Münster Die Krimi-Stadt Münster

Das Gerhard-Domagk-Institut für Pathologie in Münster gehört zu den Orten, von denen man sich wünscht, sie seien nur Filmkulisse. Das würde den authentischen Geruch entbehrlich machen und die Hinweisschilder mit der Aufschrift: "Die Verbindungstür ist ... nach der Einsargung wieder zu schließen."

Das Institut ist für Dreharbeiten außer Betrieb, dem üblichen jedenfalls. Hinter der Eingangstür liegt eine Puppe aufgebahrt, die später einen erfrorenen Obdachlosen darstellen wird. Das geht noch. Neben der Puppe sitzt ein Mann reglos auf dem Boden, sein Gesicht grünblau, der Bart verfilzt und mit Eiskristallen garniert - der Tote für die Nahaufnahmen. Der Komparse liest in einem Stapel Fotokopien. Manchmal bewegt er sich dabei. Das geht nun gar nicht. Das ist sogar ziemlich ekelhaft, wenn man nicht damit rechnet. Die junge Frau, die mit blondem Pferdeschwanz und Parka die Pathologie betritt, ist beim Tatort Münster Nadeshda Krusenstern, die Assistentin von Kriminalhauptkommissar Frank Thiel, Beamtenstatus ungeklärt. Im Moment ist sie Friederike Kempter in einer Drehpause. Die Leiche hebt den Blick und grüßt. Die Schauspielerin zuckt zusammen und macht ein komisches Geräusch. Dann sagt sie: "Oh Mann, ich hasse es hier."

Der "Fall Münster" ist ein Rätsel. Denn wie kommt eine Stadt, in der seit Jahren kein Mensch gewaltsam ums Leben gekommen ist, die ihren vorderen Platz in der bundesdeutschen Kriminalstatistik allein dem Umstand verdankt, dass regelmäßig jede Menge Fahrräder aus den speichensatten Straßen verschwinden - wie kommt ausgerechnet Münster dazu, zum Schauplatz zweier so beliebter Fernsehkrimi-Serien zu avancieren?

Zunächst mal führt die Spur zu einer erfolgreichen Romanreihe, die sich um die Figur des einkommensschwachen und weitgehend frauenlosen Privatdetektivs Georg Wilsberg rankt, verfasst vom Münsteraner Autor Jürgen Kehrer. Ende der 90er Jahre kam das ZDF und drehte die ersten Folgen der gleichnamigen Serie mit Leonard Lansink in der Titelrolle. 2002 installierte der WDR das Tatort-Ermittlerduo Thiel / Boerne in Westfalen: ein strafversetzter Kommissar aus Hamburg (Axel Prahl), der seine FC St. Pauli-Accessoires so störrisch durch die Provinz trägt wie andere Leute Oberarmtattoos gescheiterter Beziehungen und ein misanthroper Pathologe (Jan Josef Liefers), dessen snobistische Schnöseligkeit schon in der umständlichen Schreibweise seines Nachnamens Ausdruck findet.

Auf der Fanseite im Internet www.tatortfundus. de balgen sich Thiel und Boerne beim Beliebheitsranking mit den Kölner Quotenkrachern Ballauf und Schenk um die vorderen Plätze. "Eine Stadt in dieser Größe, in einer sehr ländlichen Umgebung, die noch dazu Uni-Stadt und Bischofssitz ist - das schafft schon eine ganz besondere Bevölkerungsstruktur und eine besondere Atmosphäre",versucht Nicola Ebel vom Filmservice Münsterland eine tourismustaugliche Erklärung zu finden.

Es gibt allerdings auch Gründe finanzieller Natur, man könnte sagen: niedere Motive. Seit dem Wilsberg-Erfolg bemüht sich die Stadt massiv um weitere Filmproduktionen, unterstützt die Teams logistisch und verlangt nichts oder vergleichsweise geringe Summen für Motive und Drehgenehmigungen. 1999, als das Presseamt Münster mit dem Filmservice an den Start ging, wurde pro Jahr eine Folge Wilsberg gedreht. Mittlerweile sind es im selben Zeitraum zehn neue Produktionen.

Auf dem Domplatz steht an diesem Morgen ein Imbisswagen, von dem die Münsteraner später sagen werden, dass er sonst nie an dieser Stelle steht. Die Bemerkung wird mit demselben liebevollen Unterton versehen sein wie der Hinweis darauf, dass der Prinzipalmarkt normalerweise für den Verkehr und damit auch für Boernes Professorenporsche gesperrt ist, dass die Stadt bei weitem nicht so viele Telefonzellen besitzt, wie Wilsberg sie bei seinen Ermittlungen in Anspruch nimmt, geschweige denn eine auf dem Hof des Polizeipräsidiums, bei dem es sich um ein Gebäude handelt, das sich im wirklichen Leben Erziehungswissenschaftler und Romanisten teilen. Für die Tatort-Gemeinden von Kiel bis Konstanz gehört das Aufspüren von Abweichungen dieser Art zum Ritual wie das Fadenkreuz im Vorspann. Beide Serien werden hauptsächlich in Köln gedreht, weil trotz geringer Kosten vor Ort der Aufwand für Kost und Logis von rund 50 Crewmitgliedern in Münster die Produktionsetats in die Höhe treibt.

Um das Alibi "90 Minuten Münster" aufrechtzuerhalten, versucht man, mit Drehortwechseln nach Köln behutsam umzugehen, allerdings gelingt das nicht immer. Ein früher Wilsberg beeindruckte die Zuschauer zunächst mit der gotischen Fassade der Lamberti- Kirche, um die Handlung anschließend ins Innere einer romanischen Kirche bei Köln zu verlegen. Der Täter wurde trotzdem ermittelt.Vielleicht ist das am Ende das Wichtigste.

"Boerne ist eigentlich Houellebecq und Thiel ist Ringelnatz"

Aus der Gruppe wartender Statisten löst sich ein Fahrradfahrer, während im Hintergrund Friederike Kempter und Axel Prahl bei 15 Grad minus auf dem Domplatz eine verzwickte Ermittlungssituation spielen, die mit einem Mord in gehobenen Kreisen zu tun hat. Noch so ein Erfolgsgeheimnis: die Lust, der heilen Welt vom Sofa aus beim Untergang zuzusehen. Und es gibt wenige Orte, an denen die Fassaden des Großbürgertums so malerisch einstürzen wie in Münster. Thiel fragt eine drehbuchgemäß schlecht gelaunte Kellnerin, ob es Grog gibt. Gibt es nicht. Thiel kriegt nie, was er haben will.

Axel Prahl spielt den Kommissar mit leiser Tragik, auf dem schmalen Grat balancierend, der zwischen Pech und Scheitern verläuft, zwischen Inspektor Columbo und Donald Duck. In neun Münster-Tatorten hat Kriminalhauptkommissar Thiel einmal laut gelacht und den einzigen Kuss einer Frau um zwei Zentimeter verfehlt. Wenn die Kamera ausgeht, sieht Axel Prahl zwar immer noch aus wie Frank Thiel, allerdings wie einer, der seit Jahren in einer glücklichen Beziehung lebt, hinreichend geküsst wird und weiß, dass man ihn liebt. Ein glücklicher Thiel, gewissermaßen.

"Boerne ist eigentlich Houellebecq und Thiel ist Ringelnatz", wird Prahl später zur Klärung der Verhältnisse beitragen. "Wenn man genötigt wäre, mit einem der beiden eine Nacht in den Bergen auf einer einsamen Skihütte zu verbringen, würde man diese Skihütte wahrscheinlich lieber mit einem Thiel teilen als mit einem Boerne." Vielleicht würde man aber auch einfach draußen schlafen. "Was Thiel eigentlich will ist Seele, schöne Seele", sagt Prahl. Kriegt er aber nicht. Weil Thiel nie kriegt, was er haben will.

In der Pathologie ist Mittagspause. Die Leiche hat Entenbrust gewählt. Jan Josef Liefers sieht überhaupt kein bisschen aus wie Jan Josef Liefers, während er mit einem Tablett in der Hand durch das Treppenhaus läuft. Liefers ist Boerne, auch wenn er sich zum Nachtisch Liefers' Lächeln klaut und beim Essen mit den Füßen wippt. Auch wenn er während der Lichtprobe einen Bleistift auf der Oberlippe balanciert. Auch wenn er sich bei seiner Kollegin Christine Urspruch freundlich erkundigt, wie es ihrer Familie geht, statt seine kleingewachsene Assistentin Alberich anzuraunzen, was die Fruchtzwerge treiben. Der Bart, der sein Gesicht wie eine Maske verändert, "früher ja der klassische Bullenbart", war seine Idee. "Bei einem Typen wie dem Boerne kann man das machen, der ist als Figur ja eine komplette Erfindung", sagt Liefers. "Und gleichzeitig nutzt man als Schauspieler sein ,wahres' Gesicht nicht so ab, auf lange Sicht nicht ganz unwichtig."

Axel Prahl und Jan Josef Liefers beim Dreh in Münster zu beobachten, zu sehen, wie sich in der Pathologie zwischen Kabeln, Kameras und glibberigen Präparaten, die in Behältnissen mit bernsteinfarbener Flüssigkeit schwimmen, spontane Dialoge aus Bemerkungen schälen, die nicht im Drehbuch stehen, macht eine weitere Erfolgszutat augenfällig: den extrem hohen Unterhaltungswert der Serie, der weniger mit dem Ort als mit den üblichen Verdächtigen, den beiden Darstellern zu tun hat. "Unsere Figuren", sagt Jan Josef Liefers, "funktionieren nicht vordergründig über Anteilnahme und Betroffenheit über das Böse in der Welt.Wir sind zwei schräge Vögel, die sich nicht stromlinienförmig der allgemeinen Political Correctness anpassen." Eine Exzentrik, die auf dem harmlosen Hintergrund der Provinz hübsch schillert.

Die zweite Spur führt nach Köln, auf den Parkplatz des Evangelischen Krankenhauses Kalk, wo Leonard Lansink rauchend im Schatten eines Sonnenschirms sitzt und Cola trinkt. Er hat sich beim Reiten verletzt, das Sprunggelenk. Es war nicht klar, ob noch mal operiert werden muss, deshalb wurde vorsichtshalber ein Drehbuch verfasst, das Wilsberg an den Rollstuhl fesselt. Eine Art Fenster-zum-Hof-Geschichte, in deren Verlauf die sympathische Nachtschwester Meike ermordet wird. Wilsberg ermittelt. Rollend. Dabei kann Lansink sogar humpeln.

"Drehen in Münster", sagt Lansink, "ist ein bisschen wie Urlaub. Das ist irre bequem und die Leute sind sehr zuvorkommend." Alle Seriendarsteller bedauern, dass aus Kostengründen vor allem in Köln gedreht wird. Die Münsteraner, sagt Lansink, seien freundlicher, was auch damit zu tun haben mag, dass ihre Parkplätze nicht alle zwei Wochen von Filmteams gesperrt werden. Der Brass auf die Filmbranche fehlt hier, im Gegenteil sind die Münsteraner ihren Kommissaren geradezu euphorisch zugetan - was sich schon mal im spontanen Besuch von Schauspieler-Garderoben niederschlägt. "Um mal Hallo zu sagen". Das Wilsberg-Team befeuert den Lokal-Patriotismus mit Vorab-Premieren in Kinosälen, Tourismus-Veranstalter schicken Tai-Chi-Gruppen aus Bottrop auf die Spuren des Privatdetektivs.

"Westfalen", sagt Lansink, "sind generell hartnäckig. Die grüßen einen auch nicht erst groß, da hat man gleich die Hand auf der Schulter und wird in ein Gespräch über Schweinezucht verwickelt." Lansink ist Westfale, er darf das sagen.Vielleicht trägt das auch dazu bei, dass ihn die Münsteraner ein klein bisschen mehr ins Herz geschlossen zu haben scheinen als die Tatort-Kollegen, "obwohl den Leuten in Stuttgart das wahrscheinlich scheißegal ist, ob ein Westfale einen Westfalen spielt".

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Autor:
Karin Ceballos Betancur