Norwegen
Zu den Moschusochsen des Dovrefjell

Von Roy Fabian

Die Moschusochsen sind das Wahrzeichen des Dovrefjell im Herzen Norwegens. Auf einer Wandersafari kann man sich zu ihnen führen lassen.

Moschusochsen in Norwegen.
Roger Brendhagen/Kongsvold Fjeldstue
Man muss schon etwas Glück haben, um Moschusochsen in Norwegen zu sichten. Oft verziehen sich die Tiere tief in die Berge.

"Euch steht ein langer Marsch bevor", begrüßt uns Joakim. Ein leises Raunen geht durch die siebenköpfige Gruppe, die sich im Herzen Norwegens auf dem Hof der Kongsvold Fjeldstue versammelt hat. Und doch brennen wir darauf, einen Blick zu erhaschen auf die Wahrzeichen des benachbarten Dovrefjell-Sunndalsfjella Nationalparks. Wobei dies manchmal auch ohne Marsch geht: Hin und wieder, so berichten Augenzeugen, da sehe man sie schon von der E6 aus, jener Schnellstraße, die gleich neben der Fjeldstue verläuft - sie, die mächtigen Moschusochsen. Nicht schwer fällt es sich vorzustellen, wie sie, archaischen Mahnmalen gleich, über dem Autoverkehr thronen. Braun ist ihr Pelz und hängt zottelig von den gewichtigen Leibern herab, geschmückt sind ihre Häupter mit zweigliedrigen Hornkronen, die sich spitz auslaufend um die dunklen Gesichter schmiegen.

Moschusochsen im Dovrefjell.
CH/Visitnorway.com
250 bis 300 Moschusochsen leben im Dovrefjell.
An diesem Tag gestaltet sich eine Sichtung der Kolosse aber etwas komplizierter. "Die Ochsen haben sich tiefer in die Berge zurückgezogen", sagt Joakim. Und so brechen wir auf. Die regengeschwängerte Wolkendecke, die seit Tagen über den Hochplateaus und Felsgipfeln des Dovrefjells hing ist aufgerissen und macht der Sonne Platz. Wir passieren die gurgelnde Driva, immer den ausladenden Schritten Joakims hinterher. Der Mittzwanziger, blond wie so viele seiner Landsleute und Student der Ökologie, kennt das Dovrefjell von Kindesbeinen an und arbeitet im Sommer als Führer für Expeditionen in die lokale Megafauna. Eigentlich, erzählt er, während wir durch einen Birkenwald hinaufsteigen, seien Moschusochsen gar keine Ochsen, sondern eher Ziegen. Und prinzipiell ganz geruhsam. Auf gefühlte Bedrohungen allerdings könnten sie durchaus unwirsch reagieren. "Sie wollen eben immer die Kontrolle über ihr direktes Umfeld haben", sagt Joakim. Das Grundprinzip sei daher: "Zeige dich immer, schleiche dich nicht an sie heran und verhalte dich ruhig." Das gilt vor allem dann, wenn eines der Tiere plötzlich nur ein paar Meter entfernt hinter einer Wegbiegung auftaucht, durch die Nüstern schnaubt und das hornbewehrte Haupt schüttelt. So wie es Joakim erst kürzlich passiert ist. "Wir sind dann eben einen Umweg gegangen."

Massiv des Rondane
CH/Visitnorway.com
Mächtig erhebt sich im Hintergrund das Rondane-Massiv.
Und während Joakim erzählt, etwa darüber, wie die in Europa längst ausgestorbenen Moschusochsen nach dem Zweiten Weltkrieg in Norwegen wieder angesiedelt wurden, oder davon, dass die Population im Dovrefjell mit etwa 250 bis 300 Tieren zwar stabil, aber genetisch wenig variabel und daher immer wieder anfällig für Krankheiten sei, da treten wir plötzlich aus dem Birkenwald in eine Szenerie, die wie gemalt erscheint: Weit reicht der Blick über die Tundrenlandschaft, ein Kolkrabe begrüßt uns mit gellenden Schreien. Im Osten zeichnet sich das Rondane-Massiv ab, während im Westen die von Schnee bedeckte Flanke des höchsten Bergs des Dovrefjell, der Snøhetta, aufragt.

Snøhetta in Norwegen
Anders Gjengedal/Visitnorway.com
Der höchste Berg des Dovrefjell: der Snøhetta.
Wir nehmen Fährte auf, und bereits ein paar Schritte später gibt es erste Aufregung: In einem Seitental hat Joakim einen winzigen schwarz-braunen Punkt entdeckt - ein Moschusochse. Höchstwahrscheinlich ein Bulle, denn wenn diese im Vorjahr keine Herde erobern oder verteidigen konnten, leben sie den Sommer über allein und suchen erst im Winter wieder die Gesellschaft anderer Artgenossen. Dieses Exemplar hier ist aber selbst mit Fernglas kaum näher zu studieren, so dass wir weiter in Richtung Snøhetta ziehen. Und auf neue Spuren stoßen: Deutlich zeichnen sich im Schlamm große Hufabdrücke ab, und am Wegesrand wehen in den Zweigen der Silber- und Wollweiden Fetzen von hellgrauer Wolle im Wind. Ganz weich fühlt sie sich an, fast so, als zergehe sie in der Hand. "Es gibt hier in der Gegend eine Frau, die sammelt all die Moschusochsenwolle und macht daraus Mützen", sagt Joakim. Für robustere Alltagskleidung sei das Material aber leider ungeeignet.

Lediglich ein paar Steinwürfe entfernt döst ein Bulle

Robust oder nicht, der Lieferant unseres kuscheligen Knäuels ist jedenfalls längst verschwunden. Immer wieder schauen wir durch die Ferngläser. "Sie verstecken sich". Vielleicht weiß ja der Wandersmann, der uns entgegenkommt, etwas. Ja, er habe vorhin einen Ochsen unten am Bach gesehen. "Der war wirklich sehr schön!" Also weiter. Schließlich werden wir fündig: Kurz bevor wir das von Norden her einmündende Kaldvelldalen passieren, entdeckt Joakim zwar nicht den Ochsen am Bach, dafür aber an den Hängen des Kaldvellkinn fünf grasende Artgenossen. Wir gehen Richtung Norden, tiefer in die Berge. Schmal wird jetzt der Pfad, kaum noch auszumachen im Gewirr aus Heidekraut, Wacholder und Flechten. Als die fünf Moschusochsen größer und größer werden, sagt Joakim unvermittelt: "Ich habe noch einen entdeckt, viel näher dran!" Wir suchen das Gebiet ab, kneifen die Augen zusammen, und tatsächlich: Lediglich ein paar Steinwürfe entfernt döst ein Bulle gut getarnt zwischen Weidenbüschen. Er ist gewaltig, und die hellere Farbe seines Fells verrät sein hohes Alter. Als der Gigant sich erhebt und gemächlich davontrottet, folgen wir ihm in einigem Abstand, nur um wenig später talaufwärts noch weitere Hornträger aufzuspüren.

Als wir unsere Proviantpakete aufschnüren und die Aussicht auf Fels, Tal und Tier genießen, säbelt Joakim mit seinem Messer an einer Wurst herum. "Hier, probiert mal! Das ist Moschusochsensalami." Wie bitte? Werden die Hornträger etwa gejagt? Nein, antwortet unser Guide. Es komme jedoch vor, dass sich ein Ochse zu nah an die Straße oder eine der wenigen Siedlungen heranwage. Dann dürfe er, aus Sicherheitsgründen, geschossen werden.

Mag es auch seltsam sein, auf einem jener Tiere herumzukauen, deren Anblick wir im gleichen Moment so andächtig bestaunen - schlecht schmeckt Moschusochse nicht. Ein wenig kräftiger als herkömmliche Sorten ist die aus ihnen gemachte Salami und sehr gut gewürzt. Das Aroma noch auf der Zunge brechen wir wieder auf, nur um auf unserem Rückweg weitere lebende Exemplare zu entdecken. Insgesamt 19 Ochsen haben wir bis hierher gezählt, "Saisonrekord", wie Joakim sagt. Als schließlich noch ein Raufußbussard direkt über uns kreist, erkennbar an den dunklen Flecken auf den grauweißen Flügelunterseiten, da ist es nicht nur um uns, sondern auch um ihn, den Ortserfahrenen, vollends geschehen. "Ich habe noch nie einen so nah gesehen." Eine Stunde später stehen wir wieder zwischen den rot und weiß gestrichenen Holzhäusern in Kongsvold. Beeindruckt, gebräunt, geschafft - aber es war das perfekte Abenteuer.

INFO:

Die Moschusochsensafaris im Dovrefjell finden in der Regel bis Ende September statt. Mehr Infos finden sich unter www.kongsvold.no. Ähnliche Touren gibt es auch unter www.moskus-safari.no, www.dombasmotel.com und www.hjerkinnhus.no

Artikel erschienen: August 2013