Malaysia
Auf Dschungeltour mit Tiger und Elefant

Von Christoph Pfaff

Im Herzen Malaysias schlummert ein grünes Paradies: der Regenwald Taman Negara. In dem wohl ältesten Urwaldgebiet der Welt wandern Urlauber auf den Spuren der Ureinwohner und hangeln sich über meterhohe Hängebrücken. Aber Vorsicht: Auf dem Weg wird es nass.

Über Hängebrücken geht es durch den Regenwald.
Christoph Pfaff
Über Hängebrücken geht durch den Regenwald.

Der Ausflug beginnt mit einer guten Nachricht: "Wir werden heute keinen Blutegeln begegnen", sagt Guide Herman und zeigt auf unsere Beinbekleidung. "Ihr könnt die Hose also ruhig wieder aus den Socken ziehen." Da es in der Gegend seit einer Woche nicht geregnet hat, halten sich die Egel gerade lieber im Wasser auf, als sich auf den trockenen Wanderpfaden des Regenwalds auf die Lauer zu legen und auf saftig-blutige Menschenbeine zu warten.

Fotostrecke Malaysia: Regenwald Taman Negara

(Fotostrecke: 8 Bilder)

Taman Negara, was übersetzt schlicht "Nationalpark" heißt, liegt zentral auf der Malaiischen Halbinsel und ist mit einer Größe von rund 4350 Quadratkilometern in etwa fünfmal so groß wie Berlin. Dank der Tatsache, dass sich hier nie Eiszeiten oder große Naturkatastrophen ereignet haben, konnte sich der Dschungel in den letzten 130 Millionen Jahren ungestört weiterentwickeln und gehört heute zu den ältesten Urwaldgebieten der Welt. Auf spannenden Touren lässt sich Taman Negara mit einem Guide oder auf eigene Faust erkunden. Einige Besucher bleiben bis zu einer Woche, wir haben Reiseführer Herman für einen Tagestrip gebucht.

Urwaldbewohner hautnah erleben

"Bringt unbedingt Wechselklamotten mit", hatte uns Herman, dessen eher unasiatischer Name von seinem niederländischen Großvater stammt, vorher per E-Mail informiert. Warum, wissen wir bis jetzt noch nicht. Vielleicht wegen der hohen Luftfeuchtigkeit, die wir gleich zum Start der Wanderung durch das grüne Dickicht zu spüren bekommen. Der Rücken ist schon nach Sekunden nass geschwitzt, die 35 Grad Celsius zeigen ihre volle Kraft.

Haus der Orang Asli.
Christoph Pfaff
Haus der Orang Asli.
Grüne Schilder weisen den Weg durch den Dschungel. Zum Canopy Walk, einer Hängebrücke hoch oben in den Baumwipfeln, sind es etwa eineinhalb Kilometer. "Haltet die Augen offen, auf dem Weg dorthin sehen wir vielleicht Tiere", sagt Herman. "Es gibt hier keine Gehege. Die Indonesischen Tiger, Elefanten und anderen Tiere im Taman Negara sind wild." Wir bleiben auf unserem Pfad, der von Schlingpflanzen eingerahmt und von alten, starken Baumwurzeln durchzogen ist - und haben Glück. Über uns hangelt sich gerade eine Makaken-Familie von Ast zu Ast. Die Affeneltern rufen laut, das Junge bleibt still und schaut gespannt auf uns herab.

"Achtung", flüstert Herman plötzlich, während wir noch immer in die Baumkronen blicken. "Bleibt stehen!" Erst jetzt reagieren wir und halten wie erstarrt inne, als wir beim Blick auf den Boden unseren neuen Wanderkameraden entdecken. Ein etwa eineinhalb Meter langer Waran kreuzt gemütlich unseren Weg. Wie in einer Kettenreaktion breiten sich in diesem Moment innerhalb der Gruppe Rückenschauer aus, schließlich hat man schon mal irgendwo gelesen, dass die Riesenechsen durchaus giftig sein können. Dieses Exemplar jedoch macht keine Anstalten, an diesem Tag irgendjemandem etwas anzutun, sondern huscht nach erfolgreicher Überquerung friedlich zurück ins dichte Dschungelgrün.

Wackelig unterwegs in schwindelerregender Höhe

Elf Brücken, zehn Plattformen, 530 Meter lang und bis zu 60 Meter hoch - allein die harten Fakten sprechen dafür, dass sich nur höhentaugliche Besucher auf den Canopy Walk wagen sollten. Die weltweit längste Hängebrücke ihrer Art wurde als stabiles Holzkonstrukt in die Baumwipfel der Urwaldbäume gebaut. Hilfe holten sich die Planer von den Orang Asli, den Ureinwohnern Malaysias, die noch heute mit der Natur leben und genau wissen, wie solche waghalsigen Projekte sicher umzusetzen sind.

So bietet sich dem Besucher ein besonderes Erlebnis, hoch oben in den Kronen der Baumriesen mit einem traumhaften Blick in den Regenwald. Ein bayerischer Tourist, der gerade mit seiner Familie über den Canopy Walk läuft, sieht das allerdings anders: "Ein Albtraum, ein absoluter Albtraum", sind die einzigen Worte, die er auf der wackeligen Brücke wiederholt von sich gibt, während er sich noch langsamer vorwärts bewegt als zuvor der gemütliche Waran. 

Zu Besuch bei den Ureinwohnern

Der feste Boden unter den Füßen währt nicht lange. Nach dem erfolgreichen Bezwingen der Hängebrücke wartet unten am Fluss ein Sampan für die Weiterreise. Das traditionelle asiatische Holzboot nimmt uns mit auf eine ereignisreiche Fahrt über den gelbbraunen Sungai Tembeling, der sich als größtes Flusssystem der Malaiischen Halbinsel durch den Dschungel schlängelt. Unser Ziel: eine Dorfgemeinde der Orang Asli, die ein paar Kilometer flussabwärts im Urwald lebt und uns in ihr naturverbundenes Leben einweihen wird.

Kurz nach dem Ablegen ahnen wir nun endlich, was es mit der Wechselkleidung auf sich hat, die Herman in wasserfeste Säcke verstaut. Angetrieben von einem knatternden Außenborder rasen wir mit hoher Geschwindigkeit über das Wasser und halten direkt auf die "Seven Rapids" zu. Sieben Stromschnellen machen aus dem sanften Fluss einen wütenden Whirlpool, der die Wassermassen in unsere Nussschale peitscht. Es dauert nicht lange und die gesamte Besatzung ist bis auf die Unterwäsche nass. Sich mit Plastiktüten oder anderem Greifbaren zu schützen erweist sich als zwecklos. Dennoch: Die Dusche ist eine willkommene Abkühlung in der schwülen Hitze, obgleich unser Aufzug sicherlich nicht dem Dresscode entspricht, in dem man einer fremden Gemeinde einen Besuch abstatten sollte.

Der Regenwald Taman Negara.
Christoph Pfaff
Grüne Lunge: der Regenwald Taman Negara.
Mua scheint von unserem Zustand nicht überrascht zu sein. Der Dorfälteste und Stammesführer des Dorfes ist es gewohnt, seine Gäste so in Empfang zu nehmen. Der Weg über die Stromschnellen ist der einzige Zugang zu seinem Dorf, da zwischen ihm und der Zivilisation der undurchdringbare Urwald liegt.

Die Orang Asli im Taman Negara leben längst nicht mehr so ursprünglich wie früher. Sie tragen Polohemden und Flip Flops, die sie aus Kleiderspenden erhalten. Doch die Grundsätze ihrer Traditionen als Jäger, Sammler und Halbnomaden haben sich nicht geändert. Sie leben in palmblattgedeckten Hütten und ernähren sich von dem, was ihnen die Natur gibt: Der Fluss schenkt ihnen Wasser und Fische, der Wald Affen und Vögel.

Zwei seiner Söhne seien gerade unterwegs, um das Abendessen zu schießen, erzählt Mua und zeigt auf ein Bündel dünner Holzrohre. Mit diesen Blasrohren - etwa zwei Meter lang und von innen ausgehöhlt - gehen die Männer auf Jagd. Durch kräftiges Pusten werden mit Pflanzengift gespickte Pfeile durch das Rohr geschossen und damit die Beute betäubt.

Während sie mit größter Fingerfertigkeit einen solchen Pfeil herstellen und ihre ausgereifte Jagdtechnik beim Schuss auf eine etwa 30 Meter entfernte Zielscheibe zeigen, erzählen Mua und ein weiterer Sohn vom Leben der Orang Asli, von ihrem Glauben an heilige Geister, die im Dschungel leben, und von der Hoffnung, dass alles noch lange so bleiben wird.

Fasziniert von so viel Lebenstiefe und Wissen über die Natur, vergessen wir glatt, uns trockene Kleidung anzuziehen. Aber das ist vielleicht auch besser so, denn der Rückweg durch die sieben Stromschnellen steht uns noch bevor.

INFOS
ANREISE

Direktflüge von Frankfurt nach Kuala Lumpur bietet Malaysia Airlines ab 850 Euro an. Günstiger wird es z.B. mit Etihad Airways via Abu Dhabi (ab 630 Euro). Der anschließende Bustransfer zum Taman Negara dauert rund vier Stunden.

EINREISE
Zur Einreise genügt ein Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig ist.

REISEZEIT
Günstig sind die Monate Juni bis August, da es dann weniger regnet als sonst. Heiß und feucht mit meist über 30°C ist es jedoch das ganze Jahr über. Am unangenehmsten ist die Regenzeit zwischen Oktober und März, da die Luftfeuchtigkeit dann besonders hoch ist.

IMPFUNGEN
Es sind für die Malaiische Halbinsel bei der Einreise aus Deutschland keine Impfungen vorgeschrieben. Das Auswärtige Amt empfiehlt den Schutz gegen Tetanus, Diphtherie, Polio und Hepatitis A, bei längeren Aufenthalten ab vier Wochen außerdem gegen Hepatitis B, Typhus, Tollwut und Japanische Encephalitis. Dengue-Fieber ist möglich, eine Malaria-Infektion unwahrscheinlich.

AKTIVITÄTEN
Baden in den Kaskaden von Lata Berkoh; geführte, mehrtägige Bergbesteigungen (höchster Berg Gunung Tahan: 2187 Meter); Besuch eines Orang-Asli-Dorfes; Erkundung von Fledermaushöhlen; Fischen mit den Einheimischen; Pflanzen- und Vogelkunde; Spaziergang über den Canopy Walk; (Nacht-)Wanderung durch den Dschungel; Wildwasserfahrt im traditionellen Sampan. 

TOUREN
Mehrtägige, organisierte Trips in verschiedenen Preisklassen bieten zum Beispiel Tahan Holidays (ab 69 Euro, www.tahan.com.my), Sedunia Travel (ab 118 Euro, www.seduniatravel.com) und Peterson Travel (ab 348 Euro, www.peterson-travel.com) an. Bei Zeitmangel ist ein Tagesausflug mit der Taman Negara Day Tour (114 Euro, www.tamannegaradaytour.com) inklusive Bustransfer von/nach Kuala Lumpur, Parkgebühren und Mittagessen optimal.

UNTERKUNFT
In Kuala Tahan gibt es Unterkünfte verschiedener Kategorien, vom schlichten Schlafsaal bis zum gemütlichen Chalet. Ein einfaches Bett im Agoh Chalet (www.agoh.com.my) gibt es ab 11,50 Euro. Die Preise im ansprechenden Urwaldhotel Mutiara Taman Negara (www.mutiarahotels.com) am Eingang des Nationalparks starten bei 74,50 Euro im Doppelzimmer.

REISEFÜHRER
Stefan Loose Travel Handbuch "Malaysia, Brunei und Singapore", 776 Seiten, 24,95 Euro.

Artikel erschienen: Mai 2012