Mecklenburg-Vorpommern Ein Leben in Rostock

Zurückkehren, wiederkommen, nach mehr als 20 Jahren plötzlich vor der Tür stehen - Herr Biganski macht es mir leicht. "Kommen Sie hoch", knarzt er in die Gegensprechanlage, die es früher noch nicht gab. Kein Zögern in seiner Stimme, kein Zweifel, ich könnte am Ende eine sein, die ihm nur seine Unterschrift abluchsen will.

Steht oben in der Tür, ein kerniger, alter Herr mit windgegerbtem Gesicht und Jean-Gabin-Lächeln und gibt mir die Hand. Zutraulich, freundlich. Zwar scheut er sich, das "du" von früher zu benutzen, doch ansonsten ist die Sache klar: Ich bin "die Kleene" von oben, die aus dem Fünften, damals zehn Jahre alt. Oft kränklich und ohne Luft, weil die Bronchien angegriffen waren. Dennoch kregel und mit großer Klappe. Und meist mit seiner gleichaltrigen Tochter Katrin unterwegs, auf dem Spielplatz, hinterm Haus. Weil wir dort die Anführer, die Bestimmer waren. Sieger im Murmeln auf der Wäschewiese, Rekordhalter im Rollendrehen auf dem Klettergerüst. Vorwärts, rückwärts - stundenlang.

Die blauen Flecken in unseren Kniekehlen zeigten wir wie Orden vor: Seht, wir sind die Größten! Rostock-Evershagen, Maxim-Gorki-Straße 21. Da stehe ich also mitten in meiner Kindheit, mitten in der Platte. "WBS-irgendwas" - ich hab's vergessen. Und lange Zeit verheimlicht. Weil die Platte Stigma ist, jedenfalls die im Osten, jedenfalls heute. Sinnbild für kalt konstruierte Menschenställe, für Trabantenstädte à la Mars. Behausung für Bonzen und Bierbüchsen-Existenzen. "In Lichtenhagen?", stöhnen Leute aus München oder Münster, wenn ich ihnen sage, wo ich viele Jahre aufgewachsen bin. "Da, wo die Skinheads rumgefackelt haben?" Nein, in Evershagen, später dann in Schmarl! Doch egal, welches "Arbeiterschließfach" meines war, wer "von da" kommt, ist verdächtig, hat die Reichskriegsflagge überm Hochbett und sagt auch heute noch gerne "Neger".

Manchmal ist es auch anders, und wir Zonenkinder zertrümmern lieb gewordene Klischees: "Was, du aus der Platte?", heißt es dann, "so siehst du gar nicht aus"! Ja - ich aus der Platte. Und trotzdem nicht plemplem. Und teurem Lifestyle nicht abhold. Interlübke kann ich sehr wohl von Ikea unterscheiden - meine Wohnung heute in der neuen Mitte von Berlin.

Amüsiert registriere ich, dass junge Kreative das Normierte plötzlich klasse finden: Zuhauf ziehen sie in die Leipziger Straße, zu DDR-Zeiten eine fiese Neubau-Magistrale, möblieren die 08/15-Wohnungen im Retro-Schick und empfinden sich inmitten ihrer Ex-Stasi-Nachbarschaft als Avantgarde. Für mich undenkbar. Ich war ein zwiegespaltenes Plattenkind. Vor allem als das Gymnasium losging. Das befand sich in Rostocks Altstadt, und wenn es auf dem Schulhof ums Adressensagen ging, druckste ich herum.

Ja, ich war eine, die nach der letzten Stunde die S-Bahn in Richtung Warnemünde nahm. Aber nicht, um dort auszusteigen, sondern schon ein paar Stationen vorher der Betonplatten-Realität meines jugendliches Daseins ins Auge zu blicken: Die Wohnwüste am Rande der Stadt, das Neubaugebiet, eine halbe Stunde vor Rostocks Toren, hochgezogen auf sozialistischem Acker, das war mein Zuhause. Hier streifte ich mit meinen Kumpels durchs Karree, bauten wir Verstecke in Röhren und Tunneln, waren wir Partisanen und Piraten. Hier schrieb mir Martin Rommel - wir waren sieben - meinen ersten Liebesbrief. Arglose Kindheit, dennoch: Oft fühlte ich mich ausgegrenzt - ein verdammtes Ghettokind. Damals schon verpönt, jedoch aus anderen Gründen. Denn Plattenmenschen waren Privilegierte des Systems. So hieß es allen halben, weil bei ihnen das Kohlenschleppen passé war. Aber interessierten so schnöde Dinge einen Backfisch? Ich war neidisch auf meine Freundinnen, die in der Mittagspause von der Schule nach Hause huschten, weil sie in den Altbauten vis-à-vis wohnten.

Manchmal ging ich mit, und dann saßen wir am Küchentisch, schrieben Spickzettel für die nächste Stunde, futterten Pflaumenmus-Stullen und kicherten über die Klassenkameraden, die mit verkochten Kartoffeln der Schulspeisung vorlieb nehmen mussten. Als ich aus Rostock wegzog, bröselten die Bande. Zu Freunden, Lehrern, Klassenkameraden. Auch zu Biganskis. Zu viele Wohnungswechsel, zu viele Menschen folgten nach - in Leipzig, Hamburg, Frankfurt, München und Berlin. Aber weil Kindheit mehr als alles andere wiegt, sind ihre Storys schnell reanimiert: Oft reicht schon leises Scharren im Sand der Jahre. Oder der Besuch bei alten Nachbarn.

Besuch doch Katrin auch", meint Herr Biganski, "die freut sich garantiert." Ein Tag wie eine Fügung, ein Wiedersehen wie im Film: "Komm rum", sprudelt sie fröhlich in den Hörer, steht am Fenster, als ich ihrer Haustür näher komme. Katrin ist jetzt Verkäuferin bei Peek & Cloppenburg, hat Mann und Kind und Ausflüge in die Fremde auf ein Mindestmaß reduziert: Von der Maxim-Gorki-Straße 21, unserem Block von damals, ist sie in die 38 gezogen - nur 17 Hausnummern weiter. So kann sie an diesem Nachmittag beim Kaffee nicht mit Erlebnissen aus der weiten Welt aufwarten, hat aber sofort die alten Kamellen parat: Wie Frau Pole aus der Ersten, die heimliche Chefin damals im Haus, immer herumzeterte, wenn wir Halbwüchsigen "Treppenspringen" vom obersten Stockwerk runterwärts übten und am Ende lautstark vor ihrer Wohnungstür aufklatschten.

Wie wir uns in Evershagen-Dorf, den Siedlungsresten ehemaliger Bauern hier, heimlich in einen Heuschober schlichen, die Besitzerin uns dabei ertappte und mir bei der Flucht die Hose riss. Oder wie wir zum Internationalen Kindertag, jedes Jahr am 1. Juni, den Rasen vorm Block als Festwiese deklarierten und die Sieger im Eierlaufen und Sackhüpfen kürten. Und und und.

Manchmal, gestand ich Katrin an diesem Tag auf ihrer Couch, hätten meine Schwester Anna und ich auch ganz schön abgelästert über sie. Ihrem Puppenkind nämlich träufelte unsere Kumpeline Haferschleim und Griesbrei in den offenen Gummimund und störte sich rein gar nicht an dem Mief, der bald aus diesem Monster quoll. Katrin und ihr Clan leben gern hier, schon immer, sie lieben ihren Plattenkiez. 50 Quadratmeter für drei Leute - reicht! "Sieh doch, wie schön es hier geworden ist", schwelgen sie unisono.

Die Bäume, damals dürre Äste noch, stehen nun stark und saftig und ragen bis zum vierten Stock. Vorbei die Zeit, als rundherum nur Modder war und ohne Gummistiefel gar nichts ging. Pastellfarben strahlten die Fassaden. Und wenn Goldlicht den Ostseehimmel weich färbt und bunte Sonnenschirme auf den Balkonen leuchten, dann könnte man auch denken: Côte d'Azur. Wenigstens ein bisschen. Die Ostsee ist gleich um die Ecke, die Luft jodhaltig und frisch. Vieles ist neu. Fenster. Türen. Mieter. Klopfstangen für Teppiche braucht heut keiner mehr, aber die Wäsche, die hängt immer noch im Hof. Wer oben links wohnt? Keine Ahnung.

Die Menschen bleiben oder gehen. Mit ihnen die Rituale. Das Schicksal war auch hier wie überall im Leben - mal hart, mal milde. Den Göllners starb die Tochter weg, den Frosts der große Sohn. Mirée hatte es am Herzen, Mirko vergiftete sich an einem falschen Pilz. Frau Pole ist weit über 80 und noch immer quietschfidel. Die Flurwoche gibt's immer noch, streng nach Plan, gemeinsames Amüsement jedoch ist abgeschafft. Keine Disco-Abende, keine Weihnachtsfeiern mehr im Trockenkeller, mit Monokassetten im RFT-Recorder. Es war einmal. Eine Hausgemeinschaft. Als ich zurück bin aus der Kindheit, wieder in Groß-Berlin, bekomme ich ein seltsam passendes Geschenk: Plattenbauten - ein Quartettspiel. Auf den Rückseiten der Karten resümiert da der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt seine eigene Zeit im Neubau-Stadtteil Buch: "Der Beton der Balkonbrüstung bröckelte, aus den Müllkästen wirbelten alte Zeitungen, in den Speckitonnen schmatzten die Maden, und man war sich sicher: In 50 Jahren steht hier kein Stein mehr auf dem anderen, aber wo werde ich dann sein?" Wir sind woanders, ganz woanders. Und immer noch ein bisschen da.

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