Madrid Das Reina Sofía

Museen für moderne Kunst gibt es in Spanien erst, seit das Land nach Francos Tod den Traditionalismus des Regimes hinter sich lassen konnte. Vorbild für die neuen Ausstellungsstätten im Land ist das 1992 eröffnete und etwas umständlich benannte Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía (MNCARS). Das Renommee des Museums war gewonnen, als ihm der Prado dauerhaft Pablo Picassos "Guernica" überließ, ein Gemälde, das wie kein zweites die Rückkehr Spaniens zur Demokratie verkörpert.

Diese Entscheidung steht für die Absicht, in staatlichen Kunstsammlungen chronologische Ordnung zu schaffen: Alles, was vor 1900 entstanden ist, kommt in den Prado, alles danach ins Reina Sofía. Kein geringer Reiz dieses Museums - die gläsernen Aufzüge an der Außenseite kündigen es an - liegt in der Spannung zwischen Alt und Neu. Untergebracht ist das Reina Sofía in einem Palast, den Karl III. um die Mitte des 18. Jahrhunderts als großes Armenhospital erbauen ließ, und das bei planmäßiger Fertigstellung vermutlich das imposanteste Bauwerk Madrids geworden wäre. Mit dem Tod des Monarchen im Jahr 1788 kamen die Arbeiten jedoch zum Stillstand, von den fünf enormen Innenhöfen, die vorgesehen waren, konnte der Architekt Francisco Sabatini nur einen einzigen vollenden. Es ist jener, der aus dem alten Gebäude fabelhafte Ausblicke gewährt und den Madrilenen im Sommer eine Oase des Schattens und der Ruhe bietet.

Der Aufbau des Museums ist einfach, wenn auch nicht unbedingt praktisch: Der erste und dritte Stock sind für Wechselausstellungen sowie Service-Räume (Bibliothek, Cafeteria, Buchhandlung) reserviert, der zweite und vierte Stock für die ständige Sammlung. Das Übergewicht der spanischen Kunst innerhalb der permanenten Ausstellung ist erdrückend.

In den ersten 20 Sälen findet sich kaum ein Vertreter aus Frankreich, England oder Deutschland. Diese Enge des nationalen Blicks, die auch dem weitgehend abgegrasten Markt für europäische Frühmoderne und fehlenden Ankaufsmitteln zu verdanken ist, weicht in den Sälen mit zeitgenössischer Kunst einem breiteren Panorama der internationalen Produktion. Doch auch hier dienen Namen wie Francis Bacon, Yves Klein und Jean Dubuffet vor allem dazu, die viel zahlreicher vertretenen Spanier in einen größeren Kontext zu stellen.

Entschädigt wird der Besucher mit einem Rundgang durch die spanische Kunst, die von atemraubender Vielfalt und Originalität ist. Juan Gris, Picasso, Joan Miró und Salvador Dalí haben jeweils eigene Säle. Surrealistische Filme Luis Buñuels laufen als Dauervorstellung, um die enge Nachbarschaft in der Moderne zwischen Malerei, Film und Literatur zu betonen. Dazu kommen Werke bedeutender Gegenwartskünstler wie Eduardo Chillida, Antoni Tàpies und Eduardo Arroyo.

Entdeckungen macht man in den hellen, großzügigen Räumen ganz von selbst: Die Werke sind mit viel Sinn für Korrespondenzen, Kontinuitäten und Ironien gehängt. Und dann gibt es noch Schockbilder wie das Gemälde "Unfall" des 1936 gestorbenen Alfonso Ponce de León, der in einer vieldeutigen, traumartigen Szene seinen frühen Tod vorweggenommen hat. So wie der Prado in seinem Saal 12 die "Hofdamen" des Velázquez hütet, so besitzt auch das Museum Reina Sofía sein unbestrittenes Heiligtum: Saal 6 mit "Guernica".

Picasso malte das monumentale Bild für den Spanischen Pavillon bei der Pariser Weltausstellung von 1937 - die Reaktion eines engagierten Künstlers auf die Bombardierung des baskischen Städtchens durch die deutsche "Legion Condor". Es ist der erschütterndste Protest, den die im Bürgerkrieg untergegangene Spanische Republik hinterlassen hat.

In den ersten Jahren nach dem Umzug aus dem Prado war das Gemälde nur durch eine Glasscheibe zu betrachten; heute hängt es frei in einem großen Saal, flankiert von Picassos "Kopf einer weinenden Frau" sowie der über zwei Meter hohen Bronzeskulptur "Die Frau mit Vase", die ebenfalls für die Pariser Ausstellung von 1937 entstanden sind.

Mit seinen Retrospektiven zur zeitgenössischen spanischen Kunst und exquisiten kleineren Ausstellungen der internationalen Moderne ist das Reina Sofía zum wichtigsten Zentrum für Gegenwartskunst in Spanien geworden. Jährlich kommen 1,3 Millionen Besucher. So verwundert es nicht, dass das Haus schon nach knapp zehn Jahren an Grenzen stieß. Im Mai 2001 legte der französische Architekt Jean Nouvel seinen endgültigen Entwurf für die Erweiterung des Museums vor, die rund 75 Millionen Euro kosten wird und gegen Ende des Jahres 2003 abgeschlossen sein soll.

Und abermals treffen sich Alt und Neu: Ein perforiertes Metalldach, das viel Licht hineinlässt, wird hinter dem heutigen Museum ein Ensemble von drei modernen Gebäuden vereinen und den ehrwürdigen Sabatini-Bau mit originellen Räumen erweitern. Durch den neuen Bereich, der Bibliothek, Vortragssaal und Räume für Wechselausstellungen enthalten soll, wächst die Gesamtfläche des Museums um rund 50 Prozent auf 76.000 Quadratmeter. Von der Erweiterung profitieren auch die jüngeren Künste. Das Reina-Sofía-Museum des 21. Jahrhunderts wird imstande sein, Teile seiner bemerkenswerten fotografischen Sammlung als Dauerausstellung zu präsentieren.

Quelle:
Autor:
Paul Ingendaay