken.

Seitdem, seit jenem 22. Januar 1536, schwebt die fürstbischöfliche Drohgebärde über dem Prinzipalmarkt - mit der Pointe, dass die Bedrohten selbst sie mehrfach wiederhergestellt haben, nach der Erneuerung des baufälligen Turms 1898 ebenso wie nach dem Bombentreffer 1944. Über die Jahrhunderte war das Unterwerfungssymbol ein Wahrzeichen der Stadt geworden - die Mahnung, nicht mit der Rebellion zu zündeln, Gemeingut. Man hatte die Lektion gelernt, war gut bürgerlich, gut katholisch und monogam. Die Ereignisse von 1534/35 dienten diesem Selbstverständnis als schauriges Gegenbild.

 

Damals, so die Geschichte, wie sie siegreicher Fürstbischof und Lutheraner niederschreiben ließen, hatte eine Clique von zügellosen Theokraten die Macht in der Stadt an sich gerissen, alle weltliche und göttliche Ordnung über den Haufen geworfen und ein Regime installiert, das auf Gemeineigentum, Vielweiberei und radikaler Abkehr von der alten Kirche wie von der gemäßigten Reformation gründete. Das Volk ließ sich anstecken; wer nicht mitmachte, wurde vertrieben oder umgebracht. Die Propheten verkündeten die nahe Wiederkunft Christi, gerettet würde nur, wer sich bekehrte und als mündige Person taufen ließ. Daher der Spottname "Wiedertäufer".

Als sich ihr Oberster Jan van Leiden auch noch zum König aufwarf, das Ende der Welt aber hartnäckig ausblieb, dafür der Bischof seine außer Rand und Band geratene Stadt immer härter belagerte, kam mit dem Hunger schließlich der Verrat, und das westfälische Gomorrha ging im blutigen Strafgericht der bischöflichen Söldner und Henker unter. Die überlebenden Anführer, darunter van Leiden, wurden abgeurteilt und gerichtet. Das "grob Teuffels spiel", so Luther, war aus.

Damit begann das Nachspiel: Das Auf- und Umschreiben der Affäre mit dem unwiderstehlichen Sex-and-Crime-Appeal geriet kaum weniger abenteuerlich als das Geschehen selbst. Bis heute. Zunächst setzten die Chronisten der etablierten Konfessionen ihre Version vom skandalösen Sündenfall durch. Die drei Käfige an St. Lamberti bezeugten, dass Gott den Teufel um des Exempels willen wohl einmal gewähren ließ, am Ende die Verführten aber Fluch und Schande leiden mussten.

Mit der Aufklärung kam dann Bewegung in die Gesellschaften und ihre Weltbilder, damit auch in die Erinnerung. Die Quellen, aus denen man schöpfte, waren die alten antitäuferischen Pamphlete, doch galt die Obsession der modernen Betrachter nicht mehr dem Teufel, sondern einer gewaltsamen Umwälzung der sozialen Ordnung. "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus", stellten Marx und Engels 1848 fest, und in der Tat, im Jahr zuvor hatten die Historiker Friedrich Merschmann und Leopold von Ranke es auch im täuferischen Münster entdeckt. "Kommunisten", das fuhr den Bürgern in die Knochen, über alle politischen Umbrüche hinweg: 1934/35 planten die Nationalsozialisten großangelegte Gruselfeiern zum 400. Jahrestag des "Aufflammens eines mittelalterlichen Bolschewismus" - die sie dann freilich aus Geldmangel drastisch abspecken mussten -, und noch 1976 erörterte ein Kalter Krieger "Gütergemeinschaft und Polygamie, die unmoralischen Wesensmerkmale des Kommunismus und jeder anderen Revolution, dargestellt am Täuferkommunismus". Ist das Bild aber erst einmal rotstichig, wird es schnell braun: 1937 erschien die erste, 1999 die vorerst letzte Arbeit, die Jan van Leiden in eine Reihe mit Hitler stellte, aus der täuferischen Rede vom "tausendjährigen Reich Christi" schon meinte ablesen zu können, was da noch kommen würde in Deutschland.

 

Doch nicht nur Feindbilder regen die historische Phantasie an, auch eigene Ideale erblickt man gern im fernen Spiegel. Seit den 1970ern kamen Totalitarismustheorie und Antikommunismus aus der Mode. Gesellschaftliche Experimente wurden schick, "mehr Demokratie wagen" - hatten die Täufer nicht die Ständegesellschaft überwunden, sich gegen ungerechte Verteilung, versteinerte Glaubensformen gewandt? Der Umschlag in Terror und Gewalt - nur ausgelöst von Belagerung und äußerer Eskalation? Interessanter schien die frühe "Utopie einer alternativen Gesellschaft, die auf Solidarität und eine neue Moral baute", die "geistliche Spontaneität" der Gemeinde. So las es sich 1986 - in MERIAN. Autorin Barbara Beuys reagierte damals auf eine Forschung, die anhand neuer Quellen die alten Bilder revidierte; die anstelle eines Außenseitertumults das Freiheitsstreben einer ganzen Stadtgemeinde beschrieb und hinter der Mehrehe die Logik sozialer Absicherung entdeckte. Diese Umwertungen stießen auf eine längst verbreitete folkloristische, auch kommerzielle Unbefangenheit gegenüber dem Kraft- und Saftspektakel, das historische Selbstverständnis verschob sich. Die Münsteraner begannen mit einer "gewissen Aufmüpfigkeit" zu kokettieren, wie es der Historiker Peter Johanek formuliert.

Heute kursieren die verschiedenen Täufererzählungen nebeneinander, in Reiseführern, Literatur und Stadtgespräch. Dass sich etwas Grundsätzliches verändert hat, wird nach Sonnenuntergang auf dem Prinzipalmarkt sichtbar, wenn aus den Körben je ein fahles Licht leuchtet: "Irrlichter", eine Installation Lothar Baumgartens von 1987. Oder Seelenlichter für die unbestatteten Toten von 1536 - man kann darin eine Besinnung auf die historischen Individuen sehen, die die Ideologien relativiert. Das würde zur jüngsten Sicht auf die Vergangenheit passen, die mit den großen Paradigmen und Hoffnungen nicht mehr viel anzufangen weiß, Verzerrungen auch in der Idealisierung ausgemacht hat, vom Export des modernen Revolutionsbegriffs ins 16. Jahrhundert bis zur Verachtundsechzigerung des apokalyptischen Prophetentums.

So wird die Geschichte als Projektionsfläche der Gegenwart abgelöst von der Frage nach konkreten Menschen und ihrer Lebenswelt, die mit unseren Tagen wenig verbindet. Oder? Der fremde Einzelne: abermals eine zeitgebundene Perspektive?

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Autor:
Mathias Mesenhöller