Masuren Beschaulichkeit und Frieden

"Als der Herr noch auf Erden wandelte, kam er am späten Nachmittag, als er schon etwas müde war, ins Masurische und schuf, bevor er einschlief, mit sanfter Hand und ohne viel nachzudenken die masurische Wildnis. Seitdem ist Masuren ein Land ohne Eile, das gern die Zeit verschläft und seine Menschen die Langeweile lehrt ..."

Damit ist viel über Masuren gesagt: Beschaulichkeit, wohin man auch blickt. Wasserfälle wären zu laut für diese Landschaft, hohe Berge würden dem weiten Horizont im Wege stehen. Stille gehört so selbstverständlich zu Masuren, dass darüber kein Wort zu verlieren ist. Erlaubt sind die Schreie der Raubvögel, das Spektakeln der Krähen in den Bäumen, der Singsang der Schwäne, wenn sie im Tiefflug über den See streichen, das Rufen des Käuzchens und das Summen der Bienen in blühenden Lindenbäumen. Wenn bei Tagesanbruch die Störche auf dem Scheunendach die Schläfer wachklappern, nun ja, ist es laut, aber es stört nicht.

Es gibt sie noch, die "Masurische Wildnis", jenes unwegsame Wald- und Seengebiet, in dem sich Wölfe und Füchse gute Nacht sagten und vor gar nicht so ferner Zeit Bären hausten. Wölfe sind selten geworden, die Bären in zahlreichen Stadtwappen verewigt und in einem Honigschnaps namens Bärenfang.

Wenn ich, von Allenstein kommend, ins Masurische eintauche, begegnen mir sofort die alten Bilder: Pferdefuhrwerke, die über Kopfsteinpflaster klabastern, Hocken auf dem Feld, barfuß laufende Kinder, Schnitter im Korn, Holzhäuser am Seeufer. Über den Haustüren kleben Schwalbennester, die Hühner spazieren in die Küche, auf dem Dach klappern Störche. Alte Männer, die Stummelpfeife im Mund, stehen am Straßenrand und blinzeln in die Sonne, Frauen jäten Gemüsegärten, Kinder spielen in den Patschlöchern des Sommerweges.

Von Masuren sagt man, dass der Himmel anders aussieht, die Seen verträumter erscheinen als die Gewässer anderswo und Kornblumen, Margeriten und Mohn üppiger blühen. Der Wind hält den Atem an, die weißen Sommerwolken wollen sich an Bäume und Kirchtürme hängen, um zu verweilen. So ist Masuren.

Was ist viel zu sagen über eine Landschaft, deren einziger Reichtum aus Wasser, Sand und Wald besteht? Die Sehenswürdigkeiten sind bescheiden. Der Kruttinna-Fluss im Süden schleicht so gemächlich von einem See in den anderen, dass der Betrachter ständig fürchten muss, die liebliche Kruttinna könnte das Fließen vergessen. Die Seen bevorzugen die kleine Form, verstecken sich im Dickicht der Wälder; nur der Spirdingsee ist so aus der Art geschlagen, dass er "das Masurische Meer" genannt wird, weil man Mühe hat, das andere Ufer zu sehen.

Ich kenne keine andere Landschaft, die so geprägt ist von Alleen. Hundertjährige Eichen, Eschen, Linden, ja sogar Birken begleiten die Straßen von Dorf zu Dorf, durchqueren gelbe Kornfelder, schlängeln sich an den Ufern der Seen entlang und verschwinden als Scherenschnitte hinter sanften Hügeln. Für Abenddämmerungen und Nebeltage hat Masuren die düsteren Kopfweiden erfunden, die die Feldwege säumen und dem Wanderer Furcht einflößen.

Am Rande der masurischen Einsamkeit liegen die Trümmer jenes Zyklopennestes, das 1941 in den Wald gebaut und 1945 in die Luft gesprengt wurde, eine traurige Sehenswürdigkeit. Die Betonklötze des so genannten Führerhauptquartiers in diese Landschaft zu setzen, war eine beispiellose Demütigung. Es werden noch Jahrhunderte vergehen, bis die Natur den barbarischen Eingriff korrigiert hat; das Tausendjährige Reich hinterließ tausendjährige Trümmer. Ein Juwel dagegen, gar nicht weit entfernt von jenem Grauen, ist Heiligelinde, eine barocke Wallfahrtskirche, die vor allem deshalb so beeindruckt, weil in dieser unscheinbaren Wald- und Wiesenlandschaft niemand eine solche Kostbarkeit erwarten konnte.

Im Ersten Weltkrieg suchten die Tannenbergschlacht und die Masurische Winterschlacht das Land heim, noch heute erinnern Soldatenfriedhöfe an jene lauten Tage.Vom Tannenbergdenkmal, das 1945 auch gesprengt wurde, sind nicht einmal Trümmer geblieben. Der Zweite Weltkrieg verschonte Masuren von größeren Kampfhandlungen; im Juni 1941 schickte er in die masurischen Wälder jene Soldaten, denen es bestimmt war, nach Russland zu marschieren.

Masuren hat die geschichtlichen Zumutungen geduldig ertragen. Wie das Schilfrohr am Seeufer duckte es sich vor den Stürmen und richtete sich wieder auf, wenn das Unheil abgezogen war. Um 1900 verlor Masuren seine Jugend. Sie zog es über den Ozean oder in die Bergwerke Westfalens. Die Szepans und Kuzorras, die den Fußballklub Schalke berühmt machten, hatten masurische Wurzeln. Gern besuchten die Auswanderer ihre masurische Heimat und brachten ein wenig Wohlstand mit in das arme Land.

Auch heute empfängt Masuren seine Besucher wie verlorene Söhne, die der traurige Lauf der Weltgeschichte in die Fremde getrieben hat und die nun wieder heimkehren dürfen. Mit dem Eintritt Polens in die Europäische Union fühlen sich die Masuren mit ihren Auswanderern, Flüchtlingen und Vertriebenen wieder vereinigt. Ich hoffe nur, dass das "europäische Masuren" nicht zu modern wird und darüber alles verliert, was es so anziehend macht.

Es bedurfte keiner großen Werbeaktion, um den Zauber Masurens zu verbreiten. Schon vor hundert Jahren nahm jeder Besucher ein Stück des Zaubers mit und berichtete über das eigenartige Land. Nicht zuletzt die Literatur hat diesem Landstrich Kränze geflochten. In "So zärtlich war Suleyken" huldigte Siegfried Lenz seinem Masuren, Ernst Wiechert besang "Das einfache Leben".

Masuren lebte lange mit dem Makel einer rückständigen Gegend, in der die technischen Errungenschaften der Neuzeit mit Verspätung eintrafen, wenn überhaupt. Ein wenig Exotik schwang immer mit, wenn man von Masuren sprach, das man eine Station vor Sibirien vermutete. Der Hochmut erlaubte sich Sprüche wie diese:"Fern am Rande der Kultur wohnt sich der Masur." Heute macht die angebliche Rückständigkeit den Reiz Masurens aus; es ist noch eine Welt zu besichtigen, die anderswo längst untergegangen ist.

Verändert hat sich auch das Selbstbewusstsein der Bewohner. Früher als Hinterwäldler belächelt, sprechen sie den Satz "Ich bin ein Masure" mit Stolz aus und nicht wenige im Westen brüsten sich damit, auch eine masurische Großmutter zu haben.

Die neue Wertschätzung hat dazu geführt, dass Masuren eine wundersame territoriale Ausdehnung erfahren hat. Ursprünglich war es ein schmaler Landstreifen im Südosten der Provinz Ostpreußen, der keine exakten Grenzen hatte. Heute dehnt sich das Bild über alle Maßen aus.Viele rechnen das ganze Land südlich der Grenze zum russischen Oblast Kaliningrad, dem Königsberger Gebiet, zu Masuren und möchten sogar das westlich gelegene Ermland, das eine eigene Geschichte und eigene Bewohner, aber die gleiche schöne Landschaft hat, dem Masurischen zuschlagen.

In Masuren glaubt man immer noch, in einem Paradies zu leben, in das der liebe Gott kommt, wenn er ausruhen will. Die Menschen hier bedauern jeden, der dieses Land verlassen muss, und wünschen ihm baldige Heimkehr. Nach Masuren kommen, heißt immer heimkehren.

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Autor:
Arno Surminski