Malta Wo Christen zu Allah beten

Hier also soll es gewesen sein: An dieser Stelle ist Paulus, schiffbrüchig und klatschnass, vor rund 2000 Jahren auf den maltesischen Fels gekrabbelt. Hat ein Feuer angezündet, um sich zu wärmen, und wurde dabei von einer aufgeschreckten Schlange gebissen. Da der Biss ihn nicht tötete, hielten ihn die Einheimischen für einen Gott, was ihm die Christianisierung Maltas sicher erleichterte. Auch dass er - gleich um die Ecke, 200 Meter vor dem Kreisverkehr an der Main Street - mit seinem Stecken eine Quelle aus dem Fels schlug, wird ihm Pluspunkte eingebracht haben: Wasser war schon damals knapp auf der Insel, und die Quelle sprudelt noch immer.

In den meisten Kirchen, vielen Restaurants und öffentlichen Gebäuden Maltas hängen Gemälde, die die Ankunft oder die Wundertat darstellen. Historisch ist es allerdings strittig, ob der Apostel, als römischer Gefangener aus Palästina kommend, auf dem Weg zu seiner Gerichtsverhandlung nach Rom tatsächlich auf Malta strandete. Die Bucht heißt dennoch St. Paul's Bay und ist einer der am meisten touristischen Küstenabschnitte der Insel. Hotels neben Restaurants, Karaoke-Bars im Wechsel mit Fish-&-Chips-Buden. Architektonisch nicht gerade der schönste Teil Maltas und doch typisch für das Eiland, das manchem Besucher anfangs karg und spröde vorkommen mag. Typisch, weil in St. Paul's Bay vieles aufeinandertrifft, was Malta ausmacht: die christliche Tradition, Überreste jungsteinzeitlicher Kultur, arabische Einflüsse und englisches Erbe.

Von der Terrasse des "Gillieru Restaurant" an der Church Street hat man einen prächtigen Blick auf die Bucht und bekommt dazu ausgezeichnete maltesische Fischgerichte serviert (beispielsweise "Stuffat tal-Qarnit", köstlicher geschmorter Tintenfisch in Knoblauch-Tomaten-Sauce). Der Service bleibt auch dann noch gut, wenn man anfängt, mit dem Kellner über die wissenschaftliche Korrektheit der Paulus-Theorie zu diskutieren. Obwohl: da versteht der Malteser keinen Spaß, und schnell springen andere Gäste dem Ober bei und schwören Stein und Bein, dass die in Sichtweite liegende St. Paul's Chapel exakt an der Stelle errichtet wurde, an der der Apostel die Insel betrat. Höflich vorgetragene Einwände, dass einige Historiker die Meinung vertreten, Paulus hätte es nicht nach Malta verschlagen, sondern auf die westgriechische Insel Kephallonia, werden entrüstet niederdiskutiert. Beifall erntet ein bestimmt 80-jähriger sonnen- und seegegerbter Fischer im Sonntagsanzug, der die Griechenthese mit der Bemerkung zur Hölle schickt, "wenn der heilige Paulus in Griechenland gestrandet wäre, wären wohl kaum die Griechen heute orthodox und wir katholisch".

Merke: Auf ihren Paulus lassen die Malteser nichts kommen. Gut 93 Prozent der 400.000 Insulaner sind Katholiken und angeblich gibt es so viele Kirchen auf Malta, wie das Jahr Tage hat. Der Besuch der Messe am Sonntag ist ebenso selbstverständlich wie das ausgiebige Feiern der Feste der unterschiedlichen Dorfheiligen - manche Örtchen haben praktischerweise gleich zwei davon, was bedeutet - richtig - zweimal Party! Es ist spürbar, dass Malta jahrhundertelang christliches Bollwerk gegen den Islam war. Spürbar, wenn auch nicht hörbar: Wer einen Gottesdienst besucht, wird zu seinem Erstaunen die Anbetung des christlichen Gottes unter dem Namen "Allah" vernehmen können. Malti hat ihre Wurzeln im Arabischen, ist also eine semitische Sprache, aber der Wortschatz ist mit vielen romanischen Vokabeln angereichert. So stammt etwa "bongu" (gesprochen bondschu, "guten Tag") vom französischen "bonjour" oder "grazzi" ("danke") aus dem Italienischen. Ebenfalls einzigartig ist es, dass diese arabische Sprache in lateinischer Schrift geschrieben wird.

Abraham Ben Samuel Abulafia wird solch religiöser und kultureller Mischmasch sicherlich gefallen haben. Dieser in Spanien geborene Philosoph lebte Ende des 13. Jahrhunderts auf der winzigen, zu Malta gehörenden Insel Comino. Verglichen mit Paulus ist er den Maltesern heute ungefähr so geläufig wie ein Schneesturm. Und er wäre wahrscheinlich nicht sonderlich beliebt - hatte er seinerzeit doch die kreative Idee, Papst Nikolaus III. zum Judentum bekehren zu wollen.

Dennoch kann man seine Philosophie typisch maltesisch finden. Wo anders als nach Malta, dem geografischen und kulturellen Schnittpunkt von Abend- und Morgenland, passt die Vision, Christentum, Judentum und Islam zu einer einzigen großen Weltreligion zu vereinen? Nichts weniger hatte Abulafia vor. Ein Hirngespinst, natürlich, aber ein schönes: Immerhin ist Abraham der Stammvater aller drei Weltanschauungen. Auf Malta hatte Abulafia mit solchem Unfug natürlich keine Chance - Paulus war schließlich gerade erst vor 1300 Jahren abgereist (wenn er denn da war), und der Malteser wechselt so schnell seine Gesinnung nicht.

Da müssen schon ein paar Jahrtausende mehr über den gelbbraunen Kalkstein wehen, bis hier etwas vergessen wird. Im Gegensatz zum lebendigen Christentum ist die Erinnerung an die wesentlich älteren Spuren menschlicher Kultur auf Malta verblasst und nur noch in uralten Steinen sichtbar. Neben den großen und bekannten Tempelanlagen von Hagar Qim und Mnajdra finden sich manchmal auch Überreste von Gebäuden aus der Jungsteinzeit mitten zwischen modernen Gebäudekomplexen.

Skurrilste Sehenswürdigkeit dürfte hier ein kleiner neolithischer Tempel sein, der nun zwischen Swimmingpool und Bar des Hotels "Dolmen Resort" an der St. Paul's Bay liegt, welches - passenderweise - nicht weit von der Triq It-Turisti, der "Straße der Touristen", beheimatet ist. Überwiegend englische Gäste pendeln hier in Badehose und mit dem Gin-Tonic-Glas in der Hand an den uralten Zeugnissen menschlicher Zivilisation meist ungerührt vorbei. Einer legt sein Handtuch auf den Steinen ab, ein maltesischer Hotelangestellter legt es diskret auf einen Liegestuhl.

Überhaupt die Engländer. Man hat den Eindruck Malteser und Briten haben sich miteinander gut arrangiert. Schließlich sind beides Inselvölker und die britische Herrschaft begann mit einem Hilferuf der Malteser, die ihre französischen Besatzer loswerden wollten. Die Briten ließen sich nicht zweimal bitten: Im September 1800 zwang eine Seeblockade die Franzosen zur Kapitulation. Nur - die Engländer waren gekommen, um zu bleiben. 1814 wird Malta Kolonie und bleibt bis 1964 unter britischer Herrschaft. Ein wichtiger strategischer Stützpunkt und deshalb auch während des Zweiten Weltkriegs, ab 1941, Ziel verheerender Luft- und Seeangriffe der Deutschen und Italiener.

Malta hielt stand, und Anfang 1943 hatten die Angreifer ihre Bombardements aufgegeben. Der mit britischem Geld finanzierte Wiederaufbau bescherte Malta ein kleines Wirtschaftswunder. Und während überall auf der Welt Kolonien um ihre Unabhängigkeit kämpften, stimmten die Malteser 1956 für den Anschluss an England. Doch London winkt ab - man hat Angst, Malta könnte zu teuer werden. Die verschmähte Schöne drängt nun auf Scheidung: 1964 wird Malta ein unabhängiger Staat, verbleibt jedoch im Commonwealth. Und so richtig weg sind die Engländer natürlich nicht: Wer beispielsweise den Marsa Sports Club, vor den Toren Vallettas besucht, findet hier nicht nur Maltas einzigen Golfplatz und eine Pferderennbahn, sondern wird stilecht im holzgetäfelten Clubraum empfangen, lässt sich in schwere Ledersessel fallen, liest die Londoner "Times" und bekommt selbstverständlich seinen Five o'Clock Tea serviert.

Und zu all dem lächelt Königin Elizabeth vom Ölgemälde an der Wand. Nicht Paulus.

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Thorsten Kolle