Malta Spinner, Spieler, Briten

"Hey, that's a good joke", sagt Wayne Clifford, "jeder, der behauptet, die Engländer seien nicht mehr da, sollte mal herkommen nach Malta."

Von wegen weg! Der Toast ist verbrannt, die Spiegeleier schwimmen auf Bohnen, das Bier ist lauwarm und ohne Schaum. So wie es sich gehört. Die Schüler tragen Uniform, die Telefonzellen sind rot und in die Autos solltest du besser von rechts einsteigen, damit du es im Linksverkehr nicht so weit zum Lenkrad hast. Wie zu Hause, nur viel wärmer, und gezockt wird auch auf Teufel komm raus. Nicht nur beim Fußball, wie Wayne es von seinen Spurs aus Tottenham kennt, pah, die wetten hier sogar darum, ob die nächste Frau, die sich am Tresen festhält, blond sein wird, oder wie viel Verspätung die Fähre von Sizilien hat. Gleich um die Ecke, in der Triq il-Halel von St. Paul's Bay, stehen sie und streichen sich im Betting Shop die Scheine glatt.

Malta is very British, isn't it? - "Und wie", sagt Wayne. Er weiß nichts vom National Day am 31. März, mit dem die Malteser seit 1979 den Abzug der letzten englischen Truppen feiern. Er kommt immer erst im April, wenn die Hitze noch nicht so reinhaut und er keine Handtücher auf die Liegen am Pool legen muss. "Ist ja noch tote Hose", sagt er, Malta wirkt dann auf ihn wie ein großes, warmes Altenheim, weil mehr Rollstühle vor den vielen Hotels mit den behindertenfreundlichen Rampen parken als schicke Cabrios, aber andererseits: "Ich bin auch schon 50", sagt er und guckt streng, als ließe er deshalb keine gerontologischen Vorurteile gelten.

Wer weiß, vielleicht fährt er noch in 20 Jahren nach Malta. Seine Eltern leben bei ihm im Norden von London, und wenn er es sich leisten könnte, würde er sie mit auf die Insel nehmen. Doch gerade gestern hat ihn wieder so ein freundlicher Reiseleiter genervt, der in alle anwesenden Hörgeräte brüllte und die Greise wie kleine Kinder behandelte. Geht mal raus, das große Wasser gucken! Es fehlte nicht viel und Wayne hätte dem Kerl eine reingehauen.Weil er Respekt vor dem Alter hat.

"Hell is well", ruft Wayne und lässt beim Bierheben im Victoria Pub den tätowierten Tigerkopf über seinen welken Bizeps rollen. Er trägt bauchfrei, weil ihm das T-Shirt kaum über den Wanst passt, und prostet einer drallen Kellnerin zu, während sein Kumpel Frank vor einem Fernseher sitzt und die hastig vorbeigleitenden Liedzeilen von Strangers in the Night heruntergrölt. Seit 9 p.m. ist Karaoke, wie jeden Abend, wenn sie vom Sundowner im Villa Mare vorbeischauen, einer lauten Kneipe mit Blick auf die tolle Bucht von St. Paul's. Dort helfen sie gern der Sonne beim Untergehen, sie fällt dann einfach so runter bei einem Glas Wodka-Cola.

Nur manchmal stiert keiner mehr aufs Meer, weil einige Meter weiter Arsenal gegen Manchester auf einer riesigen Leinwand kickt. Vielleicht auch Chelsea gegen Middlesbrough. Aber später geht es zum Singen schräg gegenüber, schon wegen der geilen Frau an der Bar. Oder auf einen Sprung zu Fat Harry's oder ins Oracle Casino mit den einarmigen Banditen. Credit card accepted and serving all. Hier verstehe ich alles, sagtWayne, und was noch wichtiger ist: selbst nach dem zehnten Bier.

Hier kuschelt sich Wayne Clifford ins Klischee und keiner stört ihn dabei, während sich England auf einen kleinen Platz am Strand reduziert. Er muss sich nicht verstellen, wenn die meisten der jährlich 500.000 englischen Touristen über die Insel herfallen, ist er längst wieder weg. Hier heißt Change noch Change und nicht "Geldweschel", wie es bisweilen zur Erheiterung von Castrop-Rauxel an den Umtauschbuden steht.

Hier riecht es den ganzen Tag nach Fish 'n' Chips und Nationalstolz und gelegentlich nach süßlichen Pfützen am Straßenrand, wenn das Commonhealth am Abend zu lange gedauert hat. Hier spüre ich England, sagt Wayne, nicht nur an den Kopfschmerzen. Oft geht er in die alten Kolonialstilhäuser, staunt sich durch die Geschichte oder hält mit den Fischern ein Schwätzchen über ihren letzten Fang. Bei ihm gibt es nicht bloß Saufen und Grölen, sondern auch das stille Verdrängen eines Gefühls, dass Malta eines Tages etwa nicht mehr englisch sein könnte. England kam vor 200 Jahren, England machte Malta am 21. September 1964, na ja, wieder maltesisch, aber eigentlich war England niemals verschwunden. Es kehrt stets zurück, am liebsten wie Wayne mit einer Dose Heineken in der Hand.

Aber wenn du auf Malta den englischen Wurzeln folgst, endest du regelmäßig in der Kneipe. Bei Wayne, Frank und wie sie sonst so heißen. Dann triffst du sie, wie sie breitbeinig mit ihrem pint of beer dort stehen und protzen: Diese Insel gehört uns! Viel mehr als dem Deutschen sein Mallorca, wo er trotz Bratkartoffeln zu keiner Zeit so starken Einfluss auf die Sitten der Bevölkerung hatte.

Das Herz von Malta erreicht England nicht

England mischt sich ein, es rülpst in der Bar, aber das Herz von Malta erreicht es nicht.

Das behaupten jedenfalls die wichtigen, sonnenbebrillten Menschen in den Gassen von Valletta; die es an die winzige Malteser Börse geschafft haben oder mit anderen Geschäften und in ihren teuren Anzügen versuchen, auf Ledersohlen über das Altstadtpflaster zu schlittern. Sie sind italienischer als ihre Schuhe, zeigen trotzig auf die vielen Büsten im Kreisverkehr, die der wahren Größen der Insel gedenken, weil sie, sagen wir, die besten Rezepte für Zwerghasen in Knoblauchsoße eingeführt haben. Schauen Sie selbst, flüstern sie, Engländer werden bei uns nicht in Stein gehauen. Dann wischen sie sich den Staub von ihren Jacken, nippen an ihrem stillen Wasser und sprechen leicht indigniert von diesen schmerbäuchigen Engländern, die in Shorts, Sandalen und weißen Socken im Fünfsternehotel zum Frühstück latschen.

Natürlich sagt das keiner laut, man will sich schließlich nicht die Devisen kaputt machen, und so ein gebildeter Mann wie Dominic Micallef vom Tourismusbüro würde sich eher die Zunge abbeißen, als schlecht über England zu reden. Allerdings redet er auch nicht gut über das Land, ach was, er erwähnt es erst gar nicht, wenn er als Beauftragter für Kultur und Geschichte mit glühender Leidenschaft von den Skulpturen Mazzuolis oder den Altarbildern Paladinis schwärmt. "Wissen Sie, ich habe lange in Mailand gelebt", sagt er und erinnert daran, dass man auf Malta bis 1934 in allen Behörden Italienisch gesprochen hat.

Seitdem sind die Kunst, die Architektur, auch die Kirchen ganz gut ohne britische Beteiligung ausgekommen. Vor allem in den prächtigen Kathedralen ist England bis heute draußen geblieben, es steht pull für Ziehen an den schweren Türen, aber drinnen wird sehr hartnäckig maltesisch gebetet. Sogar die Halbstarken halten sich daran, die sich auf den hohen Stufen treffen, bevor sie beim Reingehen die Sonnenbrillen hochschieben und für zehn Cent eine Glühbirne vor der Madonna entzünden. "Wir dürfen stolz auf uns sein", sagt Mr. Micallef, "unsere Insel ist ein großes, schrilles Museum", aber er schweigt beharrlich, wer hier am schrillsten ist.

Helen Brunden geht selten in die Kirche. Gewiss, sie hat gehört, dass Malta die meisten Priester hat, aber "die sind Katholiken und wir protestantisch, da geh' ich doch nicht zu den Ketzern, ha, ha!" Sie ist mehrere Wochen im Jahr in Sliema und wechselt öfter die Hotels, die dort The Diplomat oder New Tower heißen und an der breiten Strandstraße nach St. Julian's stehen.

Kennst du eines, kennst du alle, sagt Helen. Sie haben Balkone zum Meer, auf denen gnadenlos die Teatime eingehalten wird, während man auch bei starkem Wind im Mirror blättert. Sie liebt den schrulligen Charme dieser Häuser, an deren Fassaden das Salz nagt wie drinnen das Alter an den Gästen. Manche haben auch ein Schwimmbad auf dem Dach, "doch die meisten", sagt sie, "sind schon so tattrig, dass sie es kaum noch bis oben schaffen. Zum Treffen der Krampfadern", gackert sie und lacht wieder so ein dreckiges Lachen, das ohrenbetäubender ist als tosende Gischt. Wir haben unseren Spaß, sagt sie, mehr Spaß, als nur darauf zu warten, dass sie den Deckel der Kiste über uns schließen. Man kennt sie in halb Birmingham für ihren schwarzen Humor. Ihr Lieblingsspruch lautet, "wenn ich schon alt werde, dann wenigstens nicht bei schlechtem Wetter".

Geh' also ins Foyer eines dieser Hotels, lächele harmlos und warte einfach nur darauf, dass sich die Geschichten zu dir setzen.

Es dauert nicht lange, dann weißt du, dass die Schabracken gern mit der Barkasse zur blauen Lagune fahren und dabei mit beiden Händen im Sturm ihre Hüte festhalten, weil sie niemals darauf kämen, sie abzunehmen. Dass der Kellner einen knackigen Hintern hat. Dass sie nach dem Lunch zum Bingo gehen und sich Zahlen auf die Zettel schreiben, die sowieso keiner versteht. Dass sie abends bis zur City of London in den Hafen schlendern, um es auf die wenig feine englische Art krachen zu lassen und böse über die Malteser herziehen. Über ihr Englisch zum Beispiel, das so hart und schlecht sei wie ihr Brot.

Erst gestern hat einer "You must go värry down!" gerufen, als sie nach dem Weg fragten. Und bevor sie aufstehen von deinem Tisch, erfährst du nach ein paar netten Likörchen noch folgendes: Da wurde doch einer betagten Lady das Gebiss nach Liverpool geschickt, weil sie es im Zimmer liegen gelassen hatte, und, ja, das stimmt wirklich: Es lag schon ein rosa Mieder im Paket und so ein summendes Ding, mit dem man, ha, ha, angeblich auch massieren kann. "Wir werden alle nicht jünger", lacht Helen, Onkel Alzheimer lässt grüßen, dann geht sie raus zu den Bänken an der Promenade, um für neuen Klatsch zu sorgen. Bevor sie ihn wieder vergisst.

Die Engländer haben Malta die Sünde gebracht

Die Engländer haben uns die Sünde gebracht, sagen nicht nur die frommen Menschen auf Malta. Die nackten Titten am Strand, den Schnaps, das Wetten und die Pferde.

Durch sie wurden wir zu Zockern, sagen die Leute von Marsa. Jeden Sonntag ab zwei verfallen sie auf dem Race Track ihrer Sucht, es gibt kaum Hoffnung auf Heilung und manche laufen irgendwann barfuß, nachdem sie Goldringe trugen. Sie wohnen in schäbigen Häusern an der Rennbahn, die ihr Glück und ihren Ruin bestimmt. Sie müssen gleich hin, wenn die Wettbüros ihre staubigen Rollos hochschieben, und noch heute kann es passieren, dass man die blassen Ladys aus St. Julian's beschimpft, weil sie sich in das heiße Elend von Marsa wagen. Ihr seid schuld!

Aber lass sie nur siegen, dann hängen sie ihren schnaubenden Helden Lorbeer um den Hals, und manche sollen ihnen schon zum Dank ihren Fusel zum Saufen in den Eimer geschüttet haben. Dann nennen sie ihren Stall Hard to beat house, hängen ein Bild des Zossen gleich neben Elvis Presley und dem Papst auf, und keiner will sich mehr daran erinnern, die Engländer jemals verflucht zu haben. Sie wetten, wetten, wetten, ihr Schicksal hängt von Quoten ab und einige setzen heimlich in Hinterhöfen auf blutverschmierte Pitbulls, die vorher in Säcke gesteckt und mit Knüppeln geschlagen wurden, damit sie bösartiger werden. Dort hoffen sie im Morgengrauen auf Tiere, die sich zerfleischen, während die Straße runter in Valletta kleine Räume angemietet werden, in denen sich immer häufiger Anbieter für Onlinewetten breit machen.

Denn seit Malta Mitglied der Europäischen Union ist, kann man der Welt noch günstiger das Geld aus der Tasche ziehen. Eine Glücksspiellizenz kostet nur 1200 Euro im Monat, damit kannst du deine Schwiegermutter verwetten, heißt es, wenn sie dir einen guten Preis bringt. "Wetten ist eine interessante steuerliche Gestaltungsmöglichkeit", strunzen die neureichen Pinkel aus der Stadt, den armen Schluckern von Marsa hilft das wenig.

Im Marsa Sports Club redet man auch über Geld, aber so verhalten, dass fast jeder Golfschlag lauter ist. Hier fuchtelt keiner mit der Platin-Kreditkarte herum, dafür ist man lieber bis zur Schmerzgrenze vornehm, yes, indeed, man gönnt sich ja sonst nichts.

Wenn dort wirklich jemand von einer Pleite erführe, hätte er sicher noch die Contenance, bis zum Loch 18 weiterzuspielen. Schließlich hat hier schon Prinz Charles beim Polo die Hufe geschwungen, weil man standesgemäß auf dem Rücken eines Pferdes thront statt ihm wie auf der Trabrennbahn auf den schaukelnden Arsch zu gucken.

Im ältesten Sportclub Maltas hat die Ertüchtigung erbarmungslos Stil, man schwitzt ziemlich dezent, und für England gibt es seit 1901 die volle sportliche Dröhnung: Cricket in (nicht sehr langen) weißen Anzügen und Tennis im strengen Dresscode, versteht sich, und nach dem Golfen steht man ehrfürchtig vor einer Wand im Vereinshaus, an die die größten sportlichen Erfolge in einen Mahagonirahmen genagelt wurden.

Sir Waddington hat viermal ein Hole-in-One gespielt und den Ladies' Record hat wieder Mrs. Borg aufgestellt. Nach dem Spiel lassen sie sich in Clubsesseln aus Leder nieder, lesen die Wirtschaftsblätter, die aus London eingeflogen werden, und wenn du Glück hast, darf selbst ein Deutscher mit seinem Notizblock in der Hand einen Blick auf sie werfen, falls du artig dein bestes May I have a look? herausholst. Es mag aber auch geschehen, dass sie angewidert mit ungerührter Miene ihre Barfrau fragen: Marita, are there visitors today? Ja, sagt Marita, bittet dich lächelnd heraus und schließt die Tür. Hinter dir.

England will gefälligst wieder unter sich sein.

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Autor:
Michael Schophaus